Zu Fuß durch Israel Wanderer zwischen den Welten

Christian Seebauer aus Vierkirchen durchwandert in 46 Tagen den Israel National Trail. Ohne einen Cent in der Tasche. Den ehemaligen Banker hat seine Arbeit krank gemacht. Jetzt sucht er Ruhe und Kraft in der Kunst - und als Abenteurer.

Von Benjamin Emonts

Menschen, die verreisen, erzählen im Rückblick oft von magischen Momenten, die sie erlebt haben. Christian Seebauer aus Vierkirchen ist etwa dieser in Erinnerung geblieben: An Tag 33 seiner Reise sitzt er am Abgrund des Nahal Yemin, einer 200 Meter tiefen Schlucht auf dem Israel National Trail. Er blickt hinab auf ein ausgetrocknetes Flusstal, am Horizont erstreckt sich eine unendliche Wüste aus Sand und Stein. In diesem Moment, er hat bereits 700 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, denkt er an seine Familie. Die Schönheit seiner Umgebung macht ihn zwar glücklich, doch gleichzeitig ist er traurig: "Da war einfach niemand, mit dem ich diese Schönheit teilen konnte."

Momente wie diese brennen sich ein in der Erinnerung, sie lösen im Menschen etwas aus, das ihn das Leben spüren lässt. Momente wie diese hat Seebauer lange Zeit vermisst. Bis vor zwölf Jahren war der heute 47-Jährige noch Verwaltungsdirektor einer Bank und hat sich mit Versicherungen und Baufinanzierungen beschäftigt. "Ich habe damals gut verdient", sagt er, "aber irgendwann hat mich der Job krank gemacht, bis hin zum Burnout". Denn seine Arbeit, das war Seebauer längst bewusst geworden, "widersprach eigentlich meinem Naturell. Ich bin ein kreativer Mensch."

Jetzt, da Seebauer über die schwere Zeit erzählt, sitzt er in seinem Atelier, im hellen Dachgeschoss seines Hauses im Vierkirchner Ortsteil Rettenbach, das einen Panoramablick über Wiesen und Felder bietet. Seebauer trägt ein pinkes, grell leuchtendes Hemd, ebenso hell leuchten die vielen Ölgemälde, die überall herumstehen. Seitdem er seinen Job vor zwölf Jahren gekündigt hat, widmet sich der ehemalige Banker nämlich seinem Kindheitstraum: dem Malen und dem Schreiben.

"Es geht immer um die Suche nach dem Glück, der inneren Ruhe", sagt er. Diese holt sich Seebauer auf Reisen wie der, die er von Anfang März bis Mitte April über den Israel National Trail gemacht hat, ein etwa 1000 Kilometer langer Wanderweg, der weitgehend größere Ortschaften und Städte vermeidet. Ausgehend vom Norden des heiligen Landes, von der kleinen Ortschaft Kibbuz Dan, ist Seebauer in 46 Tagen 1050 Kilometer bis in den Süden nach Eliat gewandert. Im Norden Israels, so schildert es Seebauer, durchstreift er eine "grüne, gebirgige" Landschaft, "es sieht ein bisschen aus wie im Allgäu, nur war es heißer." Schließlich geht die Reise weiter entlang der Mittelmeerküste, vorbei an Haifa bis nach Tel Aviv, "mediterranes Klima vergleichbar mit Griechenland oder Korsika". Wobei es so richtig heiß erst auf dem letzten Drittel seiner Reise wurde: in den Wüstenlandschaften der Judäawüste und der Negev. Die meiste Zeit wandert Seebauer allein. Der Großteil der Wanderer wählt die Route von Süd nach Nord. Doch der 47-Jährige wollte den Menschen lieber entgegen kommen anstatt mit ihnen zu gehen.

Denn so bietet sich ihm die Möglichkeit, die Entgegenkommenden nach Proviant zu fragen. Seebauer, das ist das Bemerkenswerte, hat die 1000 Kilometer nämlich zurückgelegt, ohne einen Cent auszugeben. Er hat bewusst den Kontrast zu seinem Leben in Deutschland gewählt, wo alles jederzeit verfügbar ist. "Das macht einen demütiger und man findet auf den Boden der Tatsachen zurück", sagt er. Seine Ausrüstung hat sich der Abenteurer kostenlos bei Geschäften in Dachau zusammen gesucht. Er bekommt ein Zelt, einen Rucksack, Sonnenbrille und Reiseapotheke. 20 Kilo Gepäck schleppt Seebauer in den ersten Tagen mit sich - zu viel. Bereits kurz nach Aufbruch verschenkt er etwa das Stativ seiner Kamera, später sogar sein Zelt. "Ich war total oversized. Die ersten Etappen waren extrem schwer." Zumal der Vierkirchner nur ein durchschnittlich sportlicher Mensch sei, wie er sagt. Für das Abenteuer Israel hat er nicht einmal extra trainiert, "23 Kilometer pro Tag sind absolut machbar", sagt er sich. Denn nicht die körperliche Beanspruchung sei das Problem, sondern die mentale: die Einsamkeit, die Angst vor Unterversorgung. "Einmal, als ich drei Tage niemanden gesehen habe, dachte ich ans Aufgeben. Aber die Schönheit der Natur hält einen davon ab."

Seebauer zieht seine Reise durch, er sagt: "Dass ich das geschafft habe, ist ein Kompliment an die vielen Menschen entlang des Trails, die mir tagtäglich etwas zu essen und zu trinken gegeben haben." Im Vorfeld der Reise hatte sich Seebauer noch Gedanken gemacht: "Wenn man als Deutscher nach Israel reist, befürchtet man, die Vergangenheit zu spüren zu bekommen." Er erfährt das Gegenteil: "Die Menschen haben zu mir gesagt, ich sei aus einer ganz anderen Generation. Die Israelis sind weltoffen, neugierig und einzigartig hilfsbereit." Hungern musste der Vierkirchner deshalb nur selten. Ob Pita-Brot, Müsli-Riegel, Äpfel oder Paprika: Irgendetwas hat Seebauer immer bekommen von den Einheimischen. "Am schwierigsten war es, tagtäglich meinen Stolz zu überwinden und nach Lebensmitteln zu fragen."

Seit Mitte April ist Seebauer nun wieder in Vierkirchen und arbeitet das Erlebte in seinem Atelier auf. Aktuell schreibt er an einem Erlebnisbericht, den er als Buch herausbringen will - so hatte er es nach seiner Reise entlang des Jakobswegs auch schon gemacht. Und natürlich die Malerei. Auf eine seiner Leinwände hat er in hellen Brauntönen und blauen Schattierungen die Weiten der Negev-Wüste gemalt. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen.