Verfolgung und Deportation Die Kraft zum Widerstand

Im Gespräch: Berthold Goerdeler (links), dessen Großvater Protestant im konservativen Widerstand war, und der katholische Theologe Helmuth Rolfes.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Warum stellten sich Menschen gegen den Nationalsozialismus? Eine Podiumsdiskussion in der Versöhnungskirche gibt aufschlussreiche Antworten

Von Julian Erbersdobler, Dachau

Georg Elser war ein Mann aus einfachsten Verhältnissen. Ein schwäbischer Schreiner, der schon 1938 beschließt, Hitler zu eliminieren. Mit einem Bombenanschlag. Wenn Elser seine Stimme bei politischen Wahlen abgeben konnte, dann gab er sie den Kommunisten. Anders liest sich die Vita von Dietrich Bonhoeffer. Der Professorensohn aus großbürgerlichem Elternhaus wird Theologe, nimmt öffentlich Stellung gegen die nationalsozialistische Judenverfolgung und erhält dafür 1940 Redeverbot. Elser und Bonhoeffer, das waren zwei Männer in anderen Welten. Was die beiden eint? Der Widerstand.

Hitler lässt sie wenige Wochen vor Kriegsende töten, Georg Elser stirbt in Dachau, Dietrich Bonhoeffer in Flossenbürg. Woher nahmen sie die Kraft zu widerstehen? Darüber soll im Gesprächsraum der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte diskutiert werden. Und der Andrang ist groß, wenige Minuten vor Beginn der Podiumsdiskussion werden noch Bierbänke aufgestellt. Die Moderation übernehmen der evangelische Pfarrer Björn Mensing und Pastoralreferent Georg Schmidinger, der für die katholische Seelsorge verantwortlich ist. Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit dem Runden Tisch gegen Rassismus ins Leben gerufen.

Woher nahmen sie also die Kraft zu widerstehen? "Eine schlüssige, allgemeingültige Antwort gibt es darauf nicht", sagt der katholische Theologe Helmut Rolfes in seinem ersten Statement. Dennoch lohne es sich, nach Motiven und Gründen zu suchen. In diesem Zusammenhang spricht er immer wieder von der "Ökumene der Menschlichkeit". Was soll das sein? Eine Vision, die uns auf eine bessere Welt hoffen lässt, von der wir aber noch weit entfernt sind. Rolfes: "Ohne sie sieht die Welt ganz finster aus." Karl Goerdeler, er sitzt links neben ihm, beantwortet die Frage praktischer: Sein Großvater war Protestant im konservativen Widerstand. Woher nahm er die Kraft zu widerstehen? "Aus seiner Lebenserfahrung", sagt Goerdeler und erklärt im nächsten Satz, was er damit meint. Sein Großvater musste durch sieben Krisen gehen. Und in jeder dieser Krisen sei etwas in ihm gewachsen und gereift, so der Enkel.

Ernst Grube nickt, seine Erklärungsversuche gehen in eine ähnliche Richtung. Grubes Vater war Kommunist, er hielt zu seiner jüdischen Frau. Gemeinsam lebte die Familie im Haus der jüdischen Gemeinschaft in München. Und das sei auch einer der Gründe gewesen, warum sein Vater eine klare Haltung vertrat. "Er hat die Verfolgungen und Deportationen hautnah miterlebt", erzählt der Sohn. Es kam aber noch ein weiterer wichtiger Baustein hinzu: Sein Vater sei ein Optimist gewesen, der immer wieder zu ihm sagte: "Bua, die Russen werden das schon schaffen." In der Runde sitzt auch ein Mann, den man erst auf den zweiten Blick zuordnen kann: Leo Mayer, Sprecher der Kommunistischen Partei Deutschlands (DKP). Er soll die Frage beantworten, warum so viele Kommunisten unter den Widerständlern waren. Seine Argumentation beruht auf zwei Aspekten: einem besonderen Solidaritäts- und Gemeinschaftsgefühl und den Kenntnissen darüber, wie das politische System funktioniert.

Im zweiten Teil der Diskussion soll es von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft gehen. Darauf angesprochen erzählt Ludwig Gasteiger, warum er sich für den Runden Tisch gegen Rassismus einsetzt. Nazi-Schmierereien, Pakete mit Tierinnereien oder persönliche Drohungen - das habe er alles schon erlebt. "Man muss jede Aktion ernst nehmen." Besonders wenn die Polizei das nicht immer tue, so Gasteiger weiter. Gegen Ende gerät die Diskussion etwas aus den Fugen, was aber auch teilweise an den Fragen aus dem Publikum liegt. Die Veranstalter haben es sich nicht leicht gemacht, Widerstand in Vergangenheit und Gegenwart auf Augenhöhe zu thematisieren. Mutig und interessant war es in jedem Fall. Der eindrucksvollste Beitrag des Abends kommt von Ernst Grube, Jahrgang '32. Woher nimmt er die Kraft, auch heute noch an Schulen und zu Diskussionsrunden zu gehen? "Das ist mein Leben."