Country Kneipe "Rattlesnake Saloon" Harte Jungs und einsame Herzen

Dort, wo sich Fuchs, Has' und ordentliche Bürger "Gute Nacht" sagen, ist das Schlangennest in der Fasanerie, auch "Rattlesnake Saloon" genannt, Münchens legendärer Country-Schuppen.

Von Ursula Auginski

Vor dem Eingang in der Schneeglöckchenstraße kreuzt eine schwarze Katze den munteren Schritt und maunzt gereizt: diese knorrige Holztür, ist sie der Weg in die ewige Country-Hölle? Schließlich heißt "rattlesnake" übersetzt "Klapperschlange"! Drinnen aber säuselt friedlicher Country-Mainstream vom Band, an der Abendkasse sitzen ein paar Freaks, fordern pro Gast zehn Euro Lösegeld - pardon: Eintritt für die Live Band, die demnächst aufspielen wird. "Wir sind ein Club, dafür darfst du hier rauchen", erklärt lächelnd ein kräftiger Country-Junge. Sein Dresscode ist fachgerecht: Jeans, kariertes Oberhemd, Hosenträger.

Im Reich der Klapperschlange

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Plastikcolt und Sheriffhut

Der im Karo-Jersey ist Bruno Theil, 50 Jahre alt und knapp die Hälfte seines Lebens Wirt des Rattlesnake Saloon. Bedächtig streicht er das Geld seiner Gäste ein und fährt sich über den Bart. Ein stolzer Preis, mag man denken, doch der Wirt erklärt ruhig: "Ich zahl' sowieso oft drauf, auch wenn die Bands niedere Gagen nehmen."

Und die Gäste, die kommen, sind willig: es sind eingefleischte Country-Fans, wie jener, der allen Ernstes einen Plastik-Revolver im Colt-Gürtel trägt und Plastikpatronen im Plastikpatronengürtel. "Macht nix, Spaß muss sein", lacht der junge Mann und schiebt sich leutselig den Sheriff-Hut in den Nacken. Sympathisch ist es allemal, das Country-Völkchen.

Ein kleines Volk ist es tatsächlich: cirka zwei Prozent in Deutschland mache die Country-Szene aus, sagt Bruno. Um diesen Mini-Prozentanteil zu kämpfen, sei hartes Brot, aber er mache es gerne. Bruno hat manchmal bis zu hundert Telefonate am Tag, kennt jede - zumindest jede bezahlbare - Band Deutschlands, viele in Europa und natürlich in Amerika und Kanada.

Wenn jemand Überblick über die Country-Szene vor allem auf Kleinkunst- und Hobbyebene hat, dann ist das Bruno, der alljährlich in Country-Land Station macht: im Mittleren Westen, im Südwesten oder in den Südstaaten Amerikas. Denn hier dringt aus allen Ecken und Enden Country-Musik - ein Paradies für Bruno. Deshalb hat er in New Mexico inzwischen seinen zweiten Wohnsitz.

Kein Gelalle

Country-Musik ist Volksmusik im besten Sinn, weit entfernt vom "Gelalle" Freddy Quinns oder Gunter Gabriels, und sehr differenziert: da gibt es Classic Country, Nashville, Mississippi-Dixieland, Rock-a-Billy, Country-Jazz, Country-Rock, New Country, Bluegrass, Texas Blues. Aber auch Hillbilly, der Ursprung des Country Musik aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit der obligatorischen Besetzung: Banjo, Fiddle, Steel Guitar und Mundharmonika.

Im tiefsten Süden wird Zydeco auf dem Waschbrett gerubbelt und Cajun gefiddelt, beides Country-Versionen der frankophonen Bevölkerung in Louisana. Und in den dortigen Tanzhallen und Kneipen wird grundsätzlich auch eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt. Alle Spielarten haben das ganze Jahr über ihren Auftritt im Rattlesnake, die Bands kommen aus Deutschland, Europa und Übersee - ein Bandbreite, die sich gewaschen hat. Aber Bruno bleibt cool: ist alles zu schaffen, sagt er gelassen und lächelt wieder dieses ruhige, freundliche Bruno-Lächeln. Der nächste Gast trabt an: "10 Euro bitte."

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