Spionin Noor Inayat Khan Code-Name Madeleine

In London erinnert jetzt ein Denkmal an Noor Inayat Khan, die als britische Spionin in Frankreich gegen das Nazi-Regime kämpfte und am 13. September 1944 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde.

Von Angelika Eisenmann

- Es ist Mittwochmorgen, der 13. September 1944, als SS-Männer Noor Inayat Khan und drei weitere britische Agentinnen vor eine Mauer nahe dem Krematorium im Konzentrationslager Dachau führen. Dort warten bereits der Lagerkommandant, Eduard Weiter, und zwei SS-Offiziere. Den Frauen wird befohlen, sich auf den Boden zu knien und an den Händen zu fassen. Eine nach der anderen wird durch Genickschuss getötet. Was in der Nacht vor der Hinrichtung geschah, wird auf ewig ungeklärt bleiben. Nach den Schilderungen von Oberstleutnant H. J. Wickey, der sich auf Aussagen von SS-Männern beruft, hat der Schutzhaftlagerführer Wilhelm Ruppert die 30-jährige Noor Inayat Khan in einer Bunkerzelle des Lagergefängnisses ausgezogen, beschimpft und misshandelt. Vor dem tödlichen Schuss bei der Hinrichtung soll sie "Liberté" gerufen haben. Ob das so stimmt, wird nicht mehr zu klären sein. Aber es würde zu dieser mutigen Frau passen, die nicht tatenlos zusehen wollte, wie Hitler-Deutschland Europa in einen Krieg stürzte. Das Leben dieser außergewöhnlichen Frau, das Stoff genug für einen großen Hollywood-Film bietet, ist fast in Vergessenheit geraten.

Im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau gibt es keine Häftlingsakten über die britische Agentin. Aussagen von Zeitzeugen, Presseberichte und Briefe von Angehörigen der Opfer sind die hauptsächlichen Quellen, die Auskunft über Noor Inayat Khan geben. Seit 1975 erinnert eine Gedenktafel beim Krematorium der KZ-Gedenkstätte Dachau an die Ermordung von Noor Inayat Khan und ihrer drei Weggefährtinnen. In London wurde jetzt, am 8. November, eine Statue vom "Noor Inayat Khan Memorial Trust" zum Gedenken an die Agentin errichtet und von Prinzessin Anne enthüllt. Die Bronzefigur steht am Gordon Square, ganz in der Nähe ihres früheren Wohnhauses. Aber wer war diese Frau, die posthum von General de Gaulle das Ehrenkreuz, "Croix de Guerre avec êtoile de vermeil" und von Queen Elisabeth das "George Cross" verliehen bekam?

Prinzessin Noor Inayat Kahn wird am Neujahrstag 1914 in Moskau geboren, als ältestes Kind einer Amerikanerin und eines indischen Sufi-Muslims, der am Moskauer Konservatorium lehrt. Das Mädchen ist eine Ururenkelin von Tipu Sultan, der drei Kriege gegen die britische Kolonialmacht führte. Im Victoria and Albert Museum London ist ein mechanischer Automat ausgestellt, der einen Tiger bei einer Attacke auf einen europäischen Soldaten oder Angestellten der British East India Company darstellt und dazu Kampfgeräusche erzeugt. Tipu Sultan ist mit Tigern in die Schlacht gezogen.

Die Unruhen vor der russischen Revolution zwingen die Familie zur Flucht, zunächst nach England. Doch die muslimische Familie hat es in dem fremden Land nicht leicht. Erst in Paris findet die Familie ein Zuhause. Als Inayat Khans Vater 1927 stirbt, stürzt ihre Mutter in eine tiefe Depression. Die kleine Noor, damals zwölf Jahre alt, muss sich fortan um ihre drei jüngeren Geschwister kümmern. Trotzdem studiert sie sechs Jahre lang klassische Musik an der renommierten "École Normale de Músique de Paris" und gleichzeitig Kinderpsychologie an der Sorbonne.

Nach dem Studium schreibt sie für die "Kinderseite" der Zeitung "Le Figaro". Ihre Geschichten werden im "Radio Paris" gesendet. Die Kritiker sind begeistert, und Inayat Khan plant die Herausgabe einer eigenen Kinderzeitung. Doch dann entfesselt Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Inayat Khan will gegen die Nationalsozialisten kämpfen, eine Entscheidung, die ihr sicherlich nicht leicht fiel. Denn Inayat Khan ist Pazifistin. Sie bespricht sich mit ihrem Bruder Vilayat, der später von diesem Gespräch berichten wird: " . . . Wir waren in der Schule unseres Vaters, eines östlichen Weisen und Lehrers geformt worden . . . Wie konnte man angesichts der Ausrottung der Juden spirituelle Moral predigen, ohne aktiv an Verhinderungsmaßnahmen teilzunehmen?" Im Juni 1940, nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich, bleibt nur Inayat Khans Bruder Hidayat in Paris. Die Familie flieht auf einem belgischen Frachter nach England.

Dort arbeitet Inayat Khan als Funkerin für die Royal Air Force. Wegen ihres energischen Morse-Anschlags nennen die Kollegen sie "Bang Away Lulu". Bald interessiert sich der britische Geheimdienst für sie. Aber der erste Anwerbeversuch scheitert. Sie kritisiert allzu deutlich die britische Kolonialpolitik in Indien und das gefällt den Offizieren nicht.

Daraufhin muss sie zurück an ihr Funkgerät auf einem unbedeutenden Trainingsflugplatz in England. Doch in Geheimdienstkreisen wandert ihre Akte weiter. Im Oktober 1942 gelingt es der "Special Operations Executive" (SOE) Inayat Khan für sich zu gewinnen. Diese Organisation gilt als Churchills Geheimarmee mit dem Auftrag, "Europa in Brand zu stecken". Insgesamt gehen 39 Frauen als Agentinnen in das besetzte Frankreich - 13 von ihnen sterben.

Während ihrer Ausbildung wird Inayat Khan rasch zur schnellsten Funkerin. Ein Ausbilder, der spätere Schriftsteller Selwyn Jepson, beschreibt sie als perfekte Agentin: "Sie ist vorsichtig, gewissenhaft und besitzt alle Geduld der Welt." Andere aber raten von einem Einsatz ab. Zu Problemen kommt es immer wieder wegen ihrer pazifistischen Einstellung. Sie lehnt es rigoros ab, eine Schusswaffe zu benutzen. Trotzdem wird sie als erste Funkerin nach Paris geschickt. Dort arbeitet sie unter dem Decknamen "Madeleine" für den Agentenring "Cinema". Nach zahlreichen Verhaftungen britischer Agenten durch die Gestapo hält Ende Juni 1943 nur noch Inayat Khan die Funkverbindung zwischen London und Paris aufrecht. Vier Monate überlebt sie in dieser exponierten und wichtigen Position. Dann wird sie verraten - ihr gutes Aussehen ist ihr wohl zum Verhängnis geworden. Ein Agent sagt über sie: "Wer sie zweimal gesehen hatte, würde sie nie mehr vergessen können." Auch SOE-Chefkryptograph Leo Marks erinnert sich, dass ihm "angesichts ihrer Schönheit beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen wären". Viele Männer bewundern Inayat Khan, ihr schwarzes Haar und ihre funkelnden dunklen Augen.

Renée Garry, die Schwester des Agenten Henri Garry, mit dem Inayat Khan eng zusammen arbeitet, verrät sie, vermutlich aus Eifersucht und für Geld an die Gestapo. Renée ist in den Agenten France Antelme verliebt, der sich nach ihrem Empfinden zu sehr für die indische Prinzessin interessiert. Der Abflug ins sichere England ist bereits organisiert, als sie am Morgen des 13. Oktober von Gestapo-Männern verhaftet, ins Pariser Hauptquartier gebracht und verhört wird. Sie schweigt beharrlich, auch in den folgenden Monaten, in denen sie immer wieder in verschiedenen Gefängnissen verhört wird. Während ihrer Haft in Paris versucht sie zweimal zu fliehen. Den zweiten Fluchtversuch unternimmt sie mit dem französischen Oberst Léon Faye und dem Agenten John A. R. Starr. Über ein Versteck im gemeinsamen Waschraum reichen sie sich einen Schraubenzieher weiter, mit dem sie die Gitterstäbe vor ihren Fenstern lockern. In der Nacht des 25. November 1943 gelingt es den Männern, aufs Dach zu klettern. Faye zieht Inayat Khan aus ihrer Zelle und küsst sie vor Freude. Mit zusammengeknoteten Betttüchern seilen sie sich ab. Doch plötzlich heulen die Sirenen bei Fliegeralarm auf. Die Gefängniswärter schrecken auf und entdecken die Fliehenden, nehmen sie fest und stecken sie wieder in ihre Zellen. Am nächsten Tag überstellt die Gestapo Inayat Khan, als "besonders gefährliche Gefangene" in die Frauenabteilung des Zivilgefängnisses Pforzheim. Sie bekommt nur schmale Essensrationen und muss ständig Hand- und Fußschellen tragen. Am 11. September 1944 wird sie nach Karlsruhe verlegt. Von dort tritt sie am darauf folgenden Tag mit drei weiteren SOE-Agentinnen den letzten, gemeinsamen Weg nach Dachau an.

Die Enthüllung der Statue in London lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf Inayat Khan - fast 70 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod wird daran erinnert, was nicht vergessen werden darf. Natürlich wurden im angloamerikanischen Sprachraum Bücher über die Sufi-Prinzessin veröffentlicht. Zum Beispiel das beeindruckende Buch "Spy Princess" von Shrabani Basu, die bei der Denkmalenthüllung zugegen war. Aber in Deutschland erinnert sich kaum jemand an sie. Das Leben der Prinzessin, die von der Verfolgung und dem Massenmord an den europäischen Juden erschüttert war, ihr Widerstand gegen das rassistische Hitler-Regime kann auch als Mahnung für Toleranz und Frieden im Nahostkonflikt verstanden werden. Deshalb hat Tarek Fatah, ein liberaler Moslem in Toronto, sein Buch "The Jew is not my Enemy" Noor Inayat Khan gewidmet. Aber die vielleicht schönste Erinnerung schuf ihr Bruder, der Komponist, Hidayat Inayat Khan mit der "La Monotonia Suite, Symphonique Op.7". Er schrieb dazu: "Mögen die Noten dieser Musik die Zuhörer daran erinnern, dass einige Seelen ihr Leben geopfert haben, so dass wir in der Lage sind, laut zu rufen: Es lebe die Freiheit von Körper, Herz und Geist . . ." Die Freiheit, die seine Schwester gelebt hat.