Der Boxer-Film "Comeback" 72 Stufen bis nach Hollywood
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Zum Auftakt des Dokfests: ein Boxer-Film zwischen alltäglichen Niederlagen und einer fast filmreifen Rückkehr.
Stufe um Stufe stemmt Jürgen Hartenstein seinen bulligen Körper die Treppe hoch, angetrieben von dem Willen, noch einmal ganz oben anzukommen. Er hat es schon einmal geschafft: 1988, mit 18Jahren, wurde Jürgen "The Rock" Hartenstein Deutscher Meister in der Amateurliga, zehn Jahre später boxte er sich hoch zur Nummer eins der Profis im Supermittelgewicht. Und dann eine Niederlage nach der anderen, "The Rock" stürzt ab. Er gibt nicht auf, rappelt sich hoch, trainiert tagsüber auf dem verstaubten Dachboden seiner Münchner Wohnung, abends hält er den Gästen vom "Tresznjewski" die Tür auf.
Nicht Rocky, sonder Jürgen "The Rock" Hartenstein - auch er ein Boxer, aber ein echter.
(Foto: Foto: Filmplakat)HFF-Absolvent Maximilian Plettau begleitete Jürgen Hartenstein über zwei Jahre hinweg für seinen Abschlussfilm "Comeback", der im Internationalen Programm des heute Abend beginnenden Dokumentarfilmfests läuft: Es ist ein exemplarischer Film für dieses Genre zwischen Fiktion und Realität, Reportage und Spielfilm. Plettau ist mit seinem Film einerseits dem Alltag, den kleinen Gesten, dem Verschrobenen und Unbekannten auf der Spur. Andererseits hantiert er bei seiner dokumentarischen Arbeit auch mit klassischen Erzählmustern und modernen Mythen.
Da ist natürlich vor allem "Rocky". Kaum ein Boxer auf dieser Welt, der sich eine Treppe hochwuchtete, ohne dass man unweigerlich an Sylvester Stallone denken müsste: wie er sich als Rocky Balboa 72 Stufen zum Philadelphia Museum of Art zuerst hochschleppt, und dann, nach unermüdlichem Training, hochfliegt. Arbeite hart an dir und du wirst es schaffen, ist die simple, aber eingängige Moral von der Geschichte. So darf Rocky auch, wenn er oben angekommen ist, der Welt die zur Siegerpose emporgerissenen Fäusten entgegenstrecken, hymnisch begleitet von dem Song "Gonna Fly Now". Dagegen der Dokumentarfilm: Jürgen Hartensteins Lauf treppauf wird nicht von Musik begleitet, die Stufen führen auch nicht hinauf zum Philadelphia Museum of Art, sondern zur Bavaria auf der Theresienwiese.
Dennoch kann sich "Comeback" dem Sog Hollywoods kaum entziehen. Es gibt wohl nur wenige zeitgenössische Legenden, die so prägend sind wie die vom einfachen Burschen, der sich durchs Leben und irgendwann nach oben boxt. So einer ist auch Jürgen Hartenstein, und er liefert all die Ingredienzien dieser so kämpferischen wie auf Fairness und andere Tugenden (Verzicht etwa) pochenden Variante des American Dream. Hartenstein wartet täglich auf die Antwort eines US-Boxpromoters, dem er in einer E-Mail seine Lage schildert: "German Ex-Champion wants to fight in the USA, two years no boxing, no manager".
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Um von unten wieder nach oben zu kommen, ist Hartenstein, ganz wie die vielen Vorbilder von der Kinoleinwand, bereit, alles zu opfern. Er lebt enthaltsam wie im Kloster, sein Tagesprogramm beginnt mit sechs Uhr aufstehen, kalt duschen, laufen. Hartensteins Trainer Markus Kone betet dazu das Credo vor: "Arbeit, Arbeit, Arbeit". Zusammen mit seinem Schützling will er ein Boxzentrum aufmachen, für "ernsthaftes Training". Eine Brutstätte für den guten Kerl, einen echten Rocky.
Jürgen, der gute Junge, fährt sogar raus aufs Land, um die Oma zu besuchen und sich mental mit Yoga auf den Kampf vorzubereiten (wenn es nicht gerade München wäre, würde man sagen: dem Moloch und Sündenpfuhl Stadt zu entfliehen). Plettaus Film, der ganz ohne Interviews auskommt, Hartenstein niemals direkt anspricht, sondern vor und für die Kamera agieren lässt, fängt die Weiten von Weizenfeldern ein, riesige Mähdrescher. Man denkt unmittelbar an den Mittleren Westen, die Kornkammer Amerikas. Doch dann schiebt sich ein Kruzifix ins Bild. Plettau weiß die Träume, die er beschwört, auch wieder zu brechen. Das hat Komik: Wenn der Film den Boxer bei der Oma am Küchentisch zeigt, ist auch der deutschsprachige Zuschauer glücklich über die englischen Untertitel. Das Badisch zwischen Enkel und Großmutter ist jedenfalls nur etwas für Eingeweihte.
Und dann, mitten während der Dreharbeiten, ereignet sich die Wende, ganz klassisch, als hätte es sich ein Hollywood-Regisseur ausgedacht: Hartenstein wird für einen Kampf eingeladen, nach Philadelphia. Die ersten Tage in den USA verbringen er und sein Trainer im "American Dream Hostel", und hier fragt man sich wieder, ob das nun ein Gag eines Drehbuchschreibers oder Wirklichkeit ist. Was dann folgt, ist unvermeidlich: die 72 Stufen am Philadelphia Museum of Art. Die bronzenen Fußabdrücke Sylvester Stallones, die oben auf Hartenstein warten, sind allerdings ein paar Nummern zu klein für den badischen Boxer.
Im Unterschied zur Schuhgröße des Schauspielers hat Stallones Rocky-Figur ausreichendes Format, um für Hartenstein in einem der größeren Momente seines Lebens die richtige Rolle bereitzuhalten: Gegen Ende von "Comeback", in den Minuten und Sekunden vor dem entscheidenden Kampf, überlässt Dokumentarfilmer Plettau Hollywood die Regie. Mit Tunnelblick verfolgt die Kamera Hartensteins Einzug in die Kampfarena, die Schläge der ersten Runde werden im Zeitlupentempo ausgeteilt. Und nun darf erstmals auch Musik den Kampf des Jürgen Hartenstein dramatisieren. Die Geschichte endet für "The Rock" nicht unbedingt glücklich. Vorläufig zumindest nicht, bis sich womöglich Alltag und Hollywood wieder einmal für einen Moment berühren.
"Comeback", am 1. Mai, 17.30 Uhr und am 7. Mai, 19.30 Uhr im Atelier, Sonnenstraße 12. Das gesamte Festivalprogramm unter www.dokfest.de.