Tierhaltung Glückliche Schweine sind teuer

Hebertshausen Gänsstall Betrieb Wittmann Schweinestall Zuchtsauen Schwein steckt Rüssel durch Gitter npj/Foto: Jørgensen

(Foto: DAH)

Verbraucher haben großen Einfluss darauf, wie Nutzvieh gemästet und gehalten wird. Denn die Bauern können sich nur das leisten, was der Preis hergibt. Eine Rundfahrt zu einigen Höfen im Landkreis Dachau.

Von Maurice Stiehl, Dachau

Hans Kreitmair ist kurz angebunden am Telefon. Mit den Medien wolle er nichts zu tun haben, sagt er. Sein Mastbetrieb mit etwa 38 000 Hühnern in Unterzeitlbach firmiert unter der Marke Wiesenhof-Betrieb, die bundesweit bekannt ist. Zudem beliefert er den Discounter Lidl. Im Jahr 2011 deckte die ARD auf, dass auf Wiesenhof-Farmen der qualvolle Tod tausender Tiere in Kauf genommen wird. Daraufhin führte Wiesenhof die Marke "Privathof" ein. Auf dem Etikett wird "Mehr Tierschutz" zugesagt. Die Kreitmairs stellten auf dieses Label um, sie halten jetzt statt maximal 25 nun 15 Masthähnchen auf einem Quadratmeter Boden, das bedeutet etwa ein DIN-A4-Blatt Platz pro Masthähnchen. Zeigen wollen sie ihre Tiere nicht.

"Ein paar schwarze Schafe gibt es immer", sagt Emmi Westermeier, Kreisbäuerin und CSU-Kreistagsabgeordnete. Die meisten Landwirte seien um das Wohl ihrer Tiere bemüht, müssten aber eine gewisse Anzahl halten, um vom Verdienst leben zu können, so der Tenor auf dem Landfrauentag im Februar. Dort sagte sie: "Wir halbieren gerne die Tierbestände, wenn wir einen vernünftigen Preis bekommen." 98 Prozent der Landwirte im Landkreis würden mit ihren Tieren gut umgehen. Wie sieht also die Tierhaltung in der Dachauer Region aus? Welche Maßstäbe gelten? Die SZ schaute sich verschiedene Höfe im Landkreis an. Der Bio-Hühnerhof von Marianne und Rudolf Kerle liegt am Rand des Landkreises, im beschaulichen Wollomoos. "Das ist für Mensch, Natur und Tier das Beste", begründet Marianne Kerle ihre Entscheidung für eine biologische Tierhaltung.

Marianne Kerle aus Wollomoos stapelt und sortiert die Eier aus ihrem Biobauernhof.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Etwa 3000 Hühner der Sorte Lohmann Brown laufen dort auf 1,2 Hektar Wiese frei umher, rechnerisch hat somit jedes Huhn vier Quadratmeter Platz. An den Rändern des eingezäunten Geländes ist das Gras hoch und dicht. Als Bonus für die Hennen haben die Kerles 15 Hähne: "Die produzieren nichts, kommen den Hennen aber sehr zu Gute und warnen vor Gefahren", so Rudolf Kerle. "Bisweilen krähen sie auch mal bei überfliegenden Flugzeugen, und plötzlich rennen alle Hühner in Richtung Stall", fügt Marianne Kerle lächelnd hinzu.

Dort verbringen die Hühner, geschützt vor Fuchs und Habicht, ihre Nächte. Innen stinkt es nicht nach Hühnerkot, sondern es riecht nach frischem Stroh und Federn in dem circa 50 mal 14 Meter großen, knapp zwei Jahre alten Stall. Er ist in Warmbereich und Wintergarten unterteilt. Der Warmbereich besteht aus metallenen Volieren auf zwei Ebenen, auf welche die Hühner herauf- und wieder auf den Strohboden herunterfliegen. Im hinteren Teil legen sie Eier, zwischen 2000 und 2500 Stück pro Tag, welche auf ein Förderband fallen, per Hand sortiert und regional vermarktet werden. Ein mechanisches Band liefert sechsmal pro Tag Bio-Futter, das mindestens zur Hälfte aus eigenem Anbau kommt. Zwei weitere Bänder liegen unter einem Gitter und transportieren Kot ab.

Bei konventioneller Bodenhaltung müssten sich die Tiere allein in diesen Bereich zwängen, doch hier steht neben der Wiese noch der Wintergarten zur Verfügung. Rudolf Kerle klopft vorsichtig an die Stalltür, bevor er sie öffnet. "Damit die Hühner nicht erschrecken", sagt er. Denen hat der Landwirt einiges zu bieten: Neben frischem Stroh gibt es Behälter mit Muschelschalen für die Kalkzufuhr, offene Holzkisten mit Sand zur Verdauung und Gefiederpflege und zweimal täglich streuen er oder seine Frau Körner aus.

Die Kerles sehen ihre Hühner nicht als bloße Lebensgrundlage, sondern sind um das Wohl der Tiere bemüht: Zwischendurch nimmt Rudolf Kerle im Stall eine der Hennen auf den Arm und streichelt ihr übers Gefieder. Dreimal täglich wird geschaut, ob bei den Hühnern alles in Ordnung ist. Aber nach 14 Monaten greift der wirtschaftliche Zwang und die Tiere müssen sterben: "Nach dieser Zeit legen die Hennen nicht mehr genügend Eier, um den Betrieb wirtschaftlich führen zu können, und wir müssen sie leider schlachten lassen", so Rudolf Kerle. Diese werden zu Bio-Suppenhuhn verarbeitet und nach der Grundreinigung bevölkern 3000 neue Küken die Farm.

Weniger Zeit bleibt den Mastschweinen auf dem Hof von Ludwig Wittmann und seinem Sohn Michael, 25 Jahre alt: Dort kommen alle drei Wochen im Durchschnitt 13 Ferkel zur Welt, die auf dem Hof zwischen sechs und sieben Monate leben, bis sie von meist regionalen Metzgern zum Schlachten abgeholt werden. Der 50-jährige Landwirt hält zwischen 500 und 520 Mastschweine sowie 90 Mutterschweine auf seinem konventionellen Hof nördlich von Ampermoching. "Viele Leute wollen Bauern nicht mehr im Ort haben", erklärt er den Standort mitten auf dem Land. Besuchern gibt er Schutzkleidung, damit die Tiere keine Krankheiten bekommen. Vor dem in der Nase beißenden Geruch der Jauchegruben unter den Ställen schützt sie jedoch nicht, den nimmt man als Andenken mit.

Verbraucher haben großen Einfluss darauf, wie Tiere gemästet werden. Denn die Bauern können sich nur das leisten, was der Preis hergibt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Mutterschweine kommen mit acht Monaten von einem Züchter und werden auf dem Hof acht bis zehnmal in einem der vier Ställe künstlich besamt, bis auch ihr Leben nach rund sieben Jahren beendet wird. Einen Eber halten die Wittmanns aber bei den schwangeren Muttersauen: "Er verbreitet seinen Geruch und ist eine Bespaßung für alle", sagt Michael Wittmann.

Die männlichen Ferkel werden in den ersten Tagen nach ihrer Geburt kastriert, 28 Tage bleiben sie ihrer Mutter im Aufzuchtstall. Danach werden alle Ferkel in getrennten Gruppen von 15 bis 19 Tieren in einzelnen Stallabteilen, mit einer Größe von bis zu 16 Quadratmetern, aufgezogen und gemästet. Beim Besuch der Ställe schrecken die Tiere quiekend auf und laufen durcheinander, denn viel Platz bleibt ihnen nicht. Ein Auslauf im Freien ist in der konventionellen Schweinemast nicht vorgesehen. Zu Fressen bekommen die Schweine überwiegend regionales Futter aus eigenem Anbau, Mineralfutter sowie rund zehn Prozent Soja. Bei Soja gebe es nie eine Garantie, ob gentechnisch verändertes Material enthalten sei oder nicht. Ludwig Wittman gibt zu bedenken: "Die Verfügbarkeit von Bio-Soja ist ein Problem, es gibt schlicht nicht genug für alle, auch dadurch bedingt, dass es deutlich teurer ist."

Wittmann bekommt für ein Kilo lebend Fleisch von einem 120-Kilo-Schwein circa 1,05 Euro. Davon muss er sämtliche Haltungskosten wie Futter bezahlen und auch davon leben. "Wenn die Verbraucher mehr zahlen würden, könnte ich weniger Tiere auf gleichem Raum halten", sagt er. Die Supermärkte würden Fleisch als Lockmittel verwenden und so die Preise drücken. Auf eine Frage nach dem Tierwohl antwortet er. "Man darf nicht alles in Gold umrechnen, sondern muss an die Tiere denken."

Sohn Michael und Vater Ludwig Wittmann im Schweinestall bei den Zuchtsauen in ihrem Hof in Ampermoching.

(Foto: Niels P. Jørgensen )

Ob dies auch die Betreiber großer Hähnchen-Mastanlagen berücksichtigen ist fraglich: Ein Landwirt aus Eglersried, der 6000 Tiere hält, sowie die Kreitmairs verweigerten eine Besichtigung ihrer Anlagen. Laut der Tierrechtsgruppe "Mastanlagen Widerstand" hätten Privathof-Masthähnchen, also zur Mast gezüchtete Zwitter, statt den maximal üblichen 38 nun 42 Tage zum Leben - wenn sie die Bodenhaltung überleben. 3,4 Prozent der Tiere würden pro Mastdurchgang sterben. Und das trotz des Labels Privathof, das für "Mehr Tierschutz" steht - ein "mehr" muss eben nicht besonders viel bedeuten. Letztlich entscheiden die Verbraucher, ob Tiere sterben müssen und unter welchen Bedingungen sie leben können.