Schießplatz Hebertshausen Mordstätte

Gedenkfeier zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 am Schießplatz Hebertshausen: Die SS tötete dort mehr als 4000 kriegsgefangene Rotarmisten.

Von Benjamin Emonts

Blumen für die ermordeten Sowjetsoldaten legten die Teilnehmer der Gedenkfeier am Sonntagabend am Schießplatz Hebertshausen nieder. Foto: Heigl

(Foto: Toni Heigl)

Die Männer, die völlig entkräftet und gezeichnet von den erlittenen Strapazen am SS-Schießplatz in Hebertshausen ankamen, mussten sich nackt ausziehen und wurden in der linken Schießbahn in Fünfergruppen an Pfosten gefesselt und erschossen. Die anderen warteten derweil hinter einem Erdwall - in dem Bewusstsein, dass sie bald das gleiche Schicksal ereilt. Auf dem Erdwall standen indessen bewaffnete SS-Wachmänner und passten auf, dass die Männer, die auf ihre Hinrichtung warteten, nicht flüchteten.

Die Schreckensszenarien spielten sich am ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen ab. Dort wurden in den Jahren 1941 und 1942 mehr als 4000 sowjetische Kriegsgefangene erschossen, die in Gefangenenlagern durch Wehrmacht und Gestapo als "untragbar" ausgesondert worden waren. Insbesondere alle Juden, Kommunisten, "Aufwiegler" und andere fielen in diese Kategorie. Noch Jahrzehnte nach Kriegsende fanden die Verbrechen kaum öffentliche Beachtung. Doch das acht Hektar große Areal, das mit seinen vielen Bäumen und den grünen Wiesen heute so friedlich erscheint, war ein zentraler Schauplatz des Vernichtungskrieges der Nazis.

Umso wichtiger ist, "dass seit den 1980er Jahren und vor allem unter den neuen welthistorischen Bedingungen seit Anfang der 1990er Jahre lebendige Kontakte auf dem Feld der Erinnerung möglich wurden", wie Jürgen Zarusky in seiner Gedenkrede betonte. Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin hielt seine Rede aus Rücksicht auf die zahlreich teilnehmenden russischen Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München zweisprachig auf russisch und deutsch. Die Gedenkfeier, die traditionell am 22. Juni, dem Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, stattfindet, wurde heuer wegen des jüdischen Ruhetags Sabbat einen Tag nach hinten auf den Sonntag verlegt. Trotz des strömenden Regens fanden sich mehr als 70 Gäste ein, die auf der Wiese vor dem Gedenkstein den ermordeten Rotarmisten gedachten.

Ulrike Mascher und Eva Strauß legten im Namen des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau einen Kranz nieder. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde-Gruppe brachten Blumen an den Gedenkstein und trugen ein Gedicht und ein Lied vor. Eine kurze, bewegende Rede hielt Ljuba Vaserina aus Weißrussland, die derzeit ein Praktikum in der Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau absolviert. Sie dankte ihren Vorfahren, die am 22. Juni 1941 in den Krieg ziehen mussten. "Sie sind für unsere Zukunft gestorben", sagte Ljuba Vaserina.

Ebenso berührend war das sowjetische Kriegslied "Heiliger Krieg ", das ein Trompeter vorspielte. Lagerinsasse Aleksej Kirilenko soll - wie aus Berichten von Überlebenden hervorgeht - 1944 das Trompetensolo während seiner Gefangenschaft im Konzentrationslager Dachau gespielt haben. Der Text ist ein Aufruf zum Widerstand. "Steh auf, steh auf du Riesenland. Heraus zur größten Schlacht. Den Nazihorden Widerstand. Tod der Faschistenmacht. Es breche über sie der Zorn wie finstre Flut herein. Das soll der Krieg des Volkes, der Krieg der Menschheit sein." Der Trompeter Kirilenko wurde im September 1944 erschossen.