Nach der Bluttat von Dachau "Im Alltag blende ich aus, wie gefährlich mein Beruf ist"

Keiner ist allerdings verpflichtet, diese Kurse zu belegen. Hornung wünscht sich, dass die Förderung dieser Fähigkeiten in der Ausbildung stärker verankert wird. Mit seinen Referendaren versucht er darüber zu sprechen, wie die angehenden Staatsanwälte die Wirkung ihres Auftretens auf Zeugen und Angeklagte erleben. Für Rollenspiele bleibt keine Zeit.

Amtsgericht Dachau: Gab es eine Möglichkeit, den Todesschützen Rudolf U. zu stoppen?

(Foto: dpa)

Dabei gehören psychisch belastende Situationen fast schon zum Tagesgeschäft: Drohanrufe in den Büros von Richtern und Staatsanwälten, so ist zu hören, seien auch bei Berufsanfängern nicht selten.

Schlagzeilen machen extreme Fälle, etwa der eines Münchner Staatsanwaltes, der sich und seine Familie zwei Jahre lang verstecken musste, während er gegen einen Kopf der Russenmafia ermittelte.

Oder der des Ehrenmordprozesses gegen Ahmad O. 2009 vor dem Hamburger Landgericht. Der damals 24-Jährige hatte seine Schwester erstochen. Der Staatsanwalt hatte lebenslange Haft wegen Mordes gefordert. Als der Richter dem folgte und das Urteil verlas, kam es zu Tumulten und wüsten Bedrohungen, die Justizbeamte schlichteten. Noch am selben Tag erhielt der Staatsanwalt eine Todesdrohung.

Ingrid Kapps hat solche Situationen selbst nie erlebt. Seit 18 Jahren ist sie Richterin am Amtsgericht München, im Justizzentrum, das auch das Landgericht beherbergt. "Im Alltag blende ich aus, wie gefährlich mein Beruf ist", sagt sie. Gerade in Familienangelegenheiten komme es immer mal wieder zu lautstarken Wortwechseln, die es zu beschwichtigen gelte.

Wie sie das macht, hat sie kein Dozent gelehrt, sondern das Leben. Strategien für schwierige Situationen zu erwerben, werde immer wichtiger, sagt Kapps. Am Tag nach den Schüssen von Dachau seien alle Kollegen "völlig geschockt", berichtet sie. "Da wird uns wieder klar, was in unserem Beruf passieren kann."