Jugendamtschefin Maria Kurz-Adam über die mutmaßlichen Täter von Solln und die "Qualitätsoffensive", die Kritiker für ein Sparprogramm halten.
Jugendamtschefin Maria Kurz-Adam über die mutmaßlichen Täter von Solln, die steigenden Ausgaben für Kinder in Not und ihre "Qualitätsoffensive", die Kritiker für ein verkapptes Sparprogramm halten. Am Dienstag debattiert der Stadtrat darüber.
"Haben wir gut genug gearbeitet?" Die Münchner Jugendamtschefin Maria Kurz-Adam (© Foto: ahed)
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SZ: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Tat in Solln erfuhren?
Kurz-Adam: Ich war entsetzt.
SZ: Hatten Sie nicht auch Angst, dass in Ihrem Amt Fehler passiert sind bei der Betreuung der Jugendlichen?
Kurz-Adam: Ich würde lügen, wenn ich Nein sage. Natürlich frage ich mich: Haben wir gut genug gearbeitet?
SZ: Haben Sie?
Kurz-Adam: Wir haben alle gut hingeschaut. Gerade im Fall von Sebastian muss ich sagen: Das kann man nicht besser machen, das war seitens der Jugendhilfe - das soll jetzt nicht zynisch klingen - nahezu ein Idealfall der Zusammenarbeit. Wie dort die Fachleute sorgend hingeschaut und konsequent gehandelt haben! Umso schlimmer trifft es uns alle, dass es zu dieser Tat gekommen ist. Darüber müssen wir nachdenken.
SZ: Haben Sie sich frühzeitig um Sebastian gekümmert?
Kurz-Adam: Die Frage ist berechtigt. Ab wann sehen wir ein Alarmsignal als Alarmsignal? Das aber kann die Jugendhilfe nie alleine leisten, wir haben ja auch noch die Familie, die Schule, viele, die alarmieren müssen.
SZ: Das klingt, als hätten die anderen nicht rechtzeitig hingeschaut.
Kurz-Adam: Nein, die Jugendlichen haben ihre Wege, sich wegzuducken, abzutauchen, das war auch bei den beiden Sollner Tätern so. Es gilt, die Kinder früher in den Blick zu kriegen.
SZ: Dass einer nicht erst als 17 aufschlägt, sondern schon mit 13.
Kurz-Adam: Ja, aber man muss da genau abwägen. Wir wollen ja nicht alle Jugendlichen automatisch durch eine Art Risikoraster laufen lassen.
SZ: In Ihrem Amt sitzt der Vormund von Sebastian, ein solcher Vormund betreut 60 Kinder. Wie soll das gehen?
Kurz-Adam: Die Jugendlichen leben in Pflegefamilien, stationären Einrichtungen, bei Verwandten. Ein Vormund weiß also, dass das Kind gut aufgehoben ist, und danach bemisst sich auch die Kontaktfrequenz. Es gibt da große Spannen: Von mindestens zweimal im Jahr bis weit über 40 Mal, je nach Problemlage. Sebastians Vormund hat ihn in dem halben Jahr häufig und sehr regelmäßig in kurzen Abständen besucht.
SZ: Aber wie kann ein Mensch Elternersatz für 60 Kinder sein?
Kurz-Adam: Das ist einfach so. München ist im bundesweiten Standard noch ziemlich gut ausgestattet. Natürlich ist das sehr belastend für die Kollegen, wir kämpfen für den Schlüssel 1 zu 50.
SZ: Sebastian lebte in einem halben Jahr in drei Einrichtungen, geschlossene Unterbringung wurde nicht erwogen.
Kurz-Adam: Es gab keine Indikation dafür. Es gab keine Anhaltspunkte für eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung, das alleinige Weglaufen und Drogenkonsum reichen nicht. Der Junge ist ja immer wieder zurückgekommen, er hat auch Termine eingehalten.
SZ: Der andere mutmaßliche Täter, Markus, hat eine Familie, wuchs in einem ganz bürgerlichen Viertel auf.
Kurz-Adam: An ihm war sehr früh und klar die Justiz dran. In diesem Fall hat ein Gericht schnell und massiv gestraft, er saß vier Wochen im Arrest.
SZ: Ist, um Ihre Worte zu verwenden, alles "gut genug" gemacht worden?
Kurz-Adam: Das ist auch wieder eine Frage des frühen Handelns. Natürlich kann man rückblickend sagen, die Jugendhilfe hätte Markus noch früher in den Blick nehmen müssen. Wir dürfen aber nie vergessen, dass wir es mit Menschen zu tun haben, und die sind nicht berechenbar. Im Übrigen: Die Jugendhilfe kann auch nicht alle Probleme lösen. In 42 Prozent der stationären Jugendhilfefälle gibt es keinen Erfolg. Auch Eltern sagen immer wieder: Da kommen wir an unsere Grenzen, da erreichen wir etwas nicht mehr. Und so geht es auch den Helfern im professionellen System.
SZ: Sie klingen, als ob das System bei Markus nicht optimal funktioniert habe.
Kurz-Adam: Er war im Fokus der Familienbetreuung, war Teil des Blicks auf die Familie. Klar, da kann man sich fragen: Sieht man jedes Kind mit seinen spezifischen Bedürfnissen und Risiken?
SZ: Sehen Sie auch die Lehrer in der Pflicht, noch früher, noch genauer hinzuschauen?
Kurz-Adam: Die tun das auch. Die Frage aber ist, wie Schule und Jugendhilfe miteinander kommunizieren. Jeder arbeitet erst einmal mit seinem eigenen Auftrag und in der eigenen Logik.
SZ: Diese Schnittstellen sind also verbesserungswürdig?
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Es trifft zwar zu, daß nach letzten statistischen Erhebungen, wie Frau Dr. Kurz-Adam richtig sagt, 42 Prozent der stationären Hilfen (dies sind nicht nur die Heimerziehung, sondern ebenso auch die Vollzeitpflege) abweichend vom Hilfeplan beendet werden. Daraus aber auf eine gegenüber anderen Hilfeformen geringere Wirksamkeit der Heimerziehung zu schließen, wäre nicht nur grundfalsch, sondern es würde die dahinterliegenden Zusammenhänge zudem grob vereinfachen.
Man darf bei diesen Zahlen nicht vergessen, daß bei den Jugendämtern angesichts der angespannten Haushaltslage die Tendenz besteht, auch in den Fällen, in denen Heimerziehung nach Lage der Dinge eindeutig die am besten geeignete und notwendige Maßnahme darstellt, auf kostengünstigere, jedoch ungeeignete Alternativen wie Soziale Gruppenarbeit, Erziehungsbeistandschaft oder Tagesgruppen zurückzugreifen. Wenn junge Menschen dann nach Durchlaufen einer langen Jugendhilfekarriere letztendlich doch ins Heim kommen, sind sie nicht selten schon 15, 16 oder 17 Jahre alt und zeigen aufgrund einer verfestigten Symptomatik meist nicht mehr die notwendige Änderungsbereitschaft, die Voraussetzung für den Erfolg einer Maßnahme ist.
Oder, um dieses Problem in ein Bild zu fassen: Wenn man ein Krebsgeschwür längere Zeit mit Aspirin behandelt, dann feststellt, daß es nicht wirkt, den Patienten schließlich in die Klinik einweist, die ihm in solchen Fällen auch nicht mehr helfen kann, so sollte man deshalb nicht die klinische Behandlung kritisieren, sondern die Fehler, die vor der Klinikeinweisung begangen wurden.
hallo nightshadow,
sicher brauchen wir prävention. ich beziehe mich in jenem aktuellen fall lediglich auf die unterbringungseinrichtung, die ja eben die chefin des jugendamtes befürwortet. in dem moment in dem jemand durchdreht müssen wir hinsehen und die möglichkeit haben, einen ausraster kurzzeitig auch vor sich selbst zu schützen. sowas als placebo für den mob und rechte populisten zu diffamieren geht m.e voll an der realität vorbei und ist eine ursache für die gegenwärtige situation. wenn wunsch und realität einfach nicht zusammenpasst...
mal ehrlich: kein mensch wird sich aufregen, daß man sturzbesoffene mal eben in eine ausnüchterungszelle sperrt.
Ich frage mich wann die Horde an Dipl. Pädagogen endlich mal kapieren, dass man derart auffälligen Jugendlichen nicht mit "Stuhlkreisen" entgegen kommt.
ist ein letztes Mittel, das als Drohung mittlerweile nicht mehr glaubwürdig ist. Macht ja doch keiner - die sind alle so sensibel, die wollen meine Rechte nicht so einschränken...
Leider hat die SZ mit dieser Formulierung recht.
Gehen sie mal auf die Strasse und fragen sie die Leute was man mit solchen Kindern machen sollte."Wegsperren" wird oft die Antwort sein.So.Und was machen die Politiker die wiedergewählt werden wollen?Genau.Ihren Wählern nach dem Mund reden.
Ich würde das nicht al sVorverurteilung betrachten.Eher als Erfahrungswert.
Leider sollte es übrigens in dieser ganzen Diskussion um das (von ihnen genutzte) "...der warum auch immer die kontrolle verliert..." gehen.
Die feinen Herrn Politiker die jetzt meckern,sind nämlich die jenigen die auch schon vorher gemeckert haben.Nämlich wenn es um Prävention geht.
Man muss diese Kinder abfangen.Und zwar bevor etwas passiert!
Welches Kind kommt von selber auf die Idee und bringt andere Menschen um?
Paging