Wie barrierefrei ist Karlsfeld? Draußen vor der Tür

Öffentliche Gebäude sollten für alle zugänglich sein, doch eine Begehung mit dem VdK in Karlsfeld zeigt, dass Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte dort immer wieder an kaum überwindbare Hindernisse stoßen, vor allem im Bürgerhaus. Die Gemeinde will nun Abhilfe schaffen

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Wer nicht mehr gut laufen kann, vielleicht sogar im Rollstuhl sitzt, wagt sich oft kaum mehr vor die Tür. Auch Sehbehinderte haben Hemmungen, ihre vertraute Umgebung, die eigenen vier Wände, zu verlassen. Denn das bedeutet, man muss andere um Hilfe bitten. Aber ein Leben in Einsamkeit und ohne menschliche Ansprache kann keine Alternative sein. Deshalb drängt Sozialverband VdK auf Barrierefreiheit. "Menschen mit Behinderung und Senioren sollen am Leben teilnehmen können wie ein gesunder Mensch", sagt der Dachauer Kreisvorsitzende Anton Hassmann. Um das zu erreichen, hat sich der VdK vorgenommen, sich in den Gemeinden des Landkreises umzuschauen, um Verbesserungen anzustoßen.

Dass die Welt im Rollstuhl ganz anders wirkt, hat Bürgermeister Stefan Kolbe schnell gemerkt.

(Foto: oh)

In Bergkirchen, Odelzhausen, Hilgertshausen, Markt Indersdorf und Karlsfeld waren die Verantwortlichen bereits. Eins haben sie dabei schon festgestellt: Um etwas zu verändern, braucht man einen langen Atem. Aber der VdK will nicht locker lassen. In Karlsfeld stieß man jetzt auf offene Ohren. "Wir sind dankbar für Ihre Initiative und Mithilfe. Die Begehung war lehrreich", sagte Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) in der jüngsten Gemeinderatssitzung. "Karlsfeld sollte barrierefreier werden", befand auch Franz Trinkl (SPD). Das komme allen zugute, denn "wir alle werden älter und künftig mit dem Rollator unterwegs sein". Derzeit sind 40 Prozent der Karlsfelder bereits älter als 50 Jahre, ein Viertel der sogar über 60 Jahre. Entsprechend viel Zuspruch hat auch der VdK. Die Ortsgruppe hat mehr als 800 Mitglieder und ist die zweitstärkste im Landkreis.

Hauptkritikpunkt des VdK ist das Karlsfelder Bürgerhaus. Wer mit einem Rollstuhl oder auch einem Rollator dort hinkommen will, muss viele Hindernisse überwinden. So gibt es zwar eine Rampe zum Eingang, doch um dorthin zu gelangen, muss man erst durch den Biergarten der Gaststätte, und am Tag der Begehung war die Gartentür abgesperrt. Außerdem dürften Blumentöpfe auf der Rampe die Zufahrt für Gehbehinderte deutlich erschweren, weil diese den Weg sehr schmal machen. Es besteht sogar die Gefahr, dass der Rollstuhl abstürzt, wenn man nicht genau in der Spur bleibt.

Manches ist schier unerreichbar: So ist die Klingel am Eingang des Karlsfelder Rathauses viel zu hoch angebracht.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Noch schwieriger wird es für Gäste des Restaurants, denn die Behindertentoilette ist im Keller. Um dorthin zu kommen, müssen Rollstuhlfahrer einen Kellner ansprechen, der sie dann zum Aufzug im Küchenbereich bringt. Bei der Begehung musste der Zugang zum Lift sogar erst frei geräumt werden, berichtete Gerda Sackmann, die Vorsitzende der VdK-Ortsgruppe Karlsfeld im Gemeinderat. Außerdem ist der Lift nicht behindertengerecht gestaltet. Die Toiletten im Saalbereich sind etwas eng, Spiegel und Notruf sind zu hoch angebracht, zudem weiß man nicht, wer alarmiert wird. Laut Sackmann besteht die Gefahr, dass Hilfsbedürftige länger in der Toilette eingesperrt sind, weil niemand ihren Ruf bemerkt. Dies ist ein Problem, das der VdK bei mehreren Toiletten in der Gemeinde bemängelt, zum Beispiel im Rathaus und der Bücherei.

Größere Schwierigkeiten dürften Rollstuhlfahrer auch in der Mittelschule haben. Die Rampe am Eingang ist laut VdK zu steil und ohne Unfälle allein für Rollstuhlfahrer kaum erreichbar. Die Sporthalle ist für Gehbehinderte wegen der schweren Brandschutztür nur mit Hilfe erreichbar. Und die Toilette wird offenbar so selten benutzt, dass es kein Papier gab, so Sackmann. "Man müsste was machen, wenn behinderte Kinder da wären." Auch in der Bücherei könnten schwache und gebrechliche Personen die schwere Eingangstür kaum alleine aufstemmen, berichtete die VdK-Vorsitzende. Im Rathaus monierte sie vor allem, dass die Akustik im Sitzungssaal schwierig sei.

Die Rampe vor der Mittelschule ist zu steil.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"In Sachen Verkehr hat die Gemeinde schon viel gemacht, aber um die Gebäude hat sich in Karlsfeld bislang niemand so recht gekümmert, deshalb haben wir diese angeschaut", erklärt Sackmann. Und Hassmann betont mehrfach: "Wir möchten nur aufmerksam machen, wo Barrieren sind." Die Gemeinderäte waren sich einig, dass man vor allem am Bürgerhaus, was tun müsse. "Es soll ja für alle da sein", gab Trinkl zu bedenken. "Aus Sicht des Rollstuhlfahrers sieht man manches anders", sagte Kolbe, der bei der Begehung mit dem VdK selbst in einem saß. Was möglich ist, werde die Gemeinde zeitnah ändern, versprach er. "Aber das Bürgerhaus wird kein Schnellschuss werden." Die Initiative des VdK war jedoch lehrreich. In einem Jahr will der Sozialverband sich noch einmal in Karlsfeld umschauen.