Ohne Fußball ging es mir wunderbar. Ich hatte keine Ahnung und keine Meinung. Bis ich mich auf diese "Wir-sind-Deutschland"-Nummer eingelassen habe. Jetzt bin ich am Ende.
Fußball war mir immer so was von egal. Wenn es einen medizinischen Ausdruck dafür gäbe, würde ich an "Fußballautismus" leiden. Dabei litt ich gar nicht. Dazu war mir dieser Sport zu gleichgültig. Ich hatte keine Meinung und keine Ahnung. Zur WM hat mein Sohn ein Argentinien- und ein Italien-Trikot bekommen. Weil ihm die Farben so gut stehen.
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Nun ist eine WM im eigenen Land etwas Besonderes, also habe ich mir das Eröffnungsspiel angekuckt. Und später die anderen Deutschland-Spiele. Und zwischendurch USA gegen Italien, Portugal gegen Mexiko, Brasilien gegen Australien. Jedesmal war München im Ausnahmezustand. Und: Deutschland war immer noch drin. Ich war begeistert.
Als die deutsche Elf schließlich gegen Argentinien antrat, verfolgte ich das Spiel allein in einem Hotel, verließ das Zimmer auch zur Verlängerung nicht und verpasste beinahe das Abendessen wegen des Elfmeterschießens. Als Lehmann zum zweiten Mal hielt, wurde mir klar, dass wir tatsächlich Weltmeister werden können. Und ich wollte, dass wir Weltmeister werden. Und dass diese WM ewig dauern möge.
Derart geläutert, vom Ignoranten zum Patrioten mutiert, sah ich das Halbfinal-Spiel gegen Italien beim Inder um die Ecke. Das Kind, bewacht vom Babyphon, hatte darauf bestanden, im Italien-Trikot zu schlafen. Voller Hoffnung und Empathie fieberte ich mit den Deutschen, als wäre ich der einzige Zuschauer in "Schokolade zum Frühstück" und Bridget Jones´ Schicksal würde von meinem Mitgefühl abhängen. Ich hatte mich auf Fußball eingelassen wie ein Teenie, der sich kopflos verliebt. Doch Grasso und Del Piero haben meinen Traum jäh beendet.
Ein Nachbar aus dem Viertel wankt an uns vorbei - gebeugte Haltung, Deutschland-Trikot. Er grüßt kurz, setzt sich aber nicht zu uns. "Ich will jetzt allein sein", sagt er mit belegter Stimme. Und schlurft davon. Vor vier Wochen hätte ich über ihn den Kopf geschüttelt. Nun verstehe ich ihn. Und fühle mich sogar ein bisschen schuldig - hätte ich darauf bestehen sollen, meinem Sohn seinen Pyjama anzuziehen? Mein Gewissen wäre zumindest reiner.
Was bleibt, ist die Frage: Wohin jetzt mit meinem Nationalgefühl, meiner Euphorie, meiner Dauer-Partystimmung? Ich befinde mich in einem großen Loch, das bis vor kurzem noch gar nicht existierte. Diese WM hat es eigens für mich geschaufelt. Aber so ist das nunmal mit starken Gefühlen. Du fühlst Dich wie Superman, und alles ist spitze. Doch wehe, wenn die Sache schief geht. Dann bist Du erledigt. Ich hätte mich einfach nicht darauf einlassen sollen.
(sueddeutsche.de)
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