Streik am Dachauer Krankenhaus Wild entschlossen

Etwa 100 Pfleger ziehen pfeifend durch die Dachauer Altstadt. Sie klagen über die Missstände am Dachauer Klinikum. Verdi kündigt einen Durchsetzungsstreik an, um den Druck zu erhöhen

Von Jana Rick, Dachau

Die Situation spitzt sich zu. So viel steht nach dem ersten Streiktag des Personals der Helios-Amper-Kliniken fest. Um sechs Uhr früh begannen die ersten Pflegekräfte vor dem Klinikum in Dachau zu streiken. Die Beteiligung am Arbeitsausstand ist jedoch geringer als beim ersten Warnstreik im September, stellt Christian Reischl von der Gewerkschaft Verdi enttäuscht fest. Grund dafür sei die nicht zustande gekommene Notdienstvereinbarung zwischen Arbeitgeber Helios und der Gewerkschaft. "Diese Nichtexistenz verunsichert natürlich viele Pflegekräfte", erklärt Reischl.

Zwei Tage legen sie ihre Arbeit nieder und demonstrieren auf der Straße.

(Foto: Niels P. Joergensen)

"Das Wahnsinnige ist, dass der Notdienstvorschlag von Helios zum Teil den Regeldienst total übertrifft! Teilweise arbeiten wir im Alltag schlechter besetzt als jetzt im Notdienst", klagt eine Pflegerin. Sie und ihre Kollegen fordern weiterhin einen realistischen Entlastungstarifvertrag, der klar definiert sein soll. "Es gibt eine feste Bettenanzahl, aber wie viele Pfleger für einen Patienten zuständig sind, ist nicht vorgeschrieben", erklärt ein Streikender das Problem. Der Unmut ist groß. Viele fühlen sich allein gelassen und wünschen sich, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird. Und dann passiert etwas, das alle freut: Ein Chefarzt stattet den Streikenden einen kurzen Besuch ab und stimmt ihren Forderungen zu. Die Menge applaudiert. Auch die Dachauer Busfahrer unterstützen die Demonstranten und hupen zweimal kräftig, "für mehr Personal", wie es auf einem Schild an der Straße steht. Nur der Assistent der Geschäftsführung läuft zügig an den Streikenden vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Die Zukunftsangst geht um

Die Klagen vor allem der Auszubildenden sind vielfältig: "Wir müssen Dinge erledigen, die wir eigentlich noch gar nicht dürfen, zum Beispiel Patienten alleine in den OP bringen", klagt eine junge Frau, die bereits seit drei Jahren an der Dachauer Klinik lernt. Ein anderer Schüler ist verunsichert: "Helios hat am 1. Oktober die Schule übernommen und nachdem unsere Lehrerin gegen die Privatisierung ist, ist sie einfach gegangen." Einige beklagen, dass sie nicht mehr richtig angeleitet würden, weil die Examinierten nicht genug Zeit dazu haben. Die Frage, Gehen oder Bleiben, scheint immer mehr Betroffene im Klinikum zu beschäftigen. "Wer garantiert mir, ob ich übernommen werde?", fragt einer. Die Zukunftsangst geht um.

Die Pflegekräfte des Helios Amper-Klinikums fordern eine geregelte Mindestbesetzung.

(Foto: Niels P. Joergensen)

In der Hoffnung auf ein Gespräch mit der Politik ziehen etwa 100 Streikende um zehn Uhr in das Streiklokal Drei Rosen. Der Saal ist schnell überfüllt. Robert Hinke, Verhandlungsführer von Verdi, spricht vom "System Helios" und dessen "professionellen Spaltungsstrategien". Er beschwert sich über die Handlungen des Arbeitgebers in einer Situation, die "brennend" sei: "Bei der Thematik der Entlastung wird von Seiten des Arbeitgebers gemauert. Und die Mauern sind hoch." Er drängt auf eine Mitarbeiterbefragung zur Arbeitszufriedenheit und zur Belastungssituation. Für Hinke sei es ein "unglaubliches Armutszeugnis", dass dies nicht längst passiert sei. Eine weitere Forderung von Verdi ist ein sogenanntes Ausfalls- und Konsequenzenmanagement, bei dem bereits vor einer kritischen Situation geregelt wird, wie mit Notständen umgegangen wird. Verdi mahnt: "Diese zwei Warnstreiks waren eine Warnung. Das nächste Mal werden wir in einen Durchsetzungsstreik gehen."

"Den Vorwurf, wir würden uns nicht kümmern, können wir nicht stehen lassen"

Die Vertreter des Kreistages Harald Dirlenbach und Heinz Eichinger (beide SPD) beginnen mit einer klaren Ansage: "Den Vorwurf, wir würden uns nicht kümmern, können wir nicht stehen lassen. Fakt ist, dass wir nur 5,1 Prozent der Aktien tragen. Und dieses Aktienrecht verbietet uns, uns direkt einzumischen", erklärt Dirlenbach. Die Einflussnahme des Landkreises im operativen Geschäft sei "gleich null". Beide betonen aber, dass sie voll hinter dem Personal stehen. Das sei fraktionsübergreifender Konsens - "ohne wenn und aber".

Die Betriebsratvorsitzende Annett Götze wirft den Kreistagsvertretern dennoch vor, die Situation "schönzureden", da sie nur Statistiken von Helios bekämen und keine Ahnung hätten, wie die Realität aussähe. Wie aufs Stichwort beginnen verschiedene Pflegekräfte, genau diese zu beschreiben: "Ich bin bei 300 Überstunden", sagt eine. "Patienten müssen teilweise bewusst ins Bett machen, weil keiner von uns kommen kann", sagt eine andere. "Das schlimmste sind demente Patienten, die sich nicht beklagen können. Es ist eine Sauerei, was in diesem Krankenhaus veranstaltet wird. Patienten sterben in ihren Betten, weil zu wenig Personal da ist. Und die können nicht mehr reden!" - Nach diesem Kommentar herrscht einen Moment betretene Stille. Dann braust Applaus auf. An diesem Donnerstag sprechen die Pflegekräfte mit den Bundestagsabgeordneten Michael Schrodi (SPD) und Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) - in der Hoffnung, etwas bewegen zu können.