Die Depression des Münchner Buchhandels ist überwunden, aber die kleinen Geschäfte müssen sich spezialisieren, um zu überleben.
Ein Harry-Potter-Jahr ist ein gutes Jahr für den Buchhandel. Sobald ein neuer Band herauskommt, steigen die Umsätze rasant. So hat die Buchhandels-Kette Hugendubel beim Erscheinen des letzten Romans vor drei Jahren sofort 25 000 Bände verkauft. Harry Potter brachte dem Münchner Unternehmen einen zusätzlichen Umsatz von einer halben Million Euro - in einer Woche. Wenn am 8. November die deutsche Übersetzung des fünften Bandes verkauft wird, geht der Rummel erneut los, und nach einem Monat haben vor allem die großen Läden einige Potter-Millionen verdient.
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Doch auch ohne den britischen Zauberlehrling wäre das Jahr 2003 für den Münchner Buchhandel einigermaßen erträglich. Nachdem im Vorjahr in vielen Betrieben die Umsätze zurückgegangen waren, deutet sich ein Ende der Krise an. So bilanziert Hugendubel, nach Thalia Deutschlands zweitgrößte Buchhandlung, dass seit März die Verkaufszahlen besser werden. Auch der Börsenverein des deutschen Buchhandels hält die Depression für überwunden. Und kleinere Münchner Buchhändler bestätigen den Trend: "Wir wollen uns nicht beklagen", sagt Hilde Schiwek von der Schwabinger Autorenbuchhandlung. "Es läuft wieder besser, auch wenn unsere Selbstausbeutung ebenfalls wächst." Schiwek arbeitet mehr als zehn Stunden täglich; früher hatte sie zwei Mitarbeiterinnen, inzwischen ist es nur noch eine. Andere Buchläden werfen - trotz besserer Ergebnisse als im Vorjahr - so wenig Gewinn ab, dass sich die Inhaber einen Nebenjob suchen müssen.
Die Krise der letzten Jahre hat in vielen Betrieben zu einem Nachdenken über das eigene Unternehmenskonzept geführt: "Viele haben ihre Position überdacht und ihren Betrieb besser ausgerichtet", bilanziert Klaus Beckschulte vom Verband bayerischer Verlage und Buchhandlungen. Nach seiner Ansicht hilft den zahlreichen kleinen Unternehmen nur eine klare Positionierung: "Wer nur wenig Ladenfläche hat, kann nicht mit Hugendubel konkurrieren, sondern braucht ein eigenes, möglichst unverkennbares Profil."
Das könne - wie bei der Autorenbuchhandlung oder beim Traditionshaus Lehmkuhl - die Konzentration auf anspruchsvolle Literatur sein; erfolgversprechend seien auch Nischen-Programme, wie sie die Krimi-Buchhandlung Glatteis oder der Eisenbahn-Buchladen Stiletto anbieten. Auch die Münchner Buchhandlung Schweitzer Sortiment, spezialisiert auf juristische Literatur, genießt die Folge ihrer Nischen-Politik: Die Rechts-Experten, die ihre Zentrale nahe dem Justizpalast haben, profitierten von der Gesetzesflut des letzten Jahres; ihr Umsatz stieg 2002 von 80 auf 90 Millionen Euro. In der Rangliste der größten deutschen Buchhändler kletterte das Unternehmen damit von Rang 16 auf Rang 6 - nur wenige Plätze hinter den deutschen Umsatz-Riesen Thalia (325 Millionen Umsatz) und Hugendubel (210 Millionen). Trotz schwieriger Jahre ist die Zahl der Buchläden in München immer noch konstant: Derzeit gibt es 213 Geschäfte, von denen manche mehrere Filialen betreiben. Zwar mussten Schwabinger Traditions-Läden wie die Amalienbuchhandlung oder Bücher Lachner Insolvenz anmelden. Doch dies seien Ausnahmen, betont Klaus Beckschulte: "Die Buchhandlungs-Dichte ist in München noch immer ausgesprochen hoch." In anderen Großstädten wie Berlin oder Hamburg ist sie erheblich niedriger.
Optimisten unter den Buchhändlern verweisen auf Umfragen, nach denen ein Großteil der Kunden lieber in kleinen Läden einkauft und persönliche Beratung möchte. Pessimisten entgegnen, dass das Wachstum einzelner Großer zu Einbußen der kleinen Betriebe führen werde. So macht die Kette Weltbildplus, deren Zentrale in München sitzt, derzeit rasant Karriere: Ihr Sortiment, das aus wenigen zugkräftigen Titeln besteht, brachte 2002 nach Angaben des Branchenmagazins Buchreport ein Umsatzwachstum von 60 Prozent auf 185 Millionen Euro.
Noch hilft den kleinen Münchner Buchläden die Buchpreisbindung - doch auch hier zeichnen sich Änderungen ab. So gibt es bei Weltbildplus viele Bücher mit leicht veränderter Aufmachung billiger als im normalen Buchhandel. Auch der Bertelsmann Buchclub agiert offensiver - mit schnelleren Veröffentlichungen: Wer die Billig-Versionen der Bestseller will, muss nicht mehr etliche Monate warten. Und auch Hugendubel stellt sich darauf ein, dass die Fixpreise nicht ewig gelten: "Wir werden die Preisbindung nicht hochhalten und damit untergehen", sagte Geschäftsführer Maximilian Hugendubel dem Magazin Buchreport.
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