Von Werner Bartens

Nach der tödlichen Prügelattacke in München instrumentalisiert jede Seite den Gewaltausbruch für ihre Zwecke. Dahinter verschwindet die traurige Wahrheit.

Hinterher sind alle schlauer: Politiker betonen, dass sie schon vor dem jüngsten Vorfall strengere Gesetze und drakonischere Strafen gefordert haben. Ordnungsfanatiker rufen nach einem starken Staat, mehr Überwachungskameras und Sicherheitskräften. Jeder instrumentalisiert ein furchtbares Verbrechen wie das an der S-Bahn-Station in Solln für seine Belange. Die traurige Wahrheit aber ist: Hundertprozentig schützen kann man sich vor Ausbrüchen zügelloser Gewalt nicht.

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Es gibt viele Ratschläge von Experten, wie man sich in einer gefährlichen Situation verhalten soll. Hundertprozentige Sicherheit können auch diese nicht geben. (© Foto: Reuters)

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"Bei dem Vorfall in Solln oder ähnlichen Vorkommnissen handelt es sich um eine extrem verdichtete Situation, da können schon die Nuancen eines Blicks eskalierend oder deeskalierend wirken", sagt der Soziologe und Vorsorge-Experte Ulrich Bröckling von der Universität Halle-Wittenberg. "Jede Diskussion darüber, ob das Opfer etwas falsch gemacht hat, ist daher verfehlt."

Opfer hat besonnen reagiert

Nach allem, was man weiß, hat sich der 50-jährige Dominik Brunner, der von zwei Jugendlichen auf dem S-Bahnhof zu Tode geprügelt wurde, besonnen verhalten und vieles richtig gemacht. Er bot den vier bedrohten Kindern in der S-Bahn Schutz an und alarmierte die Polizei.

Psychologen und Verhaltensforscher empfehlen, dass man sich in Situationen, in denen Gewalt zu erwarten ist, nicht überschätzen und selbst gefährden sollte, vor allem sollte man nicht den Helden spielen. Dieser Ratschlag sollte aber nicht als Persilschein für Duckmäusertum missverstanden werden.

Ein eindeutiges Opferverhalten gibt es nicht. Zwar wird jemand eher angegriffen, wenn er sich geduckt und mit hochgezogenen Schultern zeigt. Es gilt aber auch, die Balance zu wahren und weder zu verängstigt zu erscheinen, noch überheblich und herablassend zu wirken und die Täter eventuell damit zu provozieren.

In dem US-Film "The Incident" von 1967 wird gezeigt, wie zwei junge Männer erst einen Mann niederstechen und dann die Fahrgäste in einem New Yorker U-Bahn-Waggon terrorisieren. Mit herausfordernden Blicken taxieren sie die Menschen. Wer ihr nächstes Opfer wird und wen sie in Ruhe lassen, scheint dabei völlig willkürlich zu sein.

Öffentlichkeit zu schaffen, ist eine weitere Empfehlung im Anti-Gewalt-Training. "Erheben Sie die Stimme und bieten Sie dem Opfer an, dass es sich neben Sie setzen kann, wenn es belästigt wird", raten einschlägige Broschüren. "Sind Sie selbst das Opfer, sprechen Sie Passanten direkt an und weisen Sie daraufhin, dass Sie belästigt werden oder treten Sie aus der Gefahrenzone heraus." Den Angreifer bringe man meist aus dem Konzept, wenn man ihn darauf hinweist, dass die Polizei schon informiert sei.

Kein Universalrezept

Respekt ist für viele aggressionsbereite junge Menschen wichtig, weil sie ihn selbst womöglich selten erfahren haben. In einer Situation, die zu entgleiten droht, kann es daher hilfreich sein, dem Aggressor zu vermitteln, dass man einen ernstzunehmenden Verhandlungspartner in ihm sieht und nicht den dummen Jungen - auch wenn er sich unmöglich verhält. "Ruhig und bestimmt auftreten" lautet eine weitere Empfehlung für solch heikle Situationen. Aber wer kann das schon, wenn Leben in Gefahr sind?

Die Aufforderung "tu das Messer weg", kann zum Ziel führen, wenn sie souverän vorgetragen wird und die Umstände glücklich sind - oder aber zur Verschärfung beitragen, wenn sie gequält herausgepresst wird. "Es gibt kein Rezept, wie man vorbeugend alles richtig macht", sagt Ulrich Bröckling. "Eine solche Situation ist äußerst angstbesetzt, da ist niemand völlig abgeklärt."

Empfohlenes Verhalten in die Tat umzusetzen, ist in der Praxis oft schwierig. "Werden Menschen mit beunruhigenden Situationen konfrontiert, läuft im Kopf ein immer gleiches Muster ab: Hier riecht es nach Ärger, bloß schnell weg!", sagt Jens Weidner, Erziehungswissenschaftler und Kriminologe in Hamburg. Wer stattdessen couragiert handeln möchte, müsse bewusst gegen den archaischen Fluchtwunsch ankämpfen. "Zivilcourage praktizieren heißt, die eigene Angst zu unterdrücken und sich Ärger aufzuhalsen", sagt Weidner.

Ähnlich spontan wie der Wunsch, der Situation zu entkommen, entsteht bei manchen Menschen der moralische Impuls zu helfen. "Da wird nicht groß überlegt, ob man selbst gefährdet ist", sagt Ulrich Bröckling. "Das kennt man von Feuerwehrleuten, die in ein brennendes Haus rennen und Menschen retten, ohne vorher die Statik zu überprüfen."

Kritik an populistischen Forderungen

Traumaexperten wissen, dass gerade professionelle Ersthelfer oft ihr Leben riskieren, um anderen beizustehen. "Als Rettungsassistent vor Ort würde ich auch reingehen, wenn ich weiß, da sind Verletzte, denen schnell geholfen werden muss", sagt Peter Schüßler, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Akuttrauma der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie und Mitarbeiter der Katastrophenschutzschule Rheinland-Pfalz.

Über die reflexhaften Rufe nach einem starken Staat quer durch alle Parteien ärgert sich Soziologe Bröckling: "Das Erschrecken über diese Tat ist allemal berechtigt. Die Trauer und das Entsetzen werden aber durch diese populistischen Forderungen entwertet." In solchen Situationen wünscht sich Bröckling: "Politiker sollten einfach mal schweigen."

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(SZ vom 15.09.2009/ag/sonn/odg)