SZ-Serie "Geschichten aus dem Dachauer Land", Folge 14 Heilige Einöde

In Schauerschorn leben zehn Menschen, mindestens eine Katze, Wachteln und Hasen auf zwei weitläufigen Gehöften. Schmuckstück des Weilersim Dachauer Hinterland ist eine Marienkapelle, die die beiden Familien aufwendig renoviert haben

Von Dorothea Friedrich, Altomünster

Diese Aussicht ist großes Kino. An einem klaren Frühherbstmorgen geht der Blick über abgeerntete Felder Richtung Altomünster. Rasiermesserscharf sind Häuser, Kloster- und Kirchengemeinde zu sehen. Nur ein paar Schritte weiter ändert sich das Bild. Wiesen, Büsche und Bäume sind in diesem ganz speziellen Frühherbstlicht schöner, als sie je ein Heros der Freilichtmalerei auf die Leinwand zaubern konnte. Ein Gefühl von Ruhe und Frieden stellt sich ein. Wen wundert es da, dass Resi Wackerl sagt: "Hier will ich nie weg. Hier fühle ich mich frei."

Resi Wackerl wohnt mit ihrer Familie in Schauerschorn, einer sogenannten Einöde, die seit 1976 Teil der Marktgemeinde ist und lange Zeit zu Oberzeitlbach gehörte. Wobei von Einöde mittlerweile keine Rede mehr sein kann. Unter souveräner Missachtung sämtlicher Geschwindigkeitsvorschriften rasen immer wieder Autos vorbei. Wer die schmale Straße kennt, beachtet nicht einmal die kleine Kapelle gegenüber dem Gehöft. Schade, denn sie ist eines der vielen Zeugnisse der Volksfrömmigkeit, die sich überall in der Kulturlandschaft des Dachauer Hinterlandes finden.

Ein Ort mit langer Vergangenheit ist Schauerschorn selbst. Zehn Menschen, mindestens eine Katze, Wachteln und Hasen leben hier auf zwei weitläufigen Gehöften. Das sind keineswegs Aussiedlerhöfe, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern lebendige Zeugnisse der lokalen Geschichte. Historiker Wilhelm Liebhart schreibt in seinem Standardwerk "Altomünster": "Die Einöde erscheint erstmals um 1260 in einem Grundbuch des Klosters Altomünster als Schuochshornn." Der Name lässt sich laut seinen Forschungen mit "schuhförmige Anhöhe" übersetzen. Der so gar nicht schauerliche Hof war jedoch bereits im 15. Jahrhundert Objekt der Begierde für die Altomünsterer. Sie versuchten vergeblich, den Hof einzugemeinden. Doch er blieb im Besitz des Klosters und entwickelte sich zum größten Gehöft der sage und schreibe 362 Anwesen, die um 1590 dem Birgittenkloster grundbar, also abgabepflichtig waren. 1795 verkaufte das Kloster den Hof an Migranten aus der Oberpfalz, die Familien Tischner und Stich. Sie gehörten zu der großen Zahl von "Pfeizlern" (Oberpfälzern), die in der Region ein wirtschaftliches Auskommen suchten. Die beiden Familien teilten den großen Hof in den "Oberschauerschorner" und den "Unterschauerschorner".

Ihre Nachkommen bewirtschaften die beiden Gehöfte bis heute. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft ist aber auch an Schauerschorn nicht spurlos vorübergegangen. Milchkühe gibt es schon lange nicht, dafür aber jede Menge Kartoffeln. Und wer auf Regionalität achtet, weiß, dass bis in den November hinein Erntezeit für die braunen Knollen ist. Das ist Teil des besonderen Lebensgefühls, von dem Schauerschorner schon fast schwärmen: "Hier sind wir frei. Niemand redet uns rein. Hier können die Kinder noch rumtoben", sagen sie. Und wie sie toben! Ganz Schauerschorn ist für sie ein Abenteuerspielplatz. Kein böser Nachbar dringt auf die Einhaltung der Ruhezeiten. Zur Grundschule bringt sie der Bus. Gehen sie auf die Realschule oder das Gymnasium, übernehmen die Mütter den Chauffeurdienst zur S-Bahn. "Sie werden hier viel selbständiger als in der Stadt", sagt Resi Wackerl. Häuserschluchten sind ihr ein Graus. Dort könnte und will sie nicht leben. Schon beim Gedanken daran schüttelt es sie fast. Und überhaupt: Wo wäre dort Platz für all die Blumen, die jedes Eckchen auf dem Hof schmücken?

Und noch etwas würde den Schauerschornern fehlen: die schon erwähnte Kapelle. Sie wurde 1907 als Privatkapelle erbaut und ist ein wahres Schmuckstück im neugotischen Stil. Heute ist sie nicht mehr öffentlich zugänglich, weil es zu viel Zerstörungswut gab. Resi Wackerl hegt und pflegt das der Gottesmutter Maria geweihte Kapellchen mit Hingabe. Sie erzählt gerne, warum die Vorfahren ihres Mannes sich zu dem Bau entschlossen hatten: Die Dienstboten und die Kinder sollten am Samstag einen Ort haben, an dem sie den Rosenkranz beten konnten. Das taten sie in einem wunderschönen Raum mit einer exquisiten Kassettendecke und auf Sitzbänken, die einer Kathedrale würdig wären. Mittelpunkt der Kapelle ist eine Lourdesgrotte, wie man sie auch in der Altomünsterer Pfarrkirche findet. Weil auch an einer Kapelle die Zeit ihre Spuren hinterlässt, haben die beiden Familien sie 1977 aufwendig renoviert.

Hans Schertl schreibt dazu auf seiner Website "Kirchen und Kapellen im Landkreis Dachau", dass sie für die Arbeiten 2500 Arbeitsstunden aufgewendet hätten. Resi Wackerl dagegen ist wichtig, dass in der Marienkapelle alles seine Ordnung hat und dass die elektrisch betriebene Glocke immer noch dreimal am Tag läutet. Schon jetzt freue sie sich auf die Adventszeit, wenn ein Christbaum und das beleuchtete kleine Gotteshaus Licht in die Winternacht bringen, sagt sie. Ein Bild, das am sonnigen Vormittag eine spontane Sehnsucht nach Weihnachten aufkommen lässt.

Gut zu wissen, dass am 8. Dezember, dem katholischen Feiertag Mariä Empfängnis, das Patrozinium der Marienkapelle gefeiert wird. Doch bis dahin ist es noch etwas Zeit - und die Schauerschorner haben ihre alles andere als öde Einöde fast für sich.