Tödliche Schüsse am Amtsgericht Täter schweigt zur Bluttat von Dachau

Die tödlichen Schüsse im Dachauer Amtsgericht geben den Ermittlern Rätsel auf. Was Rudolf U. zu der Bluttat getrieben hat, ist unklar - denn der Täter schweigt beharrlich. Fest steht unterdessen, dass der 54-Jährige sich die Tatwaffe illegal beschafft hat.

Von Helmut Zeller

Die genauen Hintergründe der Bluttat im Amtsgericht Dachau geben Polizei und Staatsanwaltschaft Rätsel auf. Der 54-jährige Angeklagte Rudolf U. hatte am Mittwoch während der Urteilsbegründung plötzlich eine Pistole gezogen und den 31 Jahre alten Staatsanwalt Tilman T. mit zwei Schüssen getötet.

Seitdem schweigt der Dachauer Transportunternehmer in allen Verhören. Oberstaatsanwältin Andrea Titz sagte: "Wir können nur vermuten, dass er sich ungerecht behandelt fühlte." Der Mann soll jetzt psychiatrisch untersucht werden. Ungeklärt ist auch, wie und wann Rudolf U. in den Besitz der Tatwaffe gekommen ist. Die Staatsanwaltschaft hat Antrag auf Haftbefehl wegen Mordes sowie versuchten Mordes am Amtsrichter gestellt.

Am Donnerstag wurde der Mann dem Haftrichter vorgeführt, der Untersuchungshaft anordnete. Rudolf U., wegen Veruntreuung und Vorenthaltung von Arbeitsentgelt angeklagt, hatte die Pistole ohne Probleme in den Gerichtssaal mitnehmen können. Im Amtsgericht werden keine Kontrollen vorgenommen.

Unterdessen ist die Debatte über die Sicherheit in Justizgebäuden neu entbrannt. Strafverteidiger, Richter und Polizeigewerkschaft fordern strenge Kontrollen auch in Amtsgerichten. Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU), die am Mittwoch zum Tatort geeilt war, sagte aber am Donnerstag in München: "Es herrscht ein breiter Konsens, dass wir aus den Gerichten keine Trutzburgen machen, uns nicht abschotten wollen."

In Dachau hält das Entsetzen über die Bluttat an. Die Bürger bewegt die Frage, ob von Rudolf U. nicht schon seit geraumer Zeit Gefahr ausging. In der Wohnung des Täters in der Herzog-Wilhelm-Straße in Dachau fand die Kripo nach SZ-Informationen keine weiteren Waffen, allerdings einen Vorrat an Munition vom Kaliber 6,35 Millimeter für die Tatwaffe.

Rudolf U. hat die belgische Armeepistole irgendwann illegal erworben. Die Seriennummer könnte die Fahnder bald zum Händlerkreis führen. Die Ermittlungen konzentrieren sich aber vor allem auf das Motiv des Todesschützen: Mitten im Gerichtssaal erschießt ein Angeklagter den Staatsanwalt - und das in einem Routineverfahren, das glimpflich mit einer einjährigen Haftstrafe auf Bewährung ausging.

Was trieb Rudolf U. zu dieser Tat? Er hatte kein Glück mit seinem Betrieb in der Roßwachtstraße in Dachau. Auftragsrückgänge, Pfändungen, Insolvenz - und dann, 2009, noch ein Schlaganfall. Rudolf U. zieht von Karlsfeld, Allacher Straße 112, nach Dachau. Das Vormundschaftsgericht bestellt eine Betreuerin - er erholt sich von dem Schlaganfall, geht aber noch an Krücken.

Im Umgang mit Menschen wirke U. oft "komisch", ist in Dachau zu hören. Auch am Mittwoch war der ungepflegte, übergewichtige Mann aggressiv und beschimpfte seine Verteidigerin aus Augsburg. Als Richter Lukas N. um 16 Uhr die Urteilsbegründung verliest, zieht Rudolf U. die Pistole aus seiner Jacke und feuert fünf oder sechs Schüsse auf den Richtertisch ab. Zwei Zollbeamte, die als Zeugen aussagten, überwältigen den Mann.

Aber zwei Schüsse haben den Münchner Staatsanwalt Tilman T. getroffen, eine Kugel ging ins Handgelenk und dann in die Hüfte, die zweite in die Schulter. Der Jurist, der eine Ehefrau hinterlässt, wird reanimiert, stirbt aber bei der Notoperation im Dachauer Amperklinikum. Ministerin Merk sagte am Abend, eine solche Tat habe niemand vorhersehen können. Der Protokollführer allerdings war nach der Bluttat aus dem Saal gestürmt und hatte gerufen: "Ich hab's gewusst."