Mord am Dachauer Amtsgericht Traumatische Bilder

Vor zehn Monaten wurde ein junger Staatsanwalt im Dachauer Amtsgericht ermordet. Wenn am Montag der Prozess gegen den Todesschützen beginnt, werden die Augenzeugen erneut mit dem schrecklichen Geschehen konfrontiert.

Von Daniela Gorgs

- Als der Dachauer Polizeisprecher Michael Richter neulich Zeitungsberichte dokumentierte, stieß er auf ein Foto, das nach dem Mord im Gerichtssaal Tageszeitungen und Internetportale beherrschte. Das Bild zeigt den Abtransport des schwerverletzten Staatsanwaltes. Die ganze Dramatik des Vorfalls, der die Justiz erschüttert hat, steht den Sanitätern und Polizisten ins Gesicht geschrieben. Richter zeigte das Foto vor ein paar Tagen seinem Kollegen, der als einer der ersten Einsatzkräfte am Tatort war. Spontan hatte der Polizist den Sanitätern geholfen, war, die Infusionsflasche haltend, neben der Rettungsliege hergelaufen.

Der Polizist sah das Foto - und der Einsatz am 11. Januar dieses Jahres spulte sich in seinem Kopf ab. Zwei Minuten nach den Schüssen war der Polizeiobermeister mit seinem Kollegen am Tatort. Er half den Sanitätern, lief neben der Trage her, begleitete den Staatsanwalt bis an den OP-Tisch. Dann stand er unter Schock, als er Minuten später vom Tod des Juristen erfuhr. "Ich war sozusagen live dabei, wie er verstorben ist", sagt er. Darüber hinweggeholfen habe ihm das tägliche Gespräch mit vertrauten Kollegen.

Der Mord an dem 31-jährigen Staatsanwalt Tilman Turck während der Urteilsverkündung im Dachauer Gerichtssaal C ist jetzt knapp zehn Monate her. Wenn von kommendem Montag an dem Angeklagten der Prozess vor dem Landgericht München gemacht wird, werden allein in Dachau viele Menschen wieder mit den schrecklichen Geschehnissen konfrontiert werden. Auch der Wachtmeister, der in den Gerichtssaal eilte, nachdem er fünf, sechs Schüsse gehört hatte. Die Bilder sind präsent, wenn er in dem Gerichtsgebäude am Schlossberg Saal C aufsperrt. Vor dem inneren Auge sieht er eine Augenzeugin ins Wachtmeisterzimmer flüchten, sieht den Angeklagten auf dem Boden liegen, niedergestreckt von zwei Zollbeamten, die als Zeugen im Prozess ausgesagt hatten. Der Wachtmeister schmiss sich noch zusätzlich auf den Schützen. Detailliert erinnert er sich daran, wie Richter Lukas Neubeck und der Protokollführer nach dem Vorfall apathisch und in Schock durch das Foyer gingen. Die beiden hatten sich unter den Tisch geduckt, als der Angeklagte auf sie zielte. Auf den ersten Blick, erinnert sich der Wachtmeister, sahen die Verletzungen des Staatsanwaltes nicht lebensbedrohlich aus. Als dann aus dem Krankenhaus die Nachricht über seinen Tod eintraf, brach auch der Wachtmeister zusammen. Dabei, sagt er, sei er als ehemaliger Feuerwehrmann nicht zartbesaitet.

Zehn Monate sind vergangen. Eine Zeit, in der Druck und Routine im Alltag eines Amtsgerichts das Geschehen weitgehend zugedeckt haben. Doch Klaus Jürgen Sonnabend, Direktor des Amtsgerichts, beobachtet seine Mitarbeiter sehr aufmerksam. Er hat eine besondere Fürsorgepflicht für sie. Und zwei würden ihm derzeit nicht so gut gefallen. Näher ausführen möchte er seine momentanen Eindrücke allerdings nicht. Am Morgen nach dem verhängnisvollen Dienstagnachmittag versammelte Sonnabend sein Team um sich. Alle waren da, tauschten sich mit den befreundeten Kollegen und einer Polizeipsychologin aus. Alle kehrten an ihren Arbeitsplatz zurück. Nur der Gerichtsschreiber bat um eine Versetzung und arbeitet seit Mai in München in der IT-Abteilung. Richter Neubeck blieb. Drei Wochen später führte er bereits wieder Verhandlungen, souverän und munter wie eh und je. "Natürlich denke ich immer wieder an den Tag - nicht nur jetzt, wo die Verhandlung ansteht."

Der Wachtmeister sagt, aus den Gesprächen mit den Kollegen habe er Kraft geschöpft. Er habe sich, wie die meisten anderen, der Situation gestellt und sei darüber hinweggekommen. Eine große Hilfe, das Erlebte zu verarbeiten, sei der Umzug in das neue Gebäude gewesen, sagt Sonnabend. Vier Tage nach den Todesschüssen zog das Strafgericht an seinen alten Ort, in das frisch sanierte Gebäude an der Schlossgasse, zurück. Saal C im Gebäude am Schlossberg wird seit dem 11. Januar nicht mehr als Strafgerichtssaal verwendet. "Die Situation Angeklagter gegenüber Staatsanwalt wird es dort nie wieder geben", sagt der Gerichtsdirektor. Auch wird nie wieder jemand, ohne durchsucht zu werden, in eines der drei Gerichtsgebäude in Dachau gehen können. Nach dem Mord in Dachau verschärfte das Justizministerium die Sicherheitsvorkehrungen und stockte das Personal auf. An allen bayerischen Amtsgerichten werden die Besucher seitdem kontrolliert. Es wurden Drehkreuze, Eingangsschleusen und Metalldetektoren installiert. Gerichtsdirektor Sonnabend ist froh über den 180-Grad-Wandel der Politiker: "Wir sind keinen Waffen mehr ausgesetzt." Sechs Wachtmeister und zwei private Sicherheitsdienstleute kontrollieren in Dachau. Dort werden die Umbauten in den drei Gerichtsgebäuden bis zur Gedenkfeier am 11. Januar 2013 verfeinert. Dafür zahlt das Ministerium noch einmal mehrere hunderttausend Euro, sagt Sonnabend.

Den Prozess werden wohl viele Dachauer verfolgen. Auch die Polizei. Dass ein so schweres Verbrechen selbst für einen Polizisten kein Alltag ist, weiß Polizeisprecher Richter. Und weil auch eine Zeugenaussage in so einem Fall eine außergewöhnliche Situation ist, wird er seine Kollegen zum Prozess begleiten.