Depressionen Mut zum Ruhetag

"Hummeln fliegen auch bei Regen" heißt das Buch von Andrea Kraft. Es wurde bisher 2500 mal verkauft.

(Foto: Claus Schunk)

"Ich bin nicht gesund, sondern depressiv, aber das ist voll okay." Andrea Kraft hat einen Roman über ihre Krankheit geschrieben - das Buch soll anderen helfen

Von Gerhard Fischer

Andrea Kraft hat Depressionen. Und sie hatte Panikattacken, die so schlimm waren, dass sie sogar Angst hatte, vom Wohnzimmer ins Bad zu gehen. Sie hat einen Roman geschrieben, in dem sie Hannah ist, eine Frau mit Depressionen und Panikattacken. Kraft hatte lange gezögert, so offen zu sein. Schließlich lebt sie auf dem Land, in Rott am Inn, wo jeder jeden kennt, und wo jemand, der Depressionen hat, lange Zeit hören musste: "Reiß' dich zusammen."

Rott am Inn ist ein 4000-Einwohner-Ort zwischen Wasserburg und Rosenheim, die Ortsteile heißen Katzbach und Rabenbach, Obersaurain und Untersaurain. Auf der Homepage wirbt die Gemeinde mit einer Rokoko-Kirche, es ist ein Idyll mit seinen guten und schlechten Seiten; mit der Geborgenheit, die so ein Mikrokosmos bietet, und mit seiner Enge. Andrea Kraft hat immer hier gelebt. "Leider", sagt sie. Kraft wäre gerne einmal heraus gekommen. Aber ihr Leben ist anders verlaufen.

Andrea Kraft, 46, hat ein Café in Rosenheim als Treffpunkt vorgeschlagen. Sie war am Telefon sehr freundlich, sie lachte und machte harmlose Witze, aber sie war auch ein bisschen unsicher, weil nicht nur ein Journalist aus München kommt, sondern weil er auch noch einen Fotografen mitbringen würde. Viel Neues. Viel Unbekanntes. Etwas, auf das man sich einlassen muss. Andrea Kraft geht es viel besser als früher, aber gelassen ist sie nicht.

Im Café in Rosenheim bestellt sie dann einen Kaffee und einen Maracuja-Saft, und sie bestellt so bestimmt, dass man annimmt, es sei ein Ritual: Kaffee und Maracuja-Saft. Rituale geben Sicherheit. Nachdem die Kellnerin gegangen ist, lässt Andrea Kraft etwas locker. Langsam redet sie sich frei. Der Kaffee und der Saft kommen. Kraft beschreibt gerade ihre Kindheit. "Sie war super", sagt Kraft, "Siedlungsstraße, Eltern liebevoll."

Als sie 16 war, starb der Vater an Krebs. "Ich dachte, ich muss die Familie über Wasser halten", sagt Andrea Kraft; sich selbst, die Mutter und die jüngere Schwester. "Ich zog die Verantwortung an mich." Aber sie war zu jung für so etwas. In ihrem Roman beschreibt sie es so: "Gewaltsam entriss mir der Tod einen Lebensabschnitt. Über Nacht wurde ich erwachsen. Stets sah ich meine Aufgabe darin, es anderen recht zu machen. Ich wollte perfekt sein." Sie schreibt über Hannah, aber es ist Andrea. "Die Handlung ist natürlich erfunden", sagt Andrea Kraft, "aber Hannahs Gefühle in diesem Buch sind meine, auch die Angst und die Panik, das sind meine Angst und meine Panik."

Eigentlich hatte sie Rott verlassen wollen; sie wollte hinaus in die Welt und Journalistin oder Fotografin werden, aber nach dem Tod des Vaters ist sie geblieben. Sie machte den Quali, wurde Bürokauffrau, heiratete einen Mann, der sehr nett, aber noch unselbstständig war. Wieder übernahm sie Verantwortung. Sie bekam ihr erstes Kind mit 25, einen Sohn. Glücklich wurde sie trotzdem nicht. Sie bekam das zweite Kind mit 31, die Tochter hatte eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte. "Das war dann meine nächste Aufgabe", sagt Andrea Kraft, "es waren vier Operationen in zwei Jahren."

Sie lächelt, als sie das mit der "nächsten Aufgabe" sagt, es ist so ein nachträgliches, Schulter zuckendes Puuh-Lächeln, das heißen soll: Ja, heute weiß ich natürlich, dass ich mir zu viel aufgebürdet habe - aber damals, damals war ich eben in meinem System gefangen. Wenn man Andrea Kraft beobachtet, wie sie beim Erzählen manchmal etwas geduckt ist und von unten herauf blickt, spürt man fast, wie sie damals die Last auf ihren Schultern hatte.

Die Tochter ist drei, es geht ihr mittlerweile gut, und der Sohn ist acht, als Andrea Kraft immer unzufriedener wird. "Kein Antrieb, Unlust am Leben, Gleichgültigkeit", so beschreibt sie es. Von Depressionen ist damals noch nicht die Rede. "Ich schob es auf anderes", erzählt sie, "ich hatte eben Kopfweh und blieb deshalb im Bett."

Andrea Kraft sagt, sie habe sich dann "eine Wunschwelt im Internet aufgebaut". Tagsüber war sie eine Hausfrau, abends war sie in einem Chatroom eine andere. "Ich war groß, schlank, erfolgreich, eine Karrierefrau - also alles, was ich im wirklichen Leben nicht war", sagt sie. Hannah beschreibt es im Roman so: "An dem Tag, an dem der Computer bei mir Einzug hielt, verlor ich die Realität vollständig aus den Augen. Die Anerkennung, die meist auf Lügen basierte, war rasch unerlässlich für mich geworden. Am Ende wurde daraus der größte Konflikt meines Lebens."

Aber zunächst half diese Wunschwelt. Das Traumleben. "Ich habe dort einen Mann kennengelernt, in den ich mich verliebt hatte", erzählt sie. Kennenlernen heißt aber nicht: sich sehen. Und das wird zum Problem. Er schreibt immer wieder: "Wir müssen uns treffen, wir müssen uns treffen." Aber wie soll das gehen? Sie sieht doch ganz anders aus, als er sich das vorstellt. Irgendwann muss sie die Karten auf den Tisch legen. Der Mann macht ihr schlimme Vorwürfe, er zieht sich zurück. Sie hat Suizidgedanken. Selbst ihre Kinder sind damals kein Lebenssinn für sie. Zwei, drei Wochen nach dem Ende der Internet-Geschichte kommt sie nicht mehr aus dem Bett. Sie ist nicht mehr handlungsfähig. Andrea Kraft hat schwere Depressionen.

Während sie erzählt, ist Andrea Kraft immer ruhig, immer freundlich. Man merkt ihr die Seelenschmerzen, die sie früher hatte, nicht an. Nur manchmal fixieren ihre Augen die Augen des Gesprächspartners. Vermutlich fragt sie sich: Verstehst du mich? Wer weiß schon, wie es ist, wenn man jeden Halt verliert. Wenn man keine Kraft mehr hat. Keinen Lebensmut. Keinen Sinn. Gar nichts mehr.

Sie rafft sich auf und geht zum Hausarzt, und erstmals heißt es: Du hast Depressionen. Der Hausarzt überweist sie in eine Klinik in Wasserburg. Er sagte: "Du kannst keine Nacht mehr zu Hause verbringen."

In der Klinik geht es ihr gut. "Ich war endlich behütet, ich war unter Gleichgesinnten, ich habe erstmals erlebt, dass ich mich auch fallen lassen darf", sagt sie. Andrea Kraft redet nun stakkatohaft, weil es so wichtig ist. "Ich habe erlebt, dass ich mich anlehnen durfte, dass ich Nein sagen kann, dass ich für nichts Verantwortung übernehmen muss." Sie wählt für ein Gefühl ganz viele Umschreibungen, und dieses eine Gefühl ist: Ich darf auch schwach sein.

Andrea Kraft wird nach drei Monaten entlassen, versucht es noch einmal mit ihrem Mann, aber nach einem Jahr trennen sie sich. Und dann lernt sie, ebenfalls übers Internet, ihren heutigen Mann kennen. Es ist ein Glück. Sie erzählt ihm von der anderen Internet-Geschichte, von den Depressionen, sie sagt ihm alles. "Ich war noch nie zu jemandem so ehrlich", sagt Andrea Kraft.

Der Mann flüchtet nicht. Er bleibt. Er zieht sogar von Bremen nach Bayern. Es hätte alles gut sein können. Ist es aber nicht. Alte Wunden brechen auf, das Gefühl, das Andrea Kraft krank macht, heißt: Verlustangst. Sie hat den Vater verloren, jetzt hat sie Angst, den Lebensgefährten zu verlieren. "Wenn er das Haus verließ, war mir oft schwindelig, die Welt schwankte", erzählt sie. Die Panikattacken werden immer schlimmer - erst kann sie nicht mehr zum Bäcker gehen, weil sie Angst hat, die Welt breche zusammen. Irgendwann kann sie nicht mehr alleine zur Toilette gehen. "Ich hatte Angst, auf dem Weg dorthin zu sterben", sagt sie.

Vermutlich können das nur Menschen verstehen, die selbst schon Panikattacken hatten. Andrea Kraft umschreibt eine Facette der Panikattacken so: "Eine Therapeutin hat mir mal gesagt, in so einer Situation denkt man nicht mehr, man fühlt wie ein Kind." Ihr Lebensgefährte versteht es vielleicht nicht, aber er steht ihr bei. Er geht mit ihr zur Toilette.

Aber natürlich konnte es so nicht weitergehen. "Ich bin noch mal in die Klinik, diesmal in die geschlossene Abteilung", sagt Andrea Kraft, "ich wollte richtig behütet werden." Mit dem Therapeuten, den sie nun hat, klappt es sofort. Wenn die Verlustangst kommt, macht Kraft eine Liste: Was kann passieren? Was ist wahrscheinlich? Warum sollte ausgerechnet der Freund einen Unfall haben? Und was ist das Schlimmste, was passieren kann?

Schon nach drei Wochen verlässt sie die Klinik. Mit dem Therapeuten arbeitet sie noch zwei Jahre weiter. Und den Lebensgefährten heiratet sie. Am Tag der Hochzeit sagt er zu ihr, er werde sie beschützen, aber niemals einschränken. "Er schätzt meine Fähigkeiten, aber ich darf bei ihm schwach sein", sagt Andrea Kraft.

Ihr Mann bestärkt sie, ein Buch zu schreiben. Aber es geht nicht so einfach. Sie schreibt es oft um. Sie überlegt: Was gebe ich preis? Was gebe ich nicht preis? Am Ende gibt sie fast alles preis, nicht nur Intimes, sondern auch Peinliches, vor allem, wenn es um diese unnatürliche, kitschige Abhängigkeit von ihrer erste Internet-Schwärmerei geht und Andrea Kraft ihre Protagonistin Hannah Sätze sagen lässt wie: "Ich werde auf dich warten, Max. Im Himmel."

Das Buch "Hummeln fliegen auch bei Regen" wurde bisher 2500 mal verkauft, das ist viel für einen Selbstpublisher. Andrea Kraft macht Lesungen in psychosomatischen Kliniken, bei Frauen- und Selbsthilfegruppen, und sie ist an Schulen Ansprechpartner für Jugendliche, die unter Depressionen leiden.

Und sie selbst? "Ich bin nicht gesund, sondern depressiv, aber das ist voll okay", sagt sie, "ich habe Depressionen, wie andere Diabetes haben - ich kann damit umgehen und kann gegensteuern." Sie nimmt immer noch Tabletten, aber eine geringere Dosis. Und es gibt noch Tage, an denen es ihr nicht gut geht. Dann nimmt sie eine Auszeit, legt sich ins Bett, hört Musik, liest und hängt in die Küche ein Schild: "Mama hat heute Ruhetag."