Musik aus Meisterhand Eine Sprache, die jeder versteht

Der Europäische Musikworkshop Altomünster beweist eindrucksvoll, wie viele unterschiedliche Facetten Musik haben kann. Beim Abschlusskonzert zeigen die Teilnehmer, was sie mit den Dozenten erarbeitet haben

Von Dorothea Friedrich, Altomünster

Einer der bekanntesten Sprüche des großen Spötters und Karikaturisten Wilhelm Busch (1832-1908) geht so: "Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden." Hätte Busch am zwölften Europäischen Musikworkshop Altomünster (EUMWA) teilnehmen können, der am Samstag mit einem fabelhaften Abschlusskonzert zu Ende ging, hätte er diese Zeilen garantiert niemals zu Papier gebracht. Warum? 60 Teilnehmer zeigten in sieben Konzerten, was sie bei, mit und von sieben hochkarätigen Dozenten erarbeitet hatten. Hunderte Zuhörer - von eifrigst Videokameras und Smartphones schwenkenden Eltern bis zur Generation 80 plus - hörten vertraute Hits der Klassik und Romantik, entdeckten Raritäten und Preziosen. Sie erfuhren hautnah, was der Weltmusiker Hubert von Goisern so beschrieben hat: "Musik ist eine Sprache, in der man nicht lügen kann" - die aber so viele Facetten hat wie es Menschen gibt, die Musik in welcher Form auch immer machen. Das zeigte sich bei jedem Besuch der Altomünsterer Schule, die sieben Tage lang ein "Pop-up-Konservatorium" gewesen war. Koloraturen und Kadenzen, Fingerübungen am Klavier und Geigenzupfen, Trommelwirbel und frohes Lachen ließen die eigene Gangart unwillkürlich beschwingter werden. Sie ließen aber zugleich erahnen, wie viel Engagement und Fleiß, wie viel Ehrgeiz und Streben nach Vollkommenheit hinter jedem Auftritt der jungen Künstler stecken. Schließlich ist die "Erarbeitung von großen Werken der Kammermusik", wie es in der EUMWA-Projektbeschreibung heißt, keine Kleinigkeit, zumal wenn es sich um Kompositionen jenseits des Aufführungs-Mainstreams handelt.

Beim Abschlusskonzert zeigten die Teilnehmer des Workshops ihr Können.

(Foto: OH)

Wie das gelingen kann, erfuhren die schwer beeindruckten Zuhörer beim "Abend der Begegnung". Dieser ist kein Meet and Greet-Event, wie er heutzutage bei durchgestylten Managertypen zum Pflichtprogramm gehört. Vielmehr ist dieser Abend ein Dialog zwischen Markus Kreul und einem EUMWA-Dozenten - und manchmal so etwas wie eine Offenbarung wie am vergangenen Donnerstag. Geiger David Frühwirth erzählte von seinem Weg zur Musik, davon, dass Frechheit auch im Musikerleben siegen und wegweisend sein kann. "Zu Ihnen kumm i nimmer", habe er als Bub seinem Geigenlehrer verkündet. Denn "die Art, wie der unterrichtete, hat mir nicht gefallen", sagte Frühwirth mit einem immer noch zufriedenen Grinsen ob seines damaligen jugendlichen Selbstbewusstseins. Was er auf seinem Weg zum international renommierten Solisten durch und mit seinen Lehrern Pinchas Zukermann, Ruggiero Ricci, Zakhar Bron und anderen gelernt hat, gab er heute mit einer unbändigen Begeisterung weiter. "Motivation, mentales Training, Fantasie, Selbstbewusstsein, analytisches Hören, ganzheitliches Üben, Körperbewusstsein, Achtsamkeit mit sich selbst" sind nur einige seiner Kernpunkte. Was das bedeutet, erklärte er so: "Wie stelle ich mir vor, wie ich mich fühle, wenn ich gerade dieses Stück spiele?". Das klingt wie das genaue Gegenteil dessen, was die unausrottbare Spezies der Eislaufmuttis ihrem musizierenden Nachwuchs Mantra-mäßig eintrichtert: Üben, üben, üben bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Frühwirth plädierte leidenschaftlich für "das Verspielte im Üben". Gamification nennt er das und sagt: "Irgendwann musst du kapieren, dass Üben auch Spaß macht". Nur so lasse sich "die Sprache des Klangs" trainieren.

Mit hochkarätigen Dozenten erarbeiteten die Gruppen Stücke für Konzerte.

(Foto: OH)

Diesem Ziel hat sich auch die Community Music verschrieben. Sie will jedem Menschen die Teilhabe an Musik ermöglichen und bedient sich dabei eher unkonventioneller Methoden. Welche das sind, ließ sich beim Workshop "Community Music" mit Teilnehmern im Alter von sieben bis 81 Jahren gut beobachten. Wie zündet man beispielsweise lautmalerisch ein Streichholz an? Wie fühlt und hört sich das an? "Wie ein verstimmter Chor", meinte ein Bub, der gerade seine ersten Erfahrungen mit Body-Percussion gemacht hatte. Klingt lustig, war es auch. Noch lustiger und zugleich ernsthaft-konzentriert wurde es in Sachen "Tulpenzwiebel", einem Gedicht, das dem Frühlingserwachen unter und auf der Erde gewidmet ist. Die Aufgabe war, dieses Stückchen Lyrik in Musik zu übersetzen - mit Instrumenten, mit der Stimme, mit vollem Körpereinsatz. Ein schwieriger Auftrag? Keineswegs, wenn man als Gruppe zusammenarbeitet, seine Fantasie spielen lässt und erst gar keine Berührungsängste aufkommen. Kein Wunder also, dass die zehnjährige Ini begeistert war. "Ich habe den Workshop zu Ostern geschenkt bekommen", erzählte sie. Lara hat dagegen ihren Vater Ulrich gleich mitgebracht. Sie war schließlich bereits 2017 beim ersten Workshop dieser Art in Altomünster dabei. Viele Instrumente kennenzulernen sei sonst nur in Musikschulen möglich. "Und davon gibt es ja im Landkreis nur eine in Karlsfeld, was sehr schade ist", sagte ihr Vater. Tilo (7) und Julian ("fast 8") ließen sich völlig ins Abenteuer Musik fallen. "So was macht richtig mutig", sagte Tilo. Und Julian fand: "Selbst das Einsingen ist cool". Dem konnten drei jeweils rund zehn Jahre ältere Teilnehmer nicht unbedingt zustimmen. Sie hätten sich "was anderes" erwartet, sagten sie übereinstimmend. Ja, was denn? "Eher so Improvisieren mit unseren Instrumenten". Hätten sie haben können, beispielsweise bei Andrea Friedhofens Improvisations-Workshop. Jacqueline Burckhardt dagegen strahlte. Für sie sei der EUMWA "der Auslöser für einen Berufswechsel von der Informatikerin zur Organistin und Chorleiterin gewesen", erzählte sie. "Hier habe ich erfahren, wie anders Hören, anders Lernen geht. Und das auch noch ganz unverkrampft." Und dass sie ganz viele neue Erfahrungen und Erlebnisse mitnehme."

Musik kann jeder machen - das haben die Teilnehmer des Workshops Community Music gelernt.

(Foto: Toni Heigl)

Das lässt sich auch vom hochkarätigen Abschlusskonzert und dessen unglaublicher Progammvielfalt sagen. Sie reichte von Haydns "Zigeunertrio" bis zu "Erwachen", einer Eigenkomposition der Geigerin Ralitsa Bogdanova, von Schumanns "Mondnacht", dem Non plus ultra der romantischen Liedkunst, bis zu "Exil", dem aufrüttelnden, 1917 entstandenen Oktett des belgischen Komponisten Eugène-Auguste Ysaÿe. Noch viel, viel länger hätte man in diesen musikalischen Kosmos eintauchen mögen, hätte auf Klangteppichen in himmlische Sphären entschwinden können, wäre angesichts der solistischen Virtuosität von Sängern und Instrumentalisten nur zu gerne immer wieder in Schnappatmung verfallen. Und der schon genannte Wilhelm Busch? "Musik ist angenehm zu hören, heute könnte sie ewig währen", hätte er womöglich geschrieben, statt untergründig deren Ende herbeizuwünschen.