"Dein Viertel. Deine Leinwand" Schaufenster-Kunst

"Die Luft im Gärtnerplatz-Viertel ist ein bisschen raus": Mit ihrem Vier-Wochen-Projekt "Dein Viertel. Deine Leinwand" wollen zwei Marketingexperten das kreative Geschehen ankurbeln

Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Einige Läden um den Gärtnerplatz wirken seit Anfang der Woche im Innern etwas dunkler als sonst: Im Viertel sind derzeit viele Künstler unterwegs, sie hinterlassen Bilder und Installationen in Schaufenstern, meist großflächig. 40 Geschäfte, Restaurants, Bars und Galerien machen mit bei dem Projekt "Dein Viertel. Deine Leinwand" - und noch mehr Künstler. David Stephan und Martin Eggert, die die Aktion ins Leben gerufen haben und organisieren, bekommen immer noch Mails von Kreativen, die teilnehmen möchten. Wer keinen Shop als Partner vermittelt bekommen hat, könnte immerhin noch in der ehemaligen Klenze-Apotheke an der Fraunhoferstraße eine Chance zum Arbeiten oder Ausstellen bekommen. Dort hat das Organisationsteam sein "Viertelquartier" bezogen, als Treffpunkt für die Künstler, Teilnehmer und Interessierte.

Gerade hat ein Friseur angerufen, der den Passanten kostenlos die Haare schneiden möchte - als Kunstevent. Stephan und Eggert versuchen, ihn noch einmal wöchentlich in dem Vier-Wochen-Projekt unterzubringen. Sie bewerteten die Künstler und ihr Schaffen nicht, sagen die beiden Marketingfachleute. Sie sähen sich als Vermittler, die Menschen zusammenbringen. Wer möchte, könne auch ganz klassisch Seerosen in Öl ausstellen. "Die Läden müssen damit happy sein."

Schöner essen: Dutzende Künstler, darunter Sarah Sulai verzieren Bars, Restaurants und Geschäfte.

(Foto: Thilo Brunner/oh)

Allerdings, das zeigt schon das Programm: Am Gärtnerplatz sind derzeit eher die jungen und die coolen Kreativen unterwegs. L.E.T. (Les Enfants Terribles), einer der Renommierten der internationalen Street-Art-Szene ist dabei (Ausstellung im Rocket, Reichenbachstraße 41 und an der Außenfassade der Tanzbar Paradiso, Rumfordstraße 2) oder auch der anonyme Held der Münchner Street-Art-Szene, Peintre X (Ralf's Finest Garments, Fraunhoferstraße 29). Betty Mü, angesagte Installationskünstlerin, inszeniert gleich zwei Projekte - eines in der Galerie art:ig, das andere in der Bar Holy Home. Der Graffitikünstler und Illustrator Nasca Uno hat die Markise des Lokals Burger & Bier einer Kur unterzogen.

Auch Sebastian Wandl, einer der Gründer der Künstlergruppe Haus 75, ist dabei. Er zeigt eine Reihe neuer Porträts. Eines davon, "The Fisherman", ziert auch die Flyer der Veranstaltung und soll - sofern das KVR zustimmt - auf mehr als hundert Quadratmetern an einer Hausfassade als Transparent aufgezogen werden. Stephan Wandl ist begeistert von der Idee, ein ganzes Viertel als Kunstprojekt zu gestalten. In München tue sich gerade was, darüber freut sich Wandl. Gerade in den Bereichen Urban und Street Art hole die Stadt seit einigen Monaten etwas auf.

Sebastian Wandl macht ebenfalls beim Vier-Wochen-Projekt "Dein Viertel. Deine Leinwand" mit.

(Foto: Thilo Brunner)

David Stephan und Martin Eggert sind selbst aus dem Viertel. Die Idee zu "Dein Viertel. Deine Leinwand" ist vor ein paar Monaten in der Zephyr Bar in der Baaderstraße entstanden, wo ihnen die Getränkekarte so sehr gefiel, dass sie sie am liebsten stark vergrößert ans Schaufenster geklebt hätten. Auch dieser Plan ist nun für vier Wochen Wirklichkeit geworden. "So ist aus einer Mini-Idee in zwei Monaten ein großes Projekt geworden", sagt Stephan. Der Begriff Leinwand im Motto soll als Metapher stehen für Graffiti, Lichtinstallationen oder Fotos, aber auch als Aufruf, sich im Viertel einzubringen, egal mit welcher Kunstform, sagt Eggert. Dadurch wird das Programm sehr umfassend: Eine Big Band umrundet bei einer Live-Performance an mehreren Abenden einmal den Gärtnerplatz, es gibt einen Künstlerdialog zum Vier-Gänge-Menü im Noun in der Buttermelcherstraße, eine Live-Tattoo-Aktion und eine Live-Klebeband-Aktion, man kann abstrakte Bilder über Kletterwege anschauen (Freedom & Enterprise, Gärtnerplatz 5), "Künstler zum Anfassen" in der Cornelius 14 erleben oder Klangkunst und Künstlertalk in der Gärtnerplatz Alm. Es gibt einige Partys, darunter einen Burlesque-Abend mit The IsarRats im Paradiso - und auch das Gärtnerplatz-Open-Air an diesem Sonntag, 17. Juli, ein alljährliches Konzertereignis mit Solisten und dem Orchester des Gärtnerplatztheaters wurde ins Programm integriert.

Eggert und Stephan erhoffen sich einen Aufbruch. Seit einigen Jahren sei ein bisschen die Luft heraus aus dem Gärtnerplatzviertel, sagen sie und verweisen auch auf die Trinkgelage in lauen Sommernächten am Gärtnerplatz. Es passiere zwar viel, doch nichts wirklich Kreatives mehr. "Wir wollen das zurückholen", sagte David Stephan. Die Künstler zögen nicht mehr her, sondern weg. Er erinnert daran, dass das Gärtnerplatzviertel vor einigen Jahren Galerienviertel war. Zwar gebe es noch kleine Läden, aber die würden zwischen den neuen Showrooms wenig wahrgenommen. Vielleicht ließen sich über die Kunst im Shop oder Schaufenster neue Zugänge erschließen, aufmerksam machen, so die Hoffnung. "Wir müssen das Viertel beleben, die Identität fördern und die Gemeinschaft wieder stärken."

Schöner essen: Patrick Hartl verziert die Scheibe des Kochhauses am Gärtnerplatz.

(Foto: Thilo Brunner)

Der Dritte im Bunde ist ebenfalls ein Marketing-Mann, er vertritt den Sponsor, das Getränk, das in der Werbung Flügel verleiht. Sein Arbeitgeber, sonst eher im Sportbereich verankert, wolle neue Zielgruppen erschließen, erzählt Alexander Strasser. Künstler, vor allem junge, böten sich dafür an. Soll das die Zukunft sein: Viertelbelebung, finanziert von Getränkeherstellern? Kunst komme ohne Mäzene nicht aus, sagen die drei. Kunst werde im öffentlichen Raum doch nur gefördert, wo sie Ertrag verspreche. Für sich selbst hoffen sie, dass ihr Projekt, kaum begonnen, so rasch weiter wächst wie in den zwei Monaten. Dass die Pläne mit der Viertelbelebung aufgehen, dass das Konzept auch in anderen Städten funktioniert. Dort würden sie dann vermutlich auch wieder einen temporären Raum anmieten, so wie jetzt die ehemalige Klenze-Apotheke. In anderen Städten würden allerdings nicht David Stephan und Martin Eggert als Anlaufstation für Anwohner, Künstler und Händler fungieren. "Dafür muss man schon selbst aus dem Viertel sein."