Tag des Gedenkens Die Katastrophe

Das Gedenken zum 79. Jahrestag der Pogrome in Deutschland steht an: In Dachau wurden die jüdischen Einwohner bereits am Morgen des 9. November aus der Stadt gejagt. In die Erinnerung an die Opfer mischt sich die Angst vor dem wachsenden Antisemitismus im Land

Von Helmut Zeller, Dachau

Das Jahr 1938: Im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin entdeckt der Chemiker Otto Hahn die technologische Grundlage der Kernenergie. In Paris schreiben die Surrealisten um André Breton und Paul Éluard Ausstellungsgeschichte.

Das Jahr 1938 bringt bedeutsame Fortschritte in Wissenschaft und Kultur - und der deutschen "Volksgemeinschaft" - auch in Dachau - besondere Freude. Im März der Freudentaumel des "Anschlusses" Österreichs; die Mehrheit der Österreicher bejubelt den Einmarsch deutscher Truppen und feixt zu den öffentlichen Gewaltexzessen gegen Juden. In Wien werden sie gezwungen, mit Zahnbürsten die Gehsteige zu putzen.

Im Oktober besetzt Deutschland das Sudetenland. Die Jagd auf Juden beginnt sofort - doch so richtig warm ums Herz wird es dem evangelischen Landesbischof von Thüringen, Martin Sasse, am 10. November: "... an Luthers Geburtstag brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird ... die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert ... der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden."

Auch Dachau, das Konzentrationslager war fünf Jahre zuvor, am 22. März 1933, eröffnet worden, folgt dem Ruf. Zwei SA-Männer suchen in der Nacht auf den 9. November mit einer Namensliste in der Hand 15 jüdische Frauen und Männer auf und zwingen sie, die Stadt "vor Sonnenaufgang" zu verlassen.

Der Bürgermeister heißt damals Hans Cramer, ein glühender Nationalsozialist, der nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 im litauischen Kaunas die Zivilverwaltung übernehmen und die Ghettoisierung und Deportation der jüdischen Bevölkerung mit verantworten wird - darunter ist ein 13-jähriger Junge, der überlebt hat und inzwischen seit vielen Jahren als Zeitzeuge in Dachau, aber auch in ganz Bayern wirkt: der Israeli Abba Naor.

Lange Zeit will niemand in der Stadtpolitik an die Vertriebenen erinnern. Die Dachauer schweigen über das Schicksal ihrer jüdischen Nachbarn. Bis dann der SZ-Journalist Hans Holzhaider in den Achtzigerjahren ihre Geschichte erforscht und aufschreibt. Wie überall in Deutschland geschah es in aller Öffentlichkeit.

"Mitten in der Dachauer Altstadt hatten die SA-Leute ... unübersehbar ihre Spuren hinterlassen. An die Schaufenster der beiden Bekleidungsgeschäfte Lerchenberger und Rauffer in der Freisinger und der Augsburger Straße waren Galgen gemalt und die Aufschrift "Judenknecht" - der Textilgroßhandel war weitgehend in jüdischer Hand, im Falle Lerchenberger kam hinzu, dass die Frau des Geschäftsinhabers mit Mädchennamen "Süß" hieß. Der Ladenbesitzer sah sich veranlasst, aus diesem Anlass per Anzeige ,nochmals bekannt zu geben, dass ich weder Jude noch Halbjude bin noch sonst wie irgendeine Verbindung mit jüdischen Kreisen unterhalte'", schreibt Holzhaider im Nachwort seines Buches "Vor Sonnenaufgang. Das Schicksal der jüdischen Bürger Dachaus", das 1984 erschien.

In Baden-Baden werden am 10. November 1938 hunderte Juden durch die Stadt getrieben. Sie sind auf dem Weg ins KZ Dachau.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Weder der damalige Oberbürgermeister Lorenz Reitmeier noch der CSU-Fraktionsvorsitzende Manfred Probst kamen auf den Gedanken, die noch lebenden Vertriebenen, Frank Wallace, Johanna Jaffé, Ruth Locke und Raymond Newland, vielleicht einmal einzuladen. Die Erinnerungen, die ihr Besuch wachgerufen hätte, wollte man nicht ertragen.

Viel lieber hegten Kommunalpolitiker die Erzählung vom "anderen Dachau", der Künstlerstadt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die mit Nazis und Judenverfolgung doch gar nichts zu tun hatte. Schon die Pläne für eine Internationale Jugendbegegnungsstätte fielen auf Abwehr, und die KZ-Gedenkstätte empfanden damals viele als Belastung, als "Schandmal" sogar, wie der Thüringer AfD-Sprecher Björn Höcke im Januar dieses Jahres das Holocaust-Mahnmal in Berlin öffentlich bezeichnete.

Erst zum 50. Jahrestag der Pogromnacht, im Oktober 1988, gedachte die Stadt Dachau offiziell ihrer ehemaligen jüdischen Bürger. Im Foyer des Rathauses wurde eine Ausstellung gezeigt - Ruth Locke mit ihrem Mann, Frank Wallace, Richard Kitzinger, ein Cousin der vor einem Jahr verstorbenen Johanna Jaffé, und Sabine Bloch, Tochter von Kurt Bloch, nahmen an der Gedenkfeier teil. Die Ausstellung wurde geplant von: Barbara Distel, damals Leiterin der KZ-Gedenkstätte, dem Graphiker Bruno Schachtner, Andreas Kreutzkam, Geschäftsführer des Dachauer Forums, Jürgen Zarusky, heute Historiker im Münchner Institut für Zeitgeschichte, Hans Holzhaider und Sybille Steinbacher, heute Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main und wissenschaftlicher Leiterin des Dachauer Symposiums für Zeitgeschichte. Inzwischen hängt eine Bronzetafel im Durchgang zwischen neuem und alten Rathaus zum Gedenken an die jüdischen Bürger - und die Stadt erinnert jedes Jahr mit einer offiziellen Gedenkfeier an sie.

Erst nach Jahrzehnten wurde die historische Bedeutung der Novemberpogrome erkannt: Der Begriff "Kristallnacht" ist nicht nur verharmlosend, auch der Begriff der "Reichspogromnacht" suggeriert, es habe sich um die Ereignisse einer Nacht gehandelt. Die Novemberpogrome begannen in einigen Regionen Deutschlands schon am 7. und 8. November und dauerten bis nach der Nacht vom 9. auf den 10. November, der "Reichskristallnacht", in einigen Fällen bis zum 13. November. Fast alle Synagogen und Bethäuser in Deutschland - in Dachau gab es keine - wurden in Brand gesetzt. Der Mob plünderte und zerstörte Geschäfte jüdischer Inhaber, demütigte und schlug Männer und Frauen in aller Öffentlichkeit. Das Naziregime hatte die Jagd auf Juden organisiert und stellte die Ausschreitungen als spontane Volkserhebung, als angebliche Reaktion auf das Attentat eines verzweifelten jüdischen Jugendlichen, Herschel Grynszpan, auf den Diplomaten Ernst Eduard von Rath in Paris dar. SA-Männer in Zivil führten die Übergriffe aus, aber auch Hitlerjugend und etwa zehn Prozent der Deutschen waren beteiligt, wie der Historiker Raphael Gross schreibt.

Gross erklärt, dass die Novemberpogrome als Ereignis für sich beschrieben werden müssten. "Niemals zuvor oder danach wurde das staatliche Gewaltmonopol in aller Öffentlichkeit in die Hände einer antisemitischen ,Volksgemeinschaft' gelegt. Niemals zuvor oder danach standen Hunderttausende Jüdinnen und Juden einer derart aufgehetzten Bevölkerung gegenüber und mussten Schläge und Erniedrigungen, Totschlag und Mord, die Zerstörung ihrer Häuser, Geschäfte und Wohnungen erleiden." Die Verbrechen geschahen vor den Augen der Welt, weil die internationale Presse darüber berichtete.

In Dachau werden am selben Tag 15 Männer und Frauen gezwungen, die Stadt zu verlassen.Unter ihnen waren auch Max und Melitta Wallach.

(Foto: privat)

Mehr noch als das Jahr 1933 und die sogenannte Machtergreifung Hitlers, so Gross, stellt der November 1938 eine Zäsur in der jüdischen Geschichte dar - "die Katastrophe vor der Katastrophe". Die deutsch-jüdische Epoche, die in der Zeit der Aufklärung ihren Ausgang genommen hatte, fand in den Novemberpogromen ihr Ende. Allzu leicht wird aus dem Blick verloren, dass in den Wochen nach dem 10. November mehr als 30 000 jüdische Männer in die Konzentrationslager verschleppt wurden, ungefähr elftausend allein nach Dachau. Wer überlebte, wurde zur Auswanderung erpresst, natürlich erst nach Abgabe seines Vermögens an den NS-Staat.

Das Regime war mehr als zufrieden: Emil Schumberg, "Judenreferent" im Auswärtigen Amt, zufolge hat das Jahr 1938 "zugleich mit der Verwirklichung des großdeutschen Gedankens die Judenfrage ihrer Lösung nahegebracht". "In Nordamerika, Südamerika, in Frankreich, in Holland, Skandinavien und Griechenland - überall, wohin sich der jüdische Wanderungsstrom ergießt, ist bereits heute eine deutliche Zunahme des Antisemitismus zu verzeichnen. Diese antisemitische Welle zu fördern, muss eine Aufgabe der deutschen Außenpolitik sein", schrieb der Diplomat in Rundschreiben an Botschaften und Konsulate. 1949 wurde er von einem Entnazifizierungsausschuss in Hannover als passives Mitglied der SS entlastet.

Im Nahen Osten fiel die Propaganda auf fruchtbaren Boden. Alle Judenfeinde waren in Hitlers Reichskanzlei gern gesehene Gäste. Am 28. November 1941 empfing er den Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, um über die Vernichtung der Juden in Palästina zu beraten. Der fanatische Judenhasser wird noch heute von Palästinensern als Held verehrt. Der politische Ziehsohn des 1974 gestorbenen Großmuftis hieß Jassir Arafat, der inzwischen auch verstorbene Anführer der früher terroristischen PLO. Auch auf diese Weise lebt die Vergangenheit in der Gegenwart fort. Frank-Walter Steinmaier hat als erster deutscher Bundespräsident im Mai 2017 an Arafats Grab in Ramallah einen Kranz niedergelegt. Eine Geste, die dem Friedensnobelpreisträger Jassir Arafat galt - und doch in irritierendem Widerspruch steht zum Kniefall des SPD-Kanzlers Willy Brandt für die Toten des Warschauer Ghettos im Dezember 1979.

Die jüdischen Gemeinden mahnten mehrmals und warten noch immer auf einen Beauftragten des Bundestages für Antisemitismus, den auch der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus erneut gefordert hat. Dessen Bericht vom Juni zeigt, dass innerhalb der deutschen Bevölkerung eine hohe Zustimmung zu antisemitischen Vorurteilen herrscht. Auch unter den Flüchtlingen gibt es ein hohes Maß an Antisemitismus; dem muss mit entsprechenden Integrationskursen begegnet werden.

Stolpersteine erinnern an Max und Melitta Wallach.

(Foto: Niels Jörgensen)

"Jude" ist auf deutschen Schulhöfen wieder ein Schimpfwort geworden; die steigende Zahl antisemitisch motivierter Straftaten und nicht zuletzt der Einzug der rechtspopulistischen und völkisch-nationalen AfD in den Bundestag nach den Wahlen im September verängstigt jüdische Bürger in Deutschland. Auch hinter der vermeintlichen Israelkritik steckt häufig Judenfeindschaft - das alles ist der aktuelle Hintergrund, vor dem in diesem Jahr der Opfer der Novemberpogrome gedacht wird. Der Antisemitismus ist längst nicht mehr allein im rechtsextremen Milieu zu verorten, er kommt auch von Links - und hat die Mitte der Gesellschaft erreicht.

Martin Luther lebt in unserer Mitte fort - und im christlich-abendländischen Denken und Weltbild, dessen konstitutiver Kern der Antijudaismus war. Damit tut sich die evangelische Kirche - die katholische hat nicht weniger Schuld auf sich geladen - noch heute schwer, gerade zum Jubiläum 500 Jahre Reformation. In Dachau setzt Kirchenrat Björn Mensing ein Gegenzeichen: Eine Ausstellung an der Versöhnungskirche thematisiert Luthers Einfluss, der letztlich die Basis für die Akzeptanz judenfeindlicher Haltungen . . . und für das Schweigen der bayerischen Kirchenleitung zum Völkermord an den Juden (ist), wie Mensing schreibt. In einem Vortrag setzte er sich im Auftrag der drei evangelischen Kirchen in Dachau mit den Schriften Luthers auseinander: "Bei aller dankbaren Erinnerung an die Verdienste Martin Luthers müssen auch seine dunklen Seiten offen thematisiert werden." Im Trubel der oft unkritischen Jubiläumsveranstaltungen, so Mensing, drohten diese Erkenntnisse unterzugehen.

Margot Käßmann, Botschafterin des Reformationsjubiläums, flüchtete nach ihrem erneuten Erschrecken über Luthers antisemitische Schriften zu seinen Briefen, die ihn als sensiblen Seelsorger zeigen und Vater, der für seine Kinder das Weihnachtslied "Vom Himmel hoch, da komm' ich her" dichtete.

Das berührende Lied erklang in deutschen Wohnstuben auch am Weihnachtsabend 1938 - ein paar Wochen nur nach den Novemberpogromen, dem Auftakt zur Vernichtung der Juden in ganz Europa.