SZ-Adventskalender Einzig wahre Volksmusiken

Die Unterbiberger Hofmusik rockt das ausverkaufte Ludwig-Thoma-Haus mit ihren bayerisch-internationalen Tönen auf dem Benefizkonzert zugunsten des SZ-Adventskalenders für gute Werke

Von Dorothea Friedrich, Dachau

"Je unterschiedlicher die Menschen sind, je unterschiedlicher die Kulturen sind, umso wichtiger ist, dass wir etwas zusammen erleben." Das sagt Franz Josef Himpsl, Gründer, Leiter und Motor der Unterbiberger Hofmusik am Mittwochabend zu Beginn des Benefizkonzertes der SZ Dachau zugunsten des Adventskalenders für gute Werke e.V. der Süddeutschen Zeitung im ausverkauften Ludwig-Thoma-Haus.

An diesem Abend ist die Unterbiberger Hofmusik der musikalische Mittelpunkt. Sie ist nicht zum ersten Mal in Dachau, um den SZ-Adventskalender zu unterstützen. Ihre einzigartige Musik lässt die begeisterten Zuhörer ein Stück näher zusammenrücken. Unsichtbar, aber immer präsent sind jene Menschen, die das Hilfswerk der Süddeutschen Zeitung im nunmehr 69. Jahr unterstützt: Es sind Menschen, die durch Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder den Tod eines Elternteils in Not geraten sind, oder aber Frauen und Männer, die unter Altersarmut leiden und für ihr täglich Brot auf die Tafeln angewiesen sind. Es sind aber auch minderjährige Flüchtlinge, denen das Heimwehtelefon den Kontakt zu ihren Familien in den Kriegs- und Krisengebieten weltweit ermöglicht. Sie alle erfahren durch das SZ-Hilfswerk die dringend notwendige Unterstützung, wie der Teamleiter der Dachauer Redaktion Helmut Zeller sagt: "Sie schaffen durch Ihre Hilfe Gemeinschaft."

Im vergangenen Jahr übertraf die Spendenbereitschaft der SZ-Leser erneut die des Vorjahres. Das Leid im ständig wachsenden Großraum mag zunehmen, aber offenbar auch der Wunsch, es zu lindern. Vor Freude darüber hätte Christian Krügel, Ressortleiter München, Region, Bayern, wohl am liebsten ein "Hallelujah" angestimmt. Auch der Erlös des Konzerts geht dank der Unterstützung der Volksbank Raiffeisenbank Dachau in voller Höhe an den Adventskalender für gute Werke.

Für Spitzentöne mit Trompeten, Hörnern, Tuba, Akkordeon, Percussion und Vibrafon sowie den eigenen Stimmen waren jedoch am Mittwochabend Franz Josef, Irene, Xaver Maria, Ludwig Maximilian (Wiggerl) und Franz jr. Himpsl nebst Konrad Sepp und Wolfgang Lackerschmid zuständig. Die Zuhörer - unter ihnen der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Güll, Bezirkstagspräsident Josef Mederer und seine Frau Maria, stellvertretende Landrätin Marianne Klaffki, Bürgermeister Kai Kühnel, Kulturamtsleiter Tobias Schneider, Volksbank Raiffeisenbank-Vorstandssprecher Thomas Höbel und sein Vorstandskollege Johann Schöpfel - erleben ein Septett, das unbekümmert um irgendwelche gerade angesagten politischen Opportunitäten die Musik gewordene Völkerverständigung pflegt. Was schon das erste Stück mit dem schönen Namen "Bavarabica" zeigt: Ganz harmlos, typisch bayerisch beginnt es - und mutiert zum willkommenen Ausflug in die reiche arabische Musiktradition. Es folgt ein fast meditativer Weihnachtswalzer-Einkehrschwung ins heimatliche "Biburg", dem heutigen Unterbiberg, getreu dem Motto des aktuellen Programms "Dahoam und retour". Wolfgang Lackerschmid zeigt, welches Temperament und welches Können hinter seinem so geruhsam wirkenden Äußeren steckt. Sein Publikum spart nicht mit Szenenapplaus. Was unfassbar schöne Bachchoräle ins Gemüt zaubern können, ist andernorts hinreichend beschrieben. Seltener dürfte aber die stimmige Verbindung der Musik des Thomaskantors mit der von Himpsl und seinem Ensemble geliebten türkischen und arabischen Musik sein - das ist Balsam für die von fremdenfeindlichen Exzessen verwundete Seele. Und lässt einen tiefen Blick in die musikalischen Wurzeln der Musiker zu.

Alles weihnachtlich also? Von wegen. Franz Josef Himpsl greift zur Saz, "einer Art türkischer Gitarre" und spielt eine Hommage an den "Vater der Völker", besser bekannt als Abraham, Stammvater der monotheistischen Religionen. Ganz ohne irgendwelches Tralala, sondern voller Lebensfreude und Lust auf Neues, Unbekanntes wird aus dem Volksmusikstück ein Aufruf zur Toleranz. Und dann? Dann servieren die Unterbiberger ein "Rehragout", das es in sich hat - ein urbayerisches Volksgut auf Arabisch inklusive hochgehaltener Übersetzung in arabischer und lateinischer Schrift. Mitklatschen und Mitsingen ist einfach unausweichlich und ein willkommenes Ventil für die angestauten "good vibrations".

Das Publikum tobt, im Stockmann-Saal wackeln die Wände bei diesem wilden Ritt durch musikalische Welten. Himpsl erzählt von Begegnungen mit Musikern aus und in aller Welt. Wolfgang Lackerschmid rockt das Thoma-Haus mit "Leise rieselt der Schnee" und "Winterwonderland" auf dem Vibrafon. Die Unterbiberger verwandeln sich mit "La Rama", einem mexikanischen Sternsingerlied, mal kurz in fast echte Mariachis. Und sie zeigen, wie fröhlich Weihnachten jenseits aufgesetzter Besinnlichkeit, Gänsebraten und Blaukraut sein kann. Erst nachdem endgültig feststeht "Engel haben Himmelslieder" und nach drei Zugaben endet das Weihnachtskonzert der Unterbiberger Art mit einem brasilianischen Faschingslied.

Und das Publikum? "Ich bin richtig froh, dass ich da bin. Das war qualitativ grandios", sagt Martin Güll. Grafiker Bruno Schachtner lacht leise und schlägt vor, im kommenden Jahr wieder die Unterbiberger einzuladen. "Aber dann mit einem vegetarischen Rehragout." Maler Heinz Eder sagt: "Toll. Die Unterbiberger verstehen es, ihr Publikum einzubeziehen und zu fesseln." Eine Dame, die ungenannt bleiben möchte, sagt, sie habe anfangs "ein wenig Schwierigkeiten gehabt, mich einzuhören, weil die Musik so anders als gewohnt ist. Aber jetzt bin ich begeistert. Und der Vibrafonist war genial". Eine 89-jährige langjährige Besucherin erzählt: "Meine Tochter hat gesagt, ich soll einen Mittagsschlaf halten, damit ich beim Konzert nicht einschlafe. Aber bei der Musik schläfst du nicht ein. Das war das beste SZ-Konzert seit Jahren." Für Kulturamtsleiter Schneider ist es "super interessant, wie sich die Gruppe immer wieder neu erfindet". Er kenne die Unterbiberger Hofmusik seit vielen Jahren, sagt er. "Deren Volksmusiken sind die einzig wahren." Dem ist nichts hinzuzufügen.