Diskussion über das Böse Der Mörder in uns

Das personifizierte Böse: Schauspieler Jack Nicholson im Stephen King-Film "Shining".

(Foto: HAWK FILMS)

Psychologen, Polizeibeamte und Theologen diskutieren über das Böse. Warum werden manche Menschen zu Verbrechern - und andere nicht? Der frühere Mordermittler Josef Wilfling sagt: "In jedem von uns steckt ein Mörder".

Von Florian Fuchs

Wer dem Bösen auf die Spur kommen will, der kommt an zwei Geschichten nicht vorbei, an die sich der ehemalige Leiter der Münchner Mordkommission Josef Wilfling aus seiner Dienstzeit erinnert: Einmal gab es diesen Mann, von Beruf ausgerechnet Polizist, der in einer Nacht zwei Menschen enthauptet hat, um sich "lumpige 120.000 Euro" unter den Nagel zu reißen. Wilfling bezeichnet den Fall als "eines der schlimmsten Verbrechen in der deutschen Nachkriegsgeschichte". Und dann gab es die Frau, die über Jahre von ihrem Mann geschlagen und misshandelt wird. Irgendwann bringt sie ihre Kinder aus der Wohnung, kehrt zurück und rammt ihrem Mann ein Küchenmesser in die Brust. Und dann wieder. Insgesamt 30 Mal.

Die Frage ist nun: Ist dieser Mann, der aus Gier tötet, von Natur aus böse? Und wie böse ist dann die Frau, die aus Verzweiflung handelt und sich nicht mehr anders zu helfen weiß?

Die Bayerische Polizeiseelsorge hat an diesem Dienstag eingeladen zu einem Studientag mit Psychologen, Theologen und Ermittlern, auch ein Künstler ist gekommen. Zu klären gilt es, was denn das Böse sei. Eine Definition bringt der Tag nicht. Wie auch?

Auf einige Grundformeln können sich die Diskutanten vom Fach aber durchaus einigen: So ist es, abgesehen von kranken Menschen etwa mit Wahnvorstellungen, die freie Wahl einer jeden Person, ob sie bei ihren minütlichen Entscheidungen eher gut oder eher böse handelt. Die Entscheidungen sind beeinflusst von Umweltfaktoren. Und: Im Gegensatz zu Film und Literatur gibt es in der Realität nicht das rein Gute und auch nicht das rein Schlechte. Überspitzt bringt es vielleicht Josef Wilfling auf den Punkt: "In jedem von uns steckt ein Mörder."

Gefängnis oder Management

Traumapsychologin Rannveig Gerlach etwa ist überzeugt, dass sich jeder Mensch zwischen den beiden Polen Gut und Böse bewegt und eben täglich durch sein Handeln mehr oder weniger in die eine oder andere Richtung ausschlägt. Ein Hannibal Lecter sei ihr im wirklichen Leben noch nicht untergekommen, aber natürlich gebe es diese Menschen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung, sprich: Psychopathen.

Sie missachten soziale Verpflichtungen, sind kaum fähig zu Empathie und schnell frustriert. Dies, sagt Gerlach, seien aber auch Eigenschaften so mancher Führungskraft. Wieso landen also die einen wegen Tötungsdelikten im Gefängnis und die anderen im Management, wo sie zwar "fürchterliche Chefs", aber durchsetzungsstark und letztlich in ihrer Karriere erfolgreich seien? Die Antwort gibt die Psychologin selbst: Es gibt andere Einflüsse und Erfahrungen, die einen prägen, zum Beispiel "die berühmte schwierige Kindheit".

Mangelnde Wertevermittlung, schlechte Vorbilder in Kindheit und Jugend, so selbstverständlich das klingt, geben kein solides moralisches Wertegerüst. Auch aus theologischer Sicht, bestätigt Moraltheologe Anton Schuster, sei das Böse kein eigenständiges Prinzip. Vielmehr seien die Menschen Einflüssen ausgesetzt, die sie zu schlechten Taten verleiten. Dies seien keine Entschuldigungen, aber Erklärungen für kriminelles Verhalten.

Gier, Hass oder Eifersucht

Nun ist es aber nicht so, dass jeder Mörder und Vergewaltiger eine schwere Kindheit hatte. Staatsanwältin Nicole Selzam betont, dass es bei niedrigschwelliger Kriminalität wie Diebstählen oft Persönlichkeitsmuster der Täter gebe, die eben immer wieder klauten. Bei Morden aber kämen ihr sowohl Täter unter, die schon als Jugendliche häufig straffällig wurden, als auch 40-Jährige, die noch nie auffällig waren und plötzlich jemanden umbringen.

Der frühere Mordermittler Josef Wilfling also ist der Ansicht, dass jede böse Tat eine unheilvolle Vorgeschichte hat, zum Beispiel Gier, Hass oder Eifersucht eine Rolle spielen. Klassische Mordmerkmale also. Der Polizist, der zwei Menschen enthauptete, habe eindrucksvoll beschrieben, erzählt Wilfling, wie er nächtelang wach gelegen und das Verlangen nach dem Geld gewachsen sei, bis er zur Tat schritt. "Jeder von uns kann in eine Lebenssituation kommen, die er jetzt noch für unmöglich hält."

Alle Mörder hätten ihm in Vernehmungen geschworen, dass sie Monate vor einer Tat nie gedacht gehabt hätten, zu so etwas fähig zu sein. Und doch gebe es bei kriminellen Taten Unterschiede: Die misshandelte Frau, die ihren Mann umbringt, sei sicherlich nicht so böse wie andere Täter.