SZ-Serie "An der Amper", Teil 12 Hart, aber leicht

Uli Hochmann ist Bildhauer und Landschaftsgärtner und lebt in Sulzemoos. Seine Leidenschaft gehört Steinen, die schwimmen können

Von Bärbel Schäfer, Sulzemoos

Von Schöngeising nach Fürstenfeldbruck schwimmen, sieben Kilometer die Amper abwärts, einen Stein vor sich her treibend, als wäre er ein Stück Holz. Uli Hochmann, der Bildhauer und Steinschwimmer, hebelt die Gesetze der Natur aus und befreit den elementaren Werkstoff von seiner Schwere. Die Motivation für das Steinschwimmen ist simpel. "Weil es geht", sagt Uli Hochmann. Als Landschaftsgärtner und Steinmetz ist ihm die Verbindung von Kunst und Natur wichtig. "Es hat etwas mit Bewegung zu tun. Ein Schiff schwimmt ja auch." Er nimmt zwei Drittel des Materials weg und schon liegt ein ursprünglich 600 Kilo schwerer Juraquader schaukelnd auf den Wellen. Es macht ihm Spaß, die Bildhauerei auf die Spitze zu treiben und den Quader so stark auszuhöhlen, dass nur noch die Außenwände bleiben. Nur volllaufen darf er nicht. Deshalb versiegelt Uli Hochmann die beiden Hälften mit Silikon. Um den Schwimmstein schnallt er breite Riemen, die zum Festhalten dienen. Und so schwimmen sie dann - Hochmann und der Stein.

Uli Hochmann stammt aus Fürstenfeldbruck und lebt seit acht Jahren in einem alten Bauernhof in Sulzemoos im Landkreis Dachau, wo die Amper die Landschaft seit Jahrtausenden prägt. In seinem Garten stehen die Steinskulpturen zwischen den Obstbäumen. Unter ihnen ein schlanker Turm aus ausgehöhlten Elementen, die nur von Stahlseilen gehalten werden und ein kreisrundes Marmorobjekt, das aus der Entfernung wirkt wie ein Schwimmreifen. Der große Schwimmstein steht im Schuppen.

SZ-Grafik

Die Amper ist ein Eldorado für Künstler. Seit dem frühen 19. Jahrhundert sind die Freilichtmaler von den wechselnden Stimmungen und Impressionen der Wasserlandschaft fasziniert. Auwald und Moor, lichtflirrende Laubwälder und dichte Schilfbestände säumen den Fluss. Das Sonnenlicht fällt in einer breiten Schneise auf das Wasser und zaubert eine glitzernde Lichtschleppe auf die Wellen. Im Geist der Dachauer Künstlerkolonie gibt sich auch der Maler Thomas Vesely diesem geliebten Motiv hin. Seit mehr als 30 Jahren malt er die Amper zu jeder Jahreszeit und Lichtstimmung. Uli Hochmann fasziniert nicht die Schönheit der Landschaft. Er nutzt die Energie des Wassers, den niemals stillstehenden Strom, um seine Kunstwerke in Bewegung zu setzen. Den Schwimmstein an den Gurten haltend, lässt er sich wie ein Rafter durch die Strömung ziehen. Nur der blonde Haarschopf schaut aus dem Wasser. Gewicht spielt beim Treiben im Fluss keine Rolle mehr. Nicht nur in der Amper ist der Bildhauer in seinem Element. Im Sommer 2012 schwamm er im Rahmen einer Landshuter Kunstaktion mit dem Stein in der Isar.

Der Künstler

Ulrich Hochmann wurde 1967 geboren. Einer Ausbildung zum Landschaftsgärtner folgte die Ausbildung zum Steinmetz. Seit 1997 arbeitet er als freiberuflicher Künstler und beteiligt sich an Ausstellungen im In- und Ausland. Er lebt seit 2007 in Sulzemoos in einem alten Bauernhof. Seine Werkstatt befindet sich in Puchheim. Mit Steinskulpturen in Bewegung beschäftigt er sich seit 2000, beispielsweise mit dem Steinsurfen und dem Steinschwimmen, für das er im Jahr 2005 den Kunstpreis des Landkreises Fürstenfeldbruck erhielt. Im Jahr 2010 unternahm er eine Reise in die ukrainische Hauptstadt Kiew mit "Modula"; Stationen in Österreich, Ungarn, Rumänien, Ukraine.

Kunstpreise: 2005 Landkreis FFB; 2006 Kunstpreis Villa Mohr, München.

Öffentliche Ankäufe: 2011 "Durchbruch am Dienstag", Landwirtschaftszentrum Puch. 2012 "Wir", Stadt Puchheim sowie Kunst am Bau Gemeindehaus Sulzemoos und Brunnen "Die Gemeinde". 2013 "Die Erfindung des Rades" Stadt Hofheim. baes

Das Steinschwimmen ist aber nur eine Facette von Uli Hochmanns Bildhauerei. In allen seinen Werken befreit er den Stein, sei es ewiger Granit, beinharter Nagelfluh oder schneeweißer Marmor, von seiner Schwerkraft und verleiht ihm eine verblüffende Leichtigkeit und Beweglichkeit. Wie er die Gesetze der Natur aushebelt, so stellt er auch die Gesetze der Kunst in Frage. Ein Bildwerk hat seit je her ernsthaft zu sein und sollte die charakteristischen stofflichen Qualitäten des Materials zum Ausdruck bringen. Uli Hochmann ignoriert diesen Anspruch und ironisiert ihn. Seine Skulpturen lieben einzig und allein die Bewegung. Ihnen reicht ein kleiner Stoß, ein Fingerstreich, ein Windhauch, um sie in Bewegung zu versetzen, ins Schwingen, Kreiseln oder Rollen zu bringen. Wie die "Wanks", kegelförmig sich nach oben verjüngende Nagelfluhobjekte, die mühelos Balance halten, wenn man sie anstößt. Sie sind Stehaufmännchen.

Vor dem Schloss in Sulzemoos steht eine Installation aus drei hohen steinernen Säulen: "Elastika". Sie sind so flexibel, dass sie bei jedem Luftzug schwingen. Uli Hochmann verfremdet ein symbolisch beladenes Motiv und beraubt es seiner ursprünglichen Funktion. Das Säulenmotiv dient in der Geschichte der Kunst der göttlichen Überhöhung und zur Demonstration der besonderen Stellung einer Person oder Gruppe. Die Säulen stehen vor dem Schloss, einem nobilitierten Ort, aber sie haben keine Funktion. Sie huldigen nicht einmal sich selbst, weil sie instabil sind und keine Kapitelle tragen. Um die in unserer Gesellschaft geforderte, grenzenlose Mobilität und Flexibilität geht es im Projekt "Modula". Uli Hochmann reiste mit der mehrteiligen Granitskulptur von Sulzemoos bis Kiew, stellte sie in immer wieder neuer Kombination vor Städten und in Flusslandschaften in Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien und der Ukraine auf. Jedes Mal sah "Modula" anders aus, weil es unmöglich ist, die Skulptur zwei Mal in der selben Folge zusammenzubauen. Die Reaktionen der Passanten sind Teil des Projekts, Humor und Verblüffung gehören bei Uli Hochmann zur Kunst. Er holt die Kunst vom Sockel und macht sie zum Bestandteil unseres täglichen Lebens. Seine Kunst ist für jedermann.

Während der Freilichtausstellung des Karlsfelder Kunstkreises "Seh am See" vermietete er den Schwimmstein zum Steinschwimmen für alle. So wie man Tretboote vermietet. Er hat auch das Rad neu erfunden. In Hofheim im Taunus bearbeitete er bei einem Bildhauersymposium einen Nagelfluhblock zum mannshohen Rad und rollte es durch die Stadt. Dass in seiner Kunst die Selbstironie mitschwingt, versteht sich von selbst. In Fürstenfeldbruck arbeitete er sich zwei Wochen lang mit Hammer und Meißel durch einen 80 Zentimeter dicken, Jahrtausende alten Marmorblock. Als der "Durchbruch am Dienstag" endlich geschafft war, zwängte er sich durch die kreisrunde Öffnung.