Gedenken an Pogromnacht Die jüdischen Bürger Dachaus

Max und Melitta Wallach aus Dachau. Wie alle Juden wurden sie vor der Pogromnacht 1938 vertrieben.

(Foto: SZ-Archiv)

Heute gedenkt die Stadt der Vertriebenen und Ermordeten.

Das Novemberpogrom, das waren geplante und spontane Gewaltübergriffe auf deutsche Juden, der Beginn des Terrors, der in den Holocaust mit sechs Millionen ermordeten Juden, darunter eineinhalb Millionen Kinder, mündete. Etwa 11 000 Männer, darunter eintausend aus München, wurden in den Tagen nach dem Pogrom am 9. November 1938 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Mehr als 30 von ihnen kamen nachweislich ums Leben. 22 jüdische Münchner nahmen sich in diesen Tagen in ihrer Verzweiflung das Leben. Als Vorwand diente dem staatlich gebilligten und geförderten Terror das Attentat eines jungen Juden auf den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath in Paris. In Dachau lebten damals 15 jüdische Bürger, die 24 Stunden vor dem Pogrom aus der Stadt vertrieben wurden.

"Wir müssen einander kennenlernen"

Der Holocaust-Überlebende Shraga Milstein reist aus Israel an, um als Zeitzeuge auf der Gedenkfeier zum Novemberpogrom von 1938 zu sprechen. Seit Jahren unterstützt er die Erinnerungspolitik Dachaus Interview von Helmut Zeller mehr...

Das öffentliche Interesse an der Geschichte der Dachauer Juden blieb bis Anfang 2000 eher gering. Dabei hatte schon 1983 der SZ-Journalist Hans Holzhaider ihre Geschichte recherchiert und aufgeschrieben: "Vor Sonnenaufgang. Das Schicksal der jüdischen Bürger Dachaus" erschien 2006 in einer neuen, aktuelle Erkenntnisse aufnehmenden Ausgabe in der Süddeutschen Zeitung Edition. Die Dachauer SA-Männer, die vor Mitternacht am 8. November 1938 an die Türen der Verfolgten klopften, hatten eine Liste von "In der Stadt Dachau wohnhafte Juden", die vermutlich vom Einwohnermeldeamt erstellt worden war. Sie erhielt zwölf Namen, einer war gestrichen, ein dreizehnter handschriftlich hinzugefügt. Die Namen: Samson Gutmann, ein Viehhändler, Heinrich Hirsch, Privatier, Julius Kohn, Kaufmann, Johann Neumeyer, Musiklehrer, und seine Frau Vera, Meinhold Rau, Justizrat, seine Frau Julia, Max Wallach, Ingenieur, seine Frau Melitta, ihr gemeinsamer Sohn Franz Julius, Johanna Jaffé, Privatsekretärin, Kurt Bloch, Diplomvolkswirt. Unter der Androhung, sie würden sonst ins Gefängnis gebracht, mussten sie und ihre Familien Dachau vor Sonnenaufgang, wie es in der behördlichen Verfügung hieß, verlassen. Bürgermeister Hans Cramer meldete dem Kreisleiter Hans Eder: "Die Stadt Dachau ist somit heute völlig judenfrei; das Gleiche gilt auch vom übrigen Kreisgebiet." Viele der Vertriebenen wurden später in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.

Verhaltene Reaktionen der Kommunalpolitiker

Die Reaktionen der Kommunalpolitik auf die Veröffentlichung Hans Holzhaiders im Jahr 1983 waren verhalten. Niemand kam auf den Gedanken, die noch lebenden ehemaligen Bürger nach Dachau einzuladen. Es waren Frank Wallace, Johanna Jaffé, Ruth Locke und Raymond Newland. Erst fünf Jahre später verschickte die Stadt Einladungen - doch die Anregung von Ruth Neumeyer, eine Gedenktafel anzubringen, wurde vom Hauptausschuss des Stadtrats abgelehnt. Oberbürgermeister Lorenz Reitmeier erlangte dann doch die Zustimmung zur Anbringung einer Gedenktafel im Durchgang zwischen altem und neuen Rathaus, an der seit dem 50. Jahrestag des Pogroms ein Kranz niedergelegt wird. Am 27. Oktober 1988 wurde die Ausstellung "Dachau ist somit judenfrei . . ." im Rathausfoyer eröffnet. Ruth Locke, ihr Mann Frank Wallace, Richard Kitzinger und Sabine Bloch (Tochter von Kurt Bloch) und viel Publikum waren gekommen.

Im November 2004 votierte der Kulturausschuss des Stadtrats einstimmig für die Verlegung von Stolpersteinen, die an die ehemaligen jüdischen Bürger Dachaus erinnern sollen. Doch die jüdische Geschichte Dachaus ist ausgelöscht - "es hat sich kaum angefühlt wie unser Haus", sagte Ruth Locke bei ihrem Besuch.