Zivilcourage-Preis Mutiger Widerstand

In der Kleinstadt Zossen in Brandenburg provozierten Neonazis die Öffentlichkeit. Unerschrockene Bürger stellten sich ihnen entgegen. Am Dienstag erhielten sie dafür den Zivilcourage-Preis der Stadt Dachau.

Von Walter Gierlich

Jörg Wanke (links), Sprecher der Initiative "Zossen zeigt Gesicht", nahm von OB Peter Bürgel den Zivilcourage-Preis der Stadt Dachau entgegen.

Zossen gilt unter Kennern als einer der schönsten Orte in Brandenburg. Die Kleinstadt mit 18 000 Einwohnern im Landkreis Teltow-Fläming, 20 Kilometer südlich von Berlin, hat eine Reihe von Sehenswürdigkeiten. Die Stadt hat aber auch ein hässliches Gesicht: Neonazis, Fremdenhasser, Holocaustleugner. Diesen stellt sich seit bald fünf Jahren die Bürgerinitiative "Zossen zeigt Gesicht" entgegen. Stellvertretend für deren 30 Mitglieder nahm ihr Sprecher Jörg Wanke am Dienstagabend im Rathaus den Dachau-Preis für Zivilcourage entgegen. Dieser wird seit 2005 alle zwei Jahre am 10. Dezember, dem internationalen Tag der Menschenrechte, verliehen. Die Laudatio hielt der Historiker Wolfgang Benz, der auch der Jury angehört.

Dachaus Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) betonte in seiner Begrüßungsrede, dass der mit 5000 Euro dotierte Preis "das Vermächtnis der Opfer der Konzentrationslager und des vielfältigen Widerstands gegen das NS-Regime lebendig erhalten" soll. Ausgezeichnet werden sollen einzelne Personen oder Gruppen, "die sich mit Mut, Phantasie und Engagement für die Rechte von Verfolgten und von diskriminierten Minderheiten einsetzen". Eine solche Gruppe, die sich engagiert gegen den in ihrer Stadt massiv auftretenden Rechtsextremismus stellt, ist die Bürgerinitiative aus dem Berliner Umland. Fünf Vertreter von "Zossen zeigt Gesicht" - neben Sprecher Jörg Wanke noch Petra Reinhard, Heidi Borchert sowie Hiltrud und Carsten Preuß - waren nach Dachau gekommen, um den Preis entgegenzunehmen.

Eine Auszeichnung, die sie sich wohl verdient haben, wie Benz in seiner Laudatio schilderte. Neonazis "posierten in den letzten Jahren vor Fernsehkameras, grölten ihre Gesinnung bei einer Gedenkveranstaltung zum Holocaust hinaus, zeigten den Hitlergruß - und die Polizei, die zum Schutz er Bürger und zur Garantie des friedlichen Verlaufs zahlreich vorhanden war, merkte nichts. Schlimmer noch, sie wollte ganz offensichtlich nichts bemerken", sagte der Historiker. 2008 begannen die Rechtsextremisten, "in Zossen ihre Gesinnung öffentlich, aggressiv und provozierend zu artikulieren. Zum Beispiel im November mit einem Fackelzug auf dem Marktplatz, deklariert als ,Mahnwache'". Jörg Wanke und seine Mitstreiter wollten solche Vorfälle nicht einfach hinnehmen. Sie ahnten aber nicht, was ihnen alles blühen würde, als sie Anfang 2009 "Zossen zeigt Gesicht" gründeten, erklärte Benz.

Die Stadtoberen hätten jedoch wenig Verständnis für die Notwendigkeit bürgerlicher Abwehr gegen Rechtsextremismus gezeigt. Die Bürgermeisterin habe von Nestbeschmutzung gesprochen, die Existenz gewaltbereiter Neonazis kleingeredet und erklärt, man dürfe sich nicht einmischen. Sie verwies auf die Meinungsfreiheit und darauf, dass der Staat keine Gesinnung vorschreiben dürfe, berichtete der Laudator weiter.

Derweil gab es Bedrohungen und Anschläge gegen Wanke und seine Mitstreiter. Das von der Initiative im September 2009 eröffnete "Haus der Demokratie" ging wenige Monate später in Flammen auf, angezündet von einem rechtsextremen Jugendlichen. Wankes Büro wurde beschmiert ("Linke Sau", "Volksverräter"), Scheiben an seinem Wohnhaus eingeschlagen, die Haustür aufgebrochen und schließlich die Morddrohung an die Wandgesprüht: "Jörg Wanke stirbt bald." Doch unterkriegen ließ sich "Zossen zeigt Gesicht" nicht. Und trotz aller Widerstände gab es auch Erfolge für die Bürgerinitiative. Die Neonazi-Gruppe "Freie Kräfte Teltow-Fläming" wurde verboten . Und in Zossen ist es momentan ruhig geworden, die Stadt ist nicht mehr Bühne provokanter Neonazis. "Das ist auch Verdienst der Bürgerinitiative, die wir heute feiern", sagte Benz. "Die Frauen und Männer aus Zossen gereichen ihrer Heimatstadt zur Ehre."

"Ich muss ehrlich sagen, als die Stadt Dachau anrief, war ich erst mal sprachlos", erinnerte sich Wanke in seiner Dankesrede. Es mache der Initiative unwahrscheinlich Mut, dass sie sogar in Bayern wahrgenommen werde. "Ohne solche Mutmacher von außen hätten wir längst aufgeben müssen und wahrscheinlich schon aufgegeben." Das Preisgeld könne man gut brauchen, denn in den nächsten Tagen und Wochen kämen syrische Flüchtlinge nach Zossen: "Wir wollen ihnen bei der Eingliederung helfen", kündigte Wanke an. Zudem wolle er mit seinen Mitstreitern das "Projekt Zossen 1933" weiterentwickeln, eine Ausstellung, die sich mit der Geschichte der Stadt in der Nazizeit befasst. "Die Verantwortung, ob Rechtsextremisten bei uns eine Chance haben, liegt bei uns - nicht in Potsdam oder Berlin", sagte er abschließend und gab noch ein Versprechen ab: "Wir werden lange durchhalten."