Schwabhausen Multiple Persönlichkeit

Der Kabarettist Helmut Schleich, frisch gekürter Deutscher Kleinkunst-Preisträger, zeigt in Schwabhausen in seinem Programm "Nicht mit mir", dass er mehr ist als ein begnadeter Strauß-Imitator.

Von Renate Zauscher

- Einer der ganz Großen der deutschen Kabarettszene war am vergangenen Sonntag im Gasthof Post in Schwabhausen: Helmut Schleich, gerade zum diesjährigen Träger des Deutschen Kleinkunstpreises ausgerufen, kam mit seinem Soloprogramm "Nicht mit mir". Das Schwabhausener Publikum wusste, wen es vor sich hatte: Schleich wurde schon bei den ersten Schritten auf die Bühne mit begeistertem Applaus begrüßt.

"Nicht mit mir": Die Parole bundesdeutscher Wutbürger nimmt Helmut Schleich zum Anlass für bitterböse, gleichzeitig aber höchst unterhaltsam verpackte Gesellschaft- und Politikkritik. Mit dem griffigen und inhaltsleeren Satz nämlich wird gegen alles und jedes protestiert, was nur irgendwie ärgerlich ist: gegen "Politiker und Industrielle", gegen Strompreiserhöhungen oder "des ganze Zeug mit dem Euro", gegen Fukushima, Glutamat oder die Tieferlegung der Bahntrasse irgendwo im Niemandsland hinter München.

Lustvoll spürt Schleich den Motiven von Demonstranten, Revoluzzern und Terroristen nach und lädt zu den "Stammtischhistorikern" ein, bei denen sich auch solche Experten in Sachen Terror zu Wort melden, die heute noch Adi heißen, immer in Versuchung sind, den Arm zum entsprechenden Gruß zu heben und stolz auf eine Vergangenheit als "Rottenführer" zurückblicken. Aber auch die "Rosenheimer Polizisten" werden mit einem kurzen Nebensatz bedacht: "Nicht jeder Schläger hat schließlich einen rechtsradikalen Hintergrund".

Schleich ist als begnadeter Strauß-Imitator bekannt geworden, und da ist es kein Wunder, dass er sich heute noch als vom früheren Landesvater besessen wähnt. Tatsächlich mischt der sich ständig ins Programm ein. Nur eine kurze Korrektur der Haltung, ein Vorschieben der Schultern, und schon steht er vor einem: stiernackig, untersetzt und scharfzüngig-rücksichtslos lospolternd. Als Strauß nimmt Schleich kein Blatt vor den Mund: kann von der Kanzlerin als der "fast russischen Zonenwachtel" reden oder davon, dass "ein Tierarzt im bayerischen Kabinett nur dann Sinn macht, wenn der Ministerpräsident ein Rindvieh ist".

Die Rolle des Franz Josef Strauß ist Helmut Schleich über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen. Aber genauso frappierend sind seine Verwandlungen in eine ganze Reihe weiterer Personen. Ein leichtes Zurücklehnen, ein mühsamerer Gang, ein bezeichnendes Grinsen im Gesicht - und schon steht da unverkennbar Otti Fischer: so lebendig, als sei's tatsächlich der Bulle von Tölz. Und dann kommt auch noch der Papst ins Spiel, bei dem Schleich um einen Strauß-Exorzismus anfragt, um der kompletten feindlichen Übernahme durch sein Alter Ego zu entgehen.

Zu den bekannten Persönlichkeiten, die sich da auf der Bühne einfinden, kommt noch eine Reihe köstlich-skurriler Fantasiegestalten. Die schönste von ihnen: der greisenhaft zittrige, sich als adeliger Dandy gebende "ehemalige Gesangslehrer von Willi Fritsch und Marika Rökk". Mit Zylinder, weißem Schal und elegantem Gehstock lässt er an Jopi Heesters denken. Grotesk kämpft er mit lockerem Gebiss und korrekter Aussprache komplizierter Wörter - und macht sich Gedanken zu verflossener Adelsherrlichkeit, zu unsinnigem Titelstreben wie bei diesem Guttenberg ("dem Kopierer, nicht dem Drucker") und zu den Ursachen der Griechenlandkrise. Mediterranen Müßiggang diagnostiziert er in letzterem Fall - ohne Häme, aber umwerfend komisch in seiner Schilderung, wie Sisyphos der Stein wegen zu viel genossenen Ouzos immer wieder entgleitet, während ein zielorientierter Deutscher, frische Morgenkühle und ein rasch am Gipfel ausgebreitetes Handtuch nutzend, die Sache schnellstens erledigt hätte.

Was schließlich Schleichs Strauß-Besessenheit angeht, so zieht er sich am Schluss mit einem Trick aus der Affäre: Die Bühne bevölkert sich mit immer mehr verflossenen und heutigen Zeitgenossen des eigentlich längst verblichenen CSU-Politikers, die alle das Wort ergreifen. Da fällt es dann gar nicht mehr auf, wenn der eigentliche Protagonist des Abends sich diskret verabschiedet.