Deichkind in München Einstudierte Spontaneität

In seinen besten Momenten ist ein Konzert von Deichkind eine synästhetische Erfahrung, in der Farben, Formen und Klänge miteinander verschmelzen. Immer wieder wird der Show aber zum Verhängnis, dass sie so gefährlich nah am Dada gebaut ist. Der Zugabe - die immerhin etwa ein Drittel des Konzertes ausmacht - merkt man deutlich an, dass die obligatorischen Klassiker der Band nicht mehr mit dem Showkonzept von "Befehl von ganz unten" vereinbar sind.

Stattdessen wird schmerzhaft klar, wie einstudiert all diese zur Schau gestellte Spontaneität wirklich ist. Die Anspielungen und Chiffren der bisherigen Inszenierung weichen karnevalesquer Feierei und alberner Buchstäblichkeit. Für "Remmidemmi" crowdsurfen zwei Bandmitglieder in einem gewaltigen Gummiboot, aus dem sie Federn streuen. Auf der Bühne vergnügen sich derweil die restlichen Akteure rund um eine Hüpfburg. Und für "Roll das Fass rein" fahren sie auf einem übergroßen Bierfass durchs Publikum.

Songs wie "Bon Voyage" oder "Reimemonster" sind zwar willkommene Hiphop-Abwechslung aus den ganz frühen Tagen der Band (beziehungsweise von Ferris MC, der seit 2008 Mitglied ist), doch sie wirken wie Fremdkörper in einer sonst weitgehend durchkomponierten Show. Hier überschreitet Deichkind die Grenze zum ausgelassenen Dadaismus und lässt seine Bandmitglieder in ihren schrillen Klamotten bisweilen wie eine peinlichere Variante der Village People aussehen.

Einladung zum hemmungslosen Eskapismus

Die große Party, die die Fans von einem Deichkind-Konzert erwarten, findet trotzdem statt. Die willkommene Einladung zum hemmungslosen Eskapismus nehmen sie dankend an. "Leider geil": Die Formel, die es Rezensenten viel zu leicht macht, beschreibt perfekt das Gefühl des "guilty pleasure", des etwas peinlichen Vergnügens, als das sich Deichkind selbst inszeniert. Wiederholt man diesen Ausdruck, ist man der Wucht der Performance ohnehin längst unterlegen.

Inzwischen formen die Rechtecke hinter den Protagonisten eine Skyline und verorten die Show mitten in der Großstadt. "Remmidemmi" verstummt, die Bandmitglieder nehmen sich bei der Hand, verbeugen sich theaterhaft. Die Aufführung ist vorbei. Der Vorhang fällt.