Von Rudolf Neumaier

Klatsch-blutige Hände, Bravo-raue Kehlen - Opernschwärmer haben Hochsaison.

Phänomenal: Sie klatschen und klatschen. 18 Minuten geht das schon so, immerzu rufen sie Bravo. Nach 22 Minuten klatschen sie rhythmisch. Werden sie jetzt ungeduldig? 25 Minuten, ihre Hände müssen bluten, sie wollen Edita Gruberova sehen, einmal noch.

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"Braaavo!" Sie trampeln mit den Füßen. 30 Minuten - es wird Zeit, Herrn Schneider und Herrn Häsemann zu Wort kommen zu lassen. Herr Schneider und Herr Häsemann tragen die einfache Uniform der Einlassdiener mit ebenso großer Würde wie ihr Amt im Nationaltheater, Parkett rechts.

Herr Schneider: "Wenn die Gruberova singt, ist es schlimm. Dann gehen sie gar nicht mehr. Gell, Herr Häsemann?"

Herr Häsemann: "Bei der Waltraud Meier dauert das auch sehr lange."

Herr Schneider: "Eine halbe Stunde. Was soll man machen? Man kann ihnen ja nicht sagen, schleichts euch." Herr Häsemann: blickt zur Uhr.

Herr Schneider: "Dass die nicht merken, dass die Sänger ihren Feierabend wollen nach so einer Anstrengung."

Herr Häsemann: "Wir ja auch."

Herr Schneider: "Naja, andererseits ist's ja schön. Wenn sie klatschen, hat es ihnen gefallen, nicht wahr."

Eine halbe Stunde ist vorbei. Die Gruberova, sie kommt nicht mehr. Ein letztes Klatschen, dann geben sie auf, huschen hinaus. "Einen schönen Abend noch", sagen die Einlassdiener - aber das kriegen die also Angesprochenen nicht mehr mit.

Jetzt nur keine Zeit verlieren, schnell zum Bühnenausgang. Vielleicht können sie mit der Gruberova plaudern, vielleicht bleibt der Alvarez stehen. Noch im Laufen zücken sie die Stifte.

Wie soll man sie bezeichnen? Fans? Claque? Große Kinder? Opernverrückte? Groupies darf man auf keinen Fall sagen, denn es handelt sich überwiegend um achtbare Damen jenseits der 50, die höchstens beim Anblick von Marcelo Alvarez rot werden. Zur Festspielzeit antichambrieren sie fast jeden Abend im Pulk vor der Pforte, durch die die Stars in den Feierabend schreiten.

Bis hinaus auf die Maximilianstraße stehen sie. Wie hungrige Schafe, die zum Futter drängen. Gemeinsam schwärmen sie - genau, Schwärmer passt - , als müsste heute die Aufführungsgeschichte von Donizettis "Lucia di Lammermoor" neu geschrieben werden. Man kennt sich: Frau Schwarz, die sich wieder die Hände blutig geklatscht hat - die Handflächen sind tatsächlich wund, es musste so kommen! - Herr Ullmann, Frau Soundso. "Guten Abend. Schon hier? Waren Sie heute gar nicht klatschen?"

Das Bild mit den Schafen mag auch Diethard Jünke hinter der Glasscheibe seines Pförtnerstübchens vor Augen haben. "Manchmal ist es so ein Gedränge, dass wir für Ordnung sorgen müssen", sagt er. Dabei hilft ihm dann ein Kollege vom privaten Sicherheitsdienst. Wahrscheinlich versteht Diethard Jünke diesen ganzen Trubel nicht.

Er hört während der Vorstellung Shakin' Stevens auf Radio Arabella und würde die Gruberova oder den Alvarez nie um ein Autogramm bitten. Die Sänger seien ja gewissermaßen Kollegen, sagt er.

Wobei dieser Alvarez ein Prachtkerl von Tenor ist. Argentinier. Würde auch als Stierkämpfer durchgehen. "A very, very beauty voice, Senior Alvarez", sagt eine von den älteren Schwärmerinnen und hüstelt mit geschürzten Lippen ein "Höhöhö", als habe sie gerade etwas Ungebührliches von sich gegeben.

Senior Alvarez verpasst ihr nicht nur Autogramme auf mitgebrachte CD-Booklets und Zeitungsausschnitte, sondern auch - ein Küsschen. Es schwillt die Brust, die Augen funkeln wie bei einem liebestollen Teenager. Die Frauen drum herum schauen so, wie man schaut, wenn man gar nicht neidig schauen will.

Sänger, die ihre Ruhe haben wollen, flüchten durch einen Nebenausgang. Warum kommen die Chorsänger, Statisten und Saaldiener nicht auf diese Idee? Missmutig pflügen sie durch die Herde der Schwärmer. "Platz da!"

Allein den Schwärmern ist's einerlei. Denn jetzt erscheint die Gruberova. Edita Gruberova, eine Nachtigall von Sopranistin, hat soeben ihre 197. Lucia gesungen. Jetzt muss sie annähernd ebenso so viele Autogramme schreiben, Komplimente entgegen nehmen und Fragen beantworten. Warum sie nicht mehr in Zürich singt, und wie das nächstes Jahr mit Hamburg ist, und dass "Ihre hohen Töne noch schöner geworden sind".

Einen jungen Wiener, der vor Aufregung zwinkert, ignoriert sie. Ansonsten geht die Primadonna auf alle Fragen ein. Publikumspflege gehört zum Geschäft: "Das ist überall so", sagt sie, "die meisten Leute kenne ich schon vom Sehen." Nach dem dreißigsten Smalltalk hebt die Nachtigall ihre Hand, winkt. Das bedeutet, erfahrene Schwärmer wissen das: Jetzt is' aber gut.

Zwei Tage zuvor nach einer Aufführung von Händels "Rodelinda" stand ein Herr in der Ecke, daneben lehnten seine Krücken an der Wand. Er sagte, er sei 88 Jahre alt und seit 1954 liebe er die Oper. Der Mann hatte nur ein Notizbuch in der Hand. Es war kurz vor Mitternacht. Der Mann war nicht in der Vorstellung, er kann sich das nicht leisten - finanziell.

Mit seinen Krücken, dem Buch und dem Kugelschreiber hatte er sich nachts auf den Weg gemacht. Warum? "Ich wollte die Röschmann kennen lernen." Dorothea Röschmann, Sopranistin. Sie nahm sein Notizbuch und kritzelte mit seinem Kugelschreiber das Datum und ihren Namen hinein und sagte: "Bitteschön."

Er verbeugte sich und sagte: "Danke." Den ganzen Heimweg mit den Krücken hat er von dieser Begegnung geschwärmt. Bald hat der alte Mann sein zwölftes Buch voll mit schönen Stimmen.

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