Soziale Unternehmenskultur Das Gemeinwohl als Maßstab

Der Politologe Christian Felber will die Wirtschaftsordnung auf den Kopf stellen - oder, je nach Perspektive, auf die Füße. Er fordert eine nachhaltige, ethische und soziale Unternehmenskultur.

(Foto: oh)

Der Wissenschaftler Christian Felber stellt auf Einladung des Bündnisses für Dachau seine Theorie einer gerechten Wirtschaftsordnung vor, die sich nicht ausschließlich an der Gewinnmaximierung orientiert

Von Walter Gierlich, Dachau

Eine Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2010 zeigt, dass sich 88 Prozent aller Bundesbürger eine bessere Wirtschaftsordnung wünschen. Doch mit dem Einzug von FDP und AfD in den Bundestag wird im Parlament die neoliberale Politik noch einmal deutlich gestärkt. Tatsächlich gibt es aber Ansätze für eine gerechtere Wirtschaftspolitik, etwa die vom Österreicher Christian Felber 2010 angestoßene Gemeinwohl-Ökonomie. Wie diese aussehen und wie sie funktionieren kann, das wird Felber, Philologe, Soziologe und Politikwissenschaftler sowie in seinem Heimatland Mitbegründer von Attac, auf Einladung des Bündnisses für Dachau und der Petra-Kelly-Stiftung am 17. Oktober im Ludwig-Thoma-Haus in der Altstadt von Dachau darstellen.

"Bankenrettung, Steueroasen für Reiche, Dieselskandal und kein Ende - das Wirtschaftssystem westlichen Zuschnitts kennt nur wenige Gewinner, aber unzählige Verlierer. In einer Zeit, wo die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, wünschen sich die meisten Menschen eine Wirtschaftsordnung, die sich nicht nur an der Gewinnmaximierung orientiert, sondern ethisches Handeln, sozialen Umgang und nachhaltiges Wirtschaften mit einbezieht", heißt es in der Einladung des Bündnisses.

Wie das gehen soll, erklärte Felber im Juni in einem SZ-Interview: "Im Grundgesetz, Artikel 14, steht, dass Unternehmenseigentum verpflichtet und dem Wohl der Allgemeinheit dienen soll. Wir fügen jetzt zwei Sätze an: Unternehmen sollen nachweisen, was sie zum Gemeinwohl beitragen. Und Unternehmen, die einen höheren Beitrag zum Gemeinwohl leisten, sollten Vergünstigungen bekommen, damit aus ihrem heutigen Wettbewerbsnachteil eines Tages ein Vorteil wird."

Unternehmen sollen nach Felbers Theorie Ziele wie Nachhaltigkeit, ethisches Handeln und sozialen Umgang in ihre Planung mit aufnehmen und neben ihrer Finanzbilanz eine Gemeinwohlbilanz erstellen, "die den Ziel-und Werteerfolg misst", wie er kürzlich in einem Aufsatz schrieb. Wie aber kann das gemessen werden? Von etwa 400 Unternehmen werde die Gemeinwohlbilanz bisher freiwillig angewandt. "Sie misst, in welchem Grad ein Unternehmen die Verfassungswerte Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung lebt", erklärt er. Dafür sollen maximal 1000 Punkte gegeben werden. Je höher die Punktzahl, die eine Firma erreicht, desto niedriger sollen Gewinnsteuern, Zölle und Kreditzinsen sein. Zudem müssten nach Felbers Idee vorbildliche Unternehmen bei öffentlichen Aufträgen oder bei Forschungsprojekten bevorzugt werden. In der Folge könnten sie ihre Produkte günstiger anbieten als die weniger nachhaltig und verantwortungsvoll arbeitenden Konkurrenten.

Und es sind nicht nur Unternehmen, sondern auch Kommunen oder Bundesländer, die sich der Gemeinwohlidee verpflichtet haben, etwa Salzburg, Baden-Württemberg oder Valencia, wie Felber im SZ-Interview im Juni betont hat. Speerspitze sei die spanische Provinz Valencia, wo enorm viel passiere. Nach dem Vortrag haben die Besucher Gelegenheit zur Diskussion.

Denn die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie ist nicht unumstritten. Österreichische Wirtschaftswissenschaftler und Industriellenvereinigungen halten sie für weltfremd, bürokratisch und uneffektiv. Sie sehen darin zudem eine Bedrohung für die Marktwirtschaft. Es kann also ein spannend Abend werden. Der Referent Christian Felber stellt seine Theorie am Dienstag, 17. Oktober, im Ludwig-Thoma-Haus (Stockmann-Saal) in Dachau, Augsburger Straße 23, vor. Beginn ist um 19.30 Uhr, Einlass von 19 Uhr an.