Von L. Sonnabend, Video: J. Biagosch, M. Sterz

Dackel galten als fast ausgestorben, nun haben sie sich mit einer Parade zurückgemeldet: Mehr als 200 Wursthunde wackelten gemeinsam durch den Englischen Garten.

Urmel schaut noch etwas skeptisch. So etwas hat der 14 Jahre alte Rauhaardackel noch nie erlebt. Mehr als 200 Artgenossen haben sich am Brunnen vor der Uni versammelt, um gemeinsam im Englischen Garten Gassi zu gehen. Für viele ist die Dackelwanderung am Samstag der eigentliche Höhepunkt der 850 Jahrfeier der Stadt München: Die vom aussterben bedrohte Hunderasse bäumt sich auf und zeigt, warum sie aus der Stadt nicht wegzudenken ist.

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Dackel, Herrchen, Frauchen und zahlreiche Fotografen laufen die Veterinärstraße hinunter zum Englischen Garten. Die Dackel bellen, kleffen und fiepen. Autofahrer und Radler müssen stehen bleiben, um die Dackelparade vorbei zu lassen. Manche schütteln den Kopf.

In einem Hörsaal der Fakultät für Tiermedizin wird die erste Rast eingelegt. Die Hunde springen auf die Tische, um von den Herrchen besser gestreichelt werden zu können. Sie zeigen sich allerdings nur wenig interessiert an dem Vortrag über Dackelkrankheiten.

Im 1972 erreichte die Dackelkultur in München ihren Höhepunkt: Im Vorfeld der Olympischen Spielen wackelten bei einer Parade 800 Dackel durch die Fußgängerzone und das offizielle Maskottchen Waldi, ein blauer Kurzhaardackel, zeigte der Welt, welche Hunderasse in München die Hosen an hat. Doch seitdem ging es bergab mit dem Dachshund. Die Nachricht, die Dackel seien vom Aussterben bedroht, schockierte im vergangenen Jahr die Münchner. Von 28.388 gemeldeten Hunden in München sind lediglich noch 861 Dackel dabei.

Den Ruf als Münchnerischster aller Hunde haben die Dackel allerdings noch nicht eingebüßt. München ohne Dackel wäre wie München ohne Weißwurst. Wenn auch viele Dackelbesitzer diesen Vergleich nicht gerne hören werden, weil sie denken, dass dieser schon wieder auf die merkwürdige Form ihrer Hunde abspielt. Als Wurst auf vier Beinen werden die Tiere gerne verspottet. Eine amerikanische Touristin ruft beim Anblick der vielen Dackel im Englischen Garten: "So many sausage dogs!"

Warum schaffen sich Menschen eine kurzbeiniges langes Hündlein statt einem Schäferhund oder Golden Retriever? "Einmal Dackel, immer Dackel", sagt Wolfgang Goltsch, der mit seiner Frau Elfriede und Rauhaardackel Rudi gekommen ist. "Dackel sind kinderfreundlich, anpassungsfähig und ein wenig stur - das gefällt mir."

Einige erzählen während des Spaziergangs stolz, von welchem Züchter ihr Tier stammt. Andere zeigen auf im Gras tollende Dackel: "Das ist die Mutter von Pauline, ihr Bruder läuft heute auch mit."

Am Ende treffen sich alle am Fuße des Monopteros. Eine Blaskapelle spielt das extra gedichtete Lied: "Alle Dackel sind schon da, Wasti, Gusti alle." Die Besitzer singen mit, die Dackel bellen. Die Veranstalter wollen nun öfter derartige Wanderungen organisieren. Es scheint: Die Dackel nehmen die Stadt wieder für sich ein.

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(sueddeutsche.de)