Rettung des "Kräutergartens" Teures Gedenken

Das Areal gehört der Stadt Dachau, doch diese allein kann den Erhalt des Kräutergartens nicht finanzieren. Die Gewächshäuser verfallen seit Jahren.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Erstmals gibt es Verhandlungen zwischen Stadt, Bund, Freistaat und Gedenkstättenstiftung, den Kräutergarten als Erinnerungsort zu erhalten. Doch es wird ein langer Weg

Von Gregor Schiegl, Dachau

Eine kleine Informationstafel und eine Gedenk-Stele für den KZ-Häftling Pfarrer Korbinian Aigner. Das sind die einzigen Hinweise auf die historische Bedeutung der verwilderten Brachfläche mit ihren verrosteten alten Gewächshäusern, die vis-à-vis zur KZ-Gedenkstätte hinter einem Zaun versteckt liegt. Einst war sie Teil eines gigantischen landwirtschaftlichen Komplexes von 147 Hektar, den die Nationalsozialisten verharmlosend "Kräutergarten" nannten. Hunderte von KZ-Häftlingen wurden hier zu Tode geschunden oder von SS-Männern erschossen.

70 Jahre danach laufen erstmals Verhandlungen zwischen Stadt, Bund, Freistaat und der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten, wie man die verbliebenen Zeugnisse auf dem Areal retten und das Gelände zu einem Gedenk- und Erinnerungsort umwandeln kann. "Man muss das Thema jetzt anpacken", sagt die stellvertretende Landrätin Marianne Klaffki, sie hat die Gespräche initiiert. "Sonst braucht man es gar nicht mehr zu machen." Nach dem ersten Treffen wagt die SPD-Politikerin immerhin "ein vorsichtiges Maß an Optimismus": Alle Seiten seien bemüht, eine Lösung zu erzielen.

Die Materie ist heikel. Es geht um viel Geld. Das Areal zu sanieren, selbst es nur zu konservieren, um Zeit zu gewinnen, ist extrem kostspielig. In jedem Fall ist es viel zu teuer für die Stadt, der das Gelände gehört. "Man darf Dachau damit nicht alleine lassen", sagt Klaffki. Der Bund stehe in einer besonderen Verantwortung, dieses "Areal von besonderer historischer Prägung" nicht weiter verkommen zu lassen. Alle Beteiligten müssen nun erst einmal eine lange Liste von Aufgaben abarbeiten: "Notwendig ist jetzt eine Präzisierung des Vorhabens", sagt Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte. Nur so komme man auch an Fördermittel des Bundes. Wobei auch das Land und die Stadt sich finanziell mit einbringen müssten. Dachau sei bereit, seinen Beitrag zu leisten und zwar schon "seit einigen Perioden", sagt der stellvertretende Bürgermeister Kai Kühnel (Bündnis für Dachau).

2011 hat der Stadtrat den Architekten Axel Feiereisen beauftragt, Möglichkeiten einer vorübergehenden und günstigen Schutzkonstruktion für die verfallenden Gewächshäuser zu finden. Dies könnte eine Einhausung mit einem Folientunnel sein, der sich auch bedrucken ließe, um Besucher zu informieren, skizziert Feiereisen seine Ideen. Lage und Dimension bereits verschwundener Gewächshäuser könnten künstlerisch nachgebildet werden, etwa durch eine 50 Meter lange und 2,50 Meter breite Skulptur aus Rahmen und Sparren, die nicht nur die Dimension des verschwunden Gebäudes wiedergäben, sondern auch den Eindruck eines Laufkäfigs erzeugten.

Ein Nutzungskonzept für das Areal gibt es auch bereits: So könnte im westlichen Teil des früheren Lehr- und Forschungsinstituts ein der Gedenkstätte angeschlossenes Fortbildungs- und Studienzentrum eingerichtet werden. "Die notwendige Raumstruktur wäre vorhanden", sagt KZ-Gedenkstättenleiterin Hammermann. Die Lage des Hauses würde sich auch für die Vor- und Nachbereitung eines Besuchs am neu gestalteten Gedenkort des ehemaligen SS-Schießplatzes Hebertshausen anbieten. Den östlichen Teil könnte weiterhin die Stadt Dachau nutzen und Geschichtsvereinen und Künstlern zur Verfügung stellen. Widerspruch kommt vom Bauhistoriker Axel Will. "Es ist gefährlich, wenn sich das Areal zerlegt in verschiedene Nutzer, das zersplittert diese Anlage völlig." Es müsse ein Gesamtkonzept geben und "einen Gesamtumgang".

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Viele Fragen müssen geklärt werden. Zum Beispiel was mit der Obdachlosenunterkunft geschieht, die 2014 in einem der alten Kopfgebäude untergebracht wurde. Dafür braucht die Stadt eine Alternative. "Das wird nicht so schnell gehen", sagt Günter Heinritz (SPD), Geschichtsreferent des Stadtrats. "Es wird Jahre dauern."

Karl Hönle, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft "Zum Beispiel Dachau", kündigt an, einen privaten Fond für den Kräutergarten ins Leben zu rufen. Er weiß, dass die Dachauer das Projekt alleine nicht stemmen können. Das Engagement der Bürger, so seine Idee, solle staatliche Stellen "in Zugzwang" bringen. Hönle verweist auf den Wiederaufbau des bayerischen Nationaltheaters. Das sei auch erst erfolgt, nachdem die Münchner damit begonnen hätten, Geld für das Projekt zu sammeln.