Als ,,Held'' fühle er sich nicht, sagt Ingo S. bescheiden. Dabei ist es seinem beherzten Eingreifen wohl zu verdanken, dass die heute vierjährige Vanessa noch am Leben ist. Beim Anblick des brutal misshandelten Kindes hatte er als einziger von 15 Personen die Polizei informiert.
Ingo S. war an jenem 1. Oktober vergangenen Jahres Gast in einem Wiesbadener Waschsalon. Schon beim Betreten bemerkte er, dass ,,alle Leute in eine Ecke starrten, wie in einem Film''. In der Ecke lag ein Bündel Mensch, es war die kleine Vanessa aus München, ausgezehrt und am ganzen Körper grün und blau geschlagen.
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,,Mich erinnerte das Kind sofort an einen KZ-Film'', meinte Ingo S. Ein Mann und eine Frau, die er für ihre Eltern hielt, wuschen seelenruhig ihre Wäsche, der Mann gab dabei genaue Anweisungen. ,,Die Frau wirkte wie hörig'', so der Zeuge. Er habe gemerkt, dass auch all die anderen rund 15 Personen im Waschsalon irritiert waren, doch niemand habe sich getraut, etwas zu sagen.
Der Mann und die Frau sind Roland B., 32, und Nicoletta W., 24. Sie sind am Landgericht München I angeklagt, die kleine Vanessa monatelang gequält und misshandelt zu haben. Der massiv vorbestrafte Roland B. war erst im Sommer 2005 aus der Haft entlassen worden und hatte sich bei Nicoletta W. in deren Wohnung am Cosimapark eingenistet. Die Mutter der kleinen Vanessa war schon zuvor dem Jugendamt aufgefallen. Sie war offensichtlich überfordert mit dem Kind und sollte daher in ein Betreuungsprogramm aufgenommen werden.
Eine Vertreterin vom Jugendamt berichtete gestern als Zeugin, dass es anfangs zu mehreren Kontakten mit Nicoletta W. kam und schließlich auch ein Anhörungstermin beim Familiengericht vereinbart wurde. Zu diesem Termin erschien die Mutter dann zusammen mit Roland B., die Tochter aber fehlte. Vermutlich war das Kind zu diesem Zeitpunkt schon schwer misshandelt worden. Das Jugendamt schöpfte Verdacht - zumal sich inzwischen auch ein Nachbar gemeldet hatte - und setzte einen neuen Termin an. Am 29. September suchte die Vertreterin unangemeldet die Wohnung auf, doch das Pärchen hatte sich nach Wiesbaden abgesetzt.
Dort zeltete es in einem Waldstück. Laut Anklage zwang Roland B. das Mädchen in der Nacht, stundenlang nackt im Regen vor dem Zelt zu stehen, weil es seinen Schlafsack eingenässt hatte. Das stark unterkühlte Kind bekam hohes Fieber. Am 1. Oktober kam es dann zu der Begegnung im Waschsalon. Roland B. soll das in einem Schlafsack eingeschnürte Mädchen auf einer Fensterbank abgelegt haben. ,,Es war ein schrecklicher Anblick'', erinnert sich Zeuge Ingo S. Das Kind habe keinen Mucks getan und habe ,,wie versteinert'' gewirkt. ,,Ich bin selbst Vater'', sagte Ingo S., ,, ich dachte sofort, dass es misshandelt worden ist.''
Der muskulöse und mit Tätowierungen übersäte Roland B. sei ihm merkwürdig vorgekommen. ,,Ich hatte das Gefühl, dass hinter seinem freundlichen Gesicht viel Aggressivität steckt.'' Ingo S. wartete, bis der 32-Jährige einen Teil der Wäsche zu einem Taxi trug und davonfuhr. Dann fragte er Nicoletta W., warum das Kind so aussehe. ,,Sie sagte, es sei hingefallen'', erinnert er sich. Das habe er ihr aber nicht geglaubt. Ingo S. rief die Polizei, und die nahm die Mutter fest. Roland B. wurde einige Tage später gestellt.
Die kleine Vanessa lebt inzwischen bei Pflegeeltern. Nicoletta W. schrieb in einem Brief ans Jugendamt, dass sie ihre Tochter ,,sehr vermisse''. Das Kind hat sich nach Angaben der Jugendamtsvertreterin inzwischen ,,erholt''. Es zeige aber eine ,,grundsätzliche Angst vor Männern'' und wirke ,,extrem angepasst''. Der Prozess dauert an.
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