Wider das Vergessen Abba Naor in Yad Vashem

Der Schoah-Überlebende Abba Naor entzündet eine Fackel zum Gedenken an die sechs Millionen Opfer des Massenmordes an den europäischen Juden. Seine Enkelin Dana steht ihm zur Seite.

(Foto: Youtube/Yad Vashem)

Der 90-jährige Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees entzündet eine Fackel bei der Staatszeremonie in der israelischen Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer der Schoah. Seine Enkelin Dana begleitet ihn auf diesem schweren Weg

Von Helmut Zeller, Dachau/Jerusalem

Abba Naor denkt in diesem Moment, das wird er später erzählen, an Chana, Chaim und Berale. Ihren Verlust hat er nie verwunden, auch heute mit 90 Jahren wühlt der Schmerz in ihm, vor allem in solchen Momenten, auch wenn er sich das nicht anmerken lässt. Die Gesichter seiner Mutter und seiner Brüder ziehen aus seiner Erinnerung herauf, als er am Mittwochabend in Yad Vashem eine Fackel zum Gedenken an die Opfer der Schoah entzündet. Seine Enkeltochter Dana steht an seiner Seite. Abba Naor, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees, ist neben fünf anderen Schoah-Überlebenden ausgewählt worden, bei der Staatszeremonie in der israelischen Gedenkstätte bei Jerusalem Fackeln der Erinnerung zu entzünden. Sechs Millionen Juden sind während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten und ihren Helfershelfern ermordet worden - ein Drittel der jüdischen Weltbevölkerung.

Abba Naor ist seit Jahren in ganz Bayern und inzwischen auch in der Schweiz bekannt. Als Zeitzeuge sprach er inzwischen zu Tausenden von Schülern und Studenten sowie Bundeswehrsoldaten über seine Erfahrungen in der Schoah. Er hat einen Sitz im Stiftungsrat der bayerischen Gedenkstättenstiftung und vertritt die Interessen der Überlebenden in Israel. Jetzt schaut er von der Bühne direkt in das Gesicht des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin. "Ich hätte mir nach der Befreiung niemals vorstellen können, dass ich einmal unseren Präsidenten auf dem Boden des ehemaligen Konzentrationslagers begrüßen werde", sagte Abba Naor im September 2017, als er Rivlin bei einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau begleitete.

Abba Naor verlor im Ghetto Kaunas einen älteren Bruder Chaim (15); seine Mutter Chana und sein sechsjähriger Bruder Berale wurden 1944 in Auschwitz-Birkenau vergast. Abba Naor wurde über das KZ Stutthof nach Bayern deportiert - nach Utting und schließlich in das Dachauer Außenlager Kaufering I. Als er am 2. Mai 1945 auf dem Todesmarsch bei Waakirchen von US-Soldaten befreit wird, war er gerade mal 17 Jahre alt. Danach fand er seinen Vater wieder, der auch überlebt hatte.

Das Motto des diesjährigen Gedenktages in Israel, des Jom Haschoa, lautete: "70 Jahre Erinnerung und Aufbau: Überlebende der Schoah und der Staat Israel". Ungefähr 220 000 Überlebende des Massenmordes leben heute noch in Israel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der jüdische Staat Israel im Jahr 1948 gegründet. Hunderttausende Überlebende aus Europa suchten hier eine neue Heimat. Auch Abba Naor, der 1948 als Soldat für Israel kämpfte, als fünf arabische Armeen den gerade ausgerufenen Staat angriffen.

Auch 70 Jahre später muss die Hightechnation, die sich aus einem sozialistischen Agrarstaat entwickelt hat, um ihr Existenzrecht kämpfen. Im andauernden Konflikt mit den Palästinensern erfährt Israel weltweit Kritik, die häufig genug die Fakten missachtet oder gar, antisemitisch motiviert, den Staat dämonisiert, delegitimiert und mit doppelten Standards misst. Den erstarkenden Antisemitismus in Europa betrachtet Abba Naor mit Sorge.

Der diesjährige Gedenktag ist für ihn, wie jedes Jahr, vor allem ein Tag der Trauer, diesmal aber auch ein Tag des Stolzes auf 70 Jahre Israel. Am Donnerstagvormittag heulten dann zwei Minuten landesweit Sirenen. Busse und Autos stoppten, und die Menschen versammelten sich mit gesenkten Köpfen am Straßenrand, um innezuhalten und der Opfer der Schoah zu gedenken.