DJ Mirko Hecktor im Porträt Klassensprecher der Club-Szene

Kaum jemand hat sich so um das Münchner Nachtleben verdient gemacht wie Mirko Hecktor - jetzt startet er seine "Mjunik Disco Radio Show". Mit uns sprach er über Disco, DJs und seine Mission im Namen des guten Geschmacks.

Von Beate Wild

Was heißt denn hier Disco. Disco, das ist nicht einfach nur ein Tanzlokal, in dem ein Discjockey Platten auflegt und die Gäste zur Musik tanzen. "Disco ist doch der gesamte soziale Kosmos, der mit dem Ausgehen und der Popkultur zusammenhängt", sagt Mirko Hecktor voller Überzeugung. "Disco ist eben auch ein Fashion-Statement, eine Lebenshaltung."

Mirko Hecktor an den Plattentellern in der Goldenen Bar im Haus der Kunst. Dort veranstaltet er die Donnerstagabende - und im Sommer auch wieder die "Sunday Sundowner" auf der Terrasse.

(Foto: Carmen Wolf)

Wenn das einer wissen muss, dann Mirko Hecktor. Vor mehr als drei Jahren hat der 37-jährige Münchner DJ sein hochgelobtes Buch Mjunik Disco herausgebracht, das 60 Jahre Münchner Nachtleben dokumentiert. Seither gilt er als Feier-Experte und Klassensprecher der hippen Szene. Kaum jemand hat sich in den letzten Jahren so sehr um das Münchner Nachtleben verdient gemacht wie er.

Wer Mirko Hecktor in Aktion, also beim Plattenauflegen in einem Club, erlebt, merkt sofort, mit welcher Leidenschaft er diesen Job betreibt. Er tanzt hinterm DJ-Pult expressiv zu seiner Musik, animiert das Publikum, schreit Sachen auf die Tanzfläche, ist für jeden Spaß zu haben, nimmt sich selbst nicht zu ernst. Ausgehen und feiern ist für ihn Exzess. Als DJ sieht er es als seine Aufgabe an, diesen mit seiner Musik zu befeuern.

Doch Hecktor ist nicht einfach nur ein DJ. Er ist ausgebildeter Balletttänzer, hat unter anderem beim Bayerischen Staatsballett getanzt, als Choreograph gearbeitet, Theaterwissenschaften studiert. Er schreibt Texte - unter anderem für das Stadtmagazin Superpaper, bei dem er Ko-Chefredakteur ist, veranstaltet Partys und Ausstellungen, mixt Musik und presst sie auf Platten und er legt Musik in Clubs auf. Er ist umtriebig, tatkräftig, vor Ideen nur so sprudelnd. Ohne Berührungsängste mit anderen Kunstformen. Hauptsache kreativ. Hauptsache es geht weiter, nach vorne.

An diesem winterlichen Nachmittag ist der große, schlacksige Künstler in die Kneipe "Schall & Rauch" in der Maxvorstadt gekommen, um über sein neuestes Projekt zu plaudern: eine eigene Radioshow. Am Mittwoch um 21 Uhr startet beim Radiosender egoFM (München 100,8 MHz) die wöchentliche "Mjunik Disco Radio Show", die Hecktor abwechselnd mit seinem DJ-Kollegen Peabird moderieren wird.

Da ist es wieder, das Konzept "Disco". Die Sendung heißt wie sein Buch. "Mjunik" soll den Bezug auf die Münchner Musikszene ausdrücken. "Ich will vor allem Platten, Labels und Künstler aus München vorstellen", sagt er. Da gebe es so viel zu entdecken. Und natürlich nicht nur Disco-Musik im eigentlichen Sinn, sondern ebenso alle möglichen anderen Stilrichtungen wie House oder Hip-Hop. Nicht nur nagelneue Tracks, auch alte Scheiben, will er spielen. Beispielsweise "Tune It Up" von La Bionda. "Das Stück wurde 1979 in den sagenumwobenen Musicland Studios im Münchner Arabellapark aufgenommen, in denen schon der legendäre Giorgio Moroder seine großartigen Sachen aufnahm und dort Donna Summer zum Weltstar machte", schwärmt Hecktor.

Solche Geschichten kann der Münchner stundenlang mit Begeisterung erzählen. Er führt alles bis ins kleinste Detail aus, dabei leuchten seine Augen. Hin und wieder fährt er sich mit seiner Hand durch die schulterlangen Haare. Er redet sehr konzentriert. Hin und wieder nimmt er einen Schluck von seinem Earl-Grey-Tee, um gleich darauf schon die nächste Anekdote hervorzuzaubern. Wer sich mit Mirko Hecktor unterhält, dem entgeht nicht, dass er von seinem Metier viel Ahnung hat. Er beschäftigt sich gerne mit Musik, wühlt oft in den Archiven, gräbt Verlorengeglaubtes aus und recherchiert vergessenen Bands hinterher.

In München legt Hecktor in vielen bekannten Clubs auf, etwa Blumenbar, Charlie, Kong und Pimpernel. Hin und wieder geht es für Gigs auch nach Berlin oder Hamburg, aber auch im Ausland ist er als DJ gefragt. Demnächst ist ein Engagement in Wien und sogar ein Festival in Bulgarien an der Reihe.

Hecktor sieht sich als Musikbotschafter. Er will nicht einfach nur den Leuten Musik vorspielen, damit sie dazu auf einer Tanzfläche ihre Hüften bewegen. Mirko Hecktor hat eine Mission. Eine Mission im Namen des guten Geschmacks. Heute gebe es DJs, sagt er etwa empört, die würden sich eine Playlist der am meisten heruntergeladenen Songs zusammenstellen und diese dann einfach so im Club herunterleiern. So jemand sei doch kein DJ. Zu diesem Job gehöre schon etwas mehr, als nur die angesagten Hits in Dauerschleife zu spielen.

Hecktor schüttelt den Kopf. Dieser neue DJ-Stil ist nicht sein Ding. Überhaupt das Nachtleben, sagt er, das sei heute nicht mehr so wie früher. "Gerade Erwachsene wie ich, wo sollen die denn hingehen?", fragt er. Doch auch hier ist Tausendsassa Mirko Hecktor schon dabei, Abhilfe zu schaffen. In der Goldenen Bar im Haus der Kunst organisiert er jede Woche den Donnerstagabend. Unter dem Motto "Thursday Hideout" gibt es elektronische Musik von ausgewählten DJs. "Für Erwachsene", sagt er und grinst.

Letzten Sommer hat er dort auch zum "Sunday Sundowner", einer sonntäglichen Chill-out-Party auf den Terrassen des Museums, eingeladen. Es waren wohl die besten Sonntagabende, die München seit langem gesehen hat. Von Mai an, sobald das Wetter warm genug ist, geht es mit den Terrassen-Partys wieder los.

Bis dahin hofft Hecktor, schon ein Album mit Disco-Loops auf seinem Label Hecktor-Records veröffentlicht zu haben. "Mit redundanten Song-Schnipseln, die wie ein Mantra wirken", erklärt er. Und auch mit einem Nachfolgeprojekt zu Mjunik Disco liebäugelt er: "Mir schwebt ein multimediales E-Book vor, mit Audio-Files und Film-Ausschnitten aus den Clubs von damals."