Die Toten Hosen in München Predigt des Stadionsprechers

Tourauftakt der Toten Hosen in Leipzig.

(Foto: dpa)

Die Fans tragen Trikots, schwenken Fahnen und gröhlen Fußballhymnen. Beim Auftritt in der Münchner Olympiahalle begeistert Campino das Publikum und schafft Stadionatmosphäre. Warum ein Konzert von den Toten Hosen trotzdem nicht wie ein Fußballspiel ist.

Von Matthias Huber

Auf den ersten Blick geht es um Fußball. Viele im Publikum tragen Trikots und Schals, von Borussia Dortmund, von 1860 München und natürlich von Fortuna Düsseldorf. So sind sie am Samstagabend in die Münchner Olympiahalle gekommen, zum Konzert der Toten Hosen. Eine Band, die gerne auch mal über, für und gegen Fußballvereine singt.

Beim Konzert deshalb auch: Ein bisschen Atmosphäre wie im Fußballstadion. Campino gibt zwischen den Songs den Stadionsprecher, immer bodenständig, "einer von uns", der nach dem Spiel mit den Fans in die nächste Eckkneipe geht. Leute im Publikum schwenken andächtig Fahnen mit dem Bandlogo. Und sie grölen bereitwillig, was man im Fußballstadion eben so grölt. Die wohlbekannte Melodie von "Seven Nation Army" von den White Stripes, zum Beispiel, als es darum geht, Campino und Co. zur ersten Zugabe wieder auf die Bühne zu holen.

Nur ist es so, dass im Fußballstadion der Ausgang ungewiss ist. Bayern gegen den BVB, 1:1. Die Toten Hosen und ihr Publikum: "Bis zum bitteren Ende", so wie immer. Es ist die Verbindung zwischen Band und Zuschauern, die eine Show der Toten Hosen für die Fans zu etwas Besonderem macht. Wenn Campino zu ihnen spricht, dann immer mit großem Pathos. Er stilisiert das Konzert zum emotionalen Gemeinschaftserlebnis: "Es ist geil, diesen Abend mit euch zu feiern", versichert Campino dem Publikum, "weil diesen Abend werden wir nie wieder genau so erleben." Es klingt ein wenig nach Poesiealbum für denjenigen, der sich darauf nicht einlassen will. Und dann "Tage wie diese", die Fortuna-Aufstiegs-Hymne, inklusive Konfettiregen am Songende.

Immer wieder dieselben Lieder

Dabei ist die Show bombastisch und makellos. Zwei Leinwände rechts und links der Bühne zeigen zwar hauptsächlich Campino in Großaufnahme, doch aus mindestens einem halben Dutzend verschiedenen Kameraperspektiven, aufwändig produziert und live geschnitten, im Takt der Musik. Hinter der Band ebenfalls Leinwand: Sie zeigt mal eine Lightshow, mal symbolhafte Clips, mal Livebilder vom feiernden Publikum.

Das Problem sind nicht die Lieder oder die Performance der Toten Hosen. Sie sind voller Energie, reißen mit, sind so begeistert wie begeisternd. Es sind Campinos predigende Ansagen, die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Rolle als Party-Anheizer ausfüllt. Für Überraschungen ist da kaum Platz. Stattdessen "immer wieder dieselben Lieder". Das Stück, aus dem diese Zeile stammt - "Altes Fieber" - ist dann auch gleich das zweite Lied, das die Toten Hosen singen.

Einmal kündigt Campino, ganz ironisch, an, dass es da in Berlin diese völlig unbekannte neue Band gebe, die ganz großartig sei. Und dass sie jetzt ein Lied von denen spielen werden. Gemeint sind die Ärzte, die andere große Punkrock-Band Deutschlands, deren größter Verdienst es ist, sich stets genau die spaßige Lockerheit bewahrt zu haben, die den Toten Hosen vor lauter Sendungsbewusstsein viel zu oft abgeht. Das Lied dann aber ausgerechnet: "Schrei nach Liebe". Vielleicht der einzige Ärzte-Song, dessen Text sowieso eher von den Toten Hosen stammen könnte.

Die Sache mit dem FC Bayern

All die nur angestrengte Lockerheit weicht aber, sobald es auch nur entfernt um Fußball geht. Campino scheint dann endlich das Spontane zu entdecken, spielt mit dem Publikum, kokettiert mit seinem Image als Stadionsprecher direkt aus der Fortuna-Fankurve, und findet darin ausnahmsweise das Unvorhersehbare. Er erzählt, dass er in diesem Jahr auf dem Oktoberfest war, und wie er "nach fünf Maß Starkbier" aufgewacht ist, mit einem Lebkuchenherz um den Hals, auf dem "Mia san mia" stand. Jeder glaubt zu wissen, was jetzt kommt: Die Sache mit dem FC Bayern. Doch Campino singt "Auswärtsspiel".

Einige Lieder später spricht er es direkt an, so direkt es eben in München möglich ist. "Wollt ihr wirklich, dass wir dieses verbotene Lied spielen?" Die Antwort ist eindeutig, aber Campino macht weiter. Dass sie ja nur verlieren können, ob sie den Song spielen oder nicht. Unter Fußballfans, da muss man sich so etwas doch immer ein wenig übel nehmen. Er provoziert noch ein bisschen: "Diesen Song müsst ihr euch erst verdienen." Und vertröstet - vielleicht - auf später.

So lange, bis man schon geglaubt hat, die Toten Hosen würden sich wirklich nicht trauen, ausgerechnet hier "Bayern" zu spielen. Erst in der vierten Zugabe ist es dann soweit: "Ich habe nichts gegen München, ich würde nur nie zu den Bayern gehen." Und es gelingt einer der wenigen Momente des Abends, der sich tatsächlich so speziell und einzigartig anfühlt, wie es Campino die ganze Zeit über beschwört.

Zum Schluss "You'll Never Walk Alone", die große Fußballhymne des FC Liverpool. Das Lied ist irgendwann zu ende, das Publikum singt noch ein paar Minuten weiter. Am hinteren Rand der Arena steht ein Fan, hat die Arme ausgebreitet und sich den Zuschauern auf den Sitzplätzen zugewandt. Er tut so, als lasse er sich von ihnen feiern wie ein Torschütze von der Fankurve. Und er trägt ein Trikot des FC Bayern, Rückennummer 10, Arjen Robben.