SZ-Serie: Altes Handwerk, heute noch gefragt Von A bis Z

Buchdruckerin Annette Vogel ist fasziniert vom Bleisatz. In ihrer Werkstatt und im Atelier entstehen Kunstwerke, die aufgeschlagen in Vitrinen in Museen, Bibliotheken und Ausstellungen präsentiert werden

Von Birgit Lotze

Das ist nun Handwerk? Ist das nicht Kunst? Annette Vogels Arbeitsleben spielt sich zwischen Setzkästen, zahllosen Buchstaben und Formen ab, und schweren Druckerpressen - doch nicht ausschließlich. Im Mittelpunkt steht für sie die Buchkunst, Annette Vogel hat den Buchdruck, eigentlich ein Handwerk, als Kunstform entdeckt. In ihrem Atelier "Vogelpresse" in Mittersendling entstehen Kunstwerke, die aufgeschlagen in Vitrinen in Museen, Bibliotheken und Ausstellungen präsentiert werden. Und sie macht feine Einblattdrucke in kleinen, limitierten Auflagen und ungewöhnliche Postkartenserien im Handpressendruck - nach alten Techniken. Meist im Spiel ist dabei ihre mehr als 50 Jahre alte Korrex-Abziehpresse. Kleinere Formate entstehen oft am Bostentiegel.

Annette Vogel hat mehrere Werkreihen entwickelt, viel mit Holzschnitt, feine Werke in kleinen Auflagen. Neunmal nur gibt es "Das Meer", zwölf Assoziationen zum "Blauen Planeten", die beim Betrachter Bilder im Kopf erzeugen können. Ein Auszug aus Jules Vernes "20 000 Meilen unter dem Meer" wandert über die Seiten. Man kann in dem Buch blättern, man kann es auch zu einer Grafik auffalten - zum "Seestück" laut Vogel, zwei Meter breit. In der Buchkunst gebe es viele Ebenen, über die Ideen transportiert werden können, sagt sie. Man könne Text mit Grafik verbinden, man habe den haptischen Effekt über die Auswahl des Papieres, über die Form ließen sich ebenfalls Aussagen treffen, nicht zuletzt auch über die Verpackung - eine Schachtel, eine Kassette. "Man kann mit der Buchkunst für eine Idee einen ganz eigenen und vielschichtigen Raum schaffen."

Und dann natürlich der Druck an sich. Annette Vogel ist fasziniert vom Bleisatz. Sie ist sogar Lehrbeauftragte an der Hochschule für Gestaltung in Augsburg - für Bleisatz-Seminare. Annette Vogel hat zahllose Schriften, Schmuck- und Formelemente gehortet, fast alle erstand sie bei Druckereiauflösungen - wie auch die Maschinen: ein schwergewichtiges Rillgerät, diverse Stockpressen für Buchbindearbeiten, die meisten aus den Dreißigerjahren. Und natürlich die Druckerpressen. Sie hat so viele und ist auch so begeistert von ihnen, dass ihre Arbeitsmaterialien nicht nur ihre Werkstatt, sondern auch ihr Atelier in Beschlag nehmen - überall stehen Setzkästen an den Wänden - mit sehr flachen Schubladen, in denen Hunderte Buchstaben und Formelemente lagern, geordnet nach Formaten, Größen und Stil. Spannleisten halten sie an ihrem Platz, verhindern jegliche Veränderung im Kasten. "Die Sortierarbeit ist in einer Druckerei nicht zu unterschätzen", meint sie.

Allein in der eigentlichen Druckwerkstatt im Keller kann sie mehr als 400 Schubladen öffnen - überall Buchstaben, Formen, alles griffbereit, säuberlich sortiert. Auf den Regalen stehen die Farbtöpfe mit Offset- und Buchdruckfarben, von der Decke baumelt frisch Gedrucktes an Wäscheklammern von der Trockenleiste. Eine Seite des Raumes ist von der Setzgasse belegt, der Arbeitsplatz eines Druckers, wo er die Lettern und Formen aus Messing, Holz oder Blei zeilenweise in die Winkelhaken setzt. Im traditionellen Buchdruck wird jeder Buchstabe, jede Form, einzeln von Hand eingefügt. Annette Vogel geht zeilenweise vor, immer von links nach rechts. Die Formen stehen im Winkelhaken auf dem Kopf. Blindmaterial füllt die Stellen, an denen keine Farbe gedruckt werden soll. Manche der Lettern, die da griffbereit und säuberlich sortiert in den Schubläden liegen, sind nur wenige Millimeter klein, andere mehrere Zentimeter groß. Die Höhen werden in Punkt und Cicero gemessen. Ein Punkt ist gerade mal ein Bruchteil mehr als ein Drittel Millimeter. Annette Vogel als geübte Setzerin spürt, welche Punktstärke sie in der Hand hat. "Ein Punkt und eineinhalb Punkt fühlen sich fast gleich an, aber eben nur fast." Der Satz kommt in die Abziehpresse, wird auch dort mit Stegen und Schließzeugen eingerichtet, sodass er fest eingespannt ist. "Das Einrichten ist das Zeitintensivste", sagt sie. Vor allem bei Büchern wird es aufwendig, bis jeder Bestandteil der Druckform exakt am richtigen Platz sitzt, das kann Stunden dauern - pro Seite.

Danach wird die Papieranlage eingestellt und die Farbe auf der Walze aufgetragen. Dann beginnt der Teil, der auch dem Laien Spaß macht. Möchte man allerdings mehr als das, was sich nach dem Kurbeln der Walze auf dem Papier zeigt, geht das Einrichten von vorne los: Jede Überschneidung, jede Farbe wird extra gedruckt. Vogels Leidenschaft gilt auch den Postkarten, sie sind für sie besondere Datenträger. "Sie sind Gegenentwurf zur flüchtigen elektronischen Kommunikation", sagt sie. "Etwas für besondere Nachrichten." Häufig macht sie Serien mit Pflanzen, Tieren. Naturwissenschaften und Botanik findet sie nach wie vor spannend. Sie selbst ist ursprünglich Botanikerin. Nach ihrem Biologiestudium hängte sie Grafikdesign und Buchkunst im Aufbaustudium dran. Bleisatz lernte sie am Ostbahnhof bei Christa Schwarztrauber. 2005 gründete sie ihr Projekt, ihr eigenes Buchdruck-Atelier unter dem Namen Vogelpresse.

Zu finden sind ihre Werke zurzeit zum Beispiel im Klingspor-Museum in Offenbach und in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Die Typo-Postkarten werden in München im Atelier Vogelpresse zum Kauf angeboten, und auf Ausstellungen, wo sich Buchkünstler präsentieren - in München wieder im November im Lyrik-Kabinett. In Berlin kann man sie in der Buchhandlung Büchergilde Gutenberg bekommen, in London bei Choosing&Keeping in der Columbia Road.

Lesen Sie am Montag: das Handwerk des Klavierstimmers.