Lehrerhaus Niederroth Gymnasiasten präsentieren ihre Kunstwerke

Durch den morbiden Charme der Ausstellungsräume bekommt die Schau einen besonderen Reiz.

Von Robert Stocker, Markt Indersdorf

Es ist ziemlich dunkel im alten Lehrerhaus in Niederroth. Die Besucher tasten sich vorsichtig durch Gänge und Räume. Der Strom ist gerade ausgefallen - ausgerechnet jetzt, kurz vor der Vernissage einer Kunstausstellung, die Indersdorfer Gymnasiasten gestaltet haben. Doch Gemeinderat und Jugendreferent Paul Böller fackelt nicht lange. Der Bauunternehmer, der mit Indersdorfer Mittelschülern das Lehrerhaus saniert, hat flugs ein Notstromaggregat organisiert, das wieder Licht ins romantische Dunkel bringt. Denn was nützen die schönsten Exponate, wenn sie nur schemenhaft zu erkennen sind. Das wäre ziemlich schade gewesen. Schließlich haben sich die Gymnasiasten der Q 12 im Praxis-Seminar Kunst mit der Ausstellung "Helter Skelter" viel Mühe gemacht.

Die Schüler haben nicht nur die Exponate geschaffen. Sie waren für das gesamte Projekt verantwortlich, von der Planung über die Realisation bis hin zur Werbung. Die Schüler des Abiturjahrgangs 2015/16 richteten die Räume im Lehrerhaus für die Ausstellung her, dekorierten sie, besorgten Lampen und hingen die Bilder auf. Sie hämmerten, klebten und strichen sogar eine Wand in der Farbe Pink - so wird ein Raum Teil eines Kunstwerks. "Zweck des Praxis-Seminars war es, die künstlerischen Fertigkeiten der Schüler in ihrer großen Vielfalt herauszukitzeln", sagt Seminarleiterin und Kunsterzieherin Patricia Melzl. "Dabei steht die Selbstständigkeit der Schüler im Vordergrund."

Den "Tour d' élastique" hat Lea Ulbrich in Puzzlearbeit zusammengesetzt. Ihr Eiffelturm besteht aus bunten Gummibärchen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Was Gestaltung und Konzeption der Ausstellung angeht, hatten die Gymnasiasten also freie Hand. Und diesen kreativen Spielraum nutzten sie. Die Voraussetzungen dafür sind im Niederrother Lehrerhaus ideal. Das Gebäude wird derzeit von Grund auf saniert, Böden werden herausgerissen und Fenster erneuert. Von den Wänden ist der alte Putz abgeschlagen. Die Ausstellungsräume haben somit einen eigenen Charme - etwas morbide, aber unkonventionell. Und sie haben einen großen Vorteil: Noch kann man darin nach Herzenslust schalten und walten. Das Loch für einen Bilderhaken an der falschen Stelle gemacht? Kein Problem, dann werden eben andere Löcher gebohrt, bis es passt. "Und in welchen Räumen kann man für eine Ausstellung eine Wand anstreichen?", fragt Stefan Allmann, der an der Indersdorfer Mittelschule Kunst-Workshops leitet und mit seinen Schülern auch im Lehrerhaus arbeitet. Über Allmann kam auch der Kontakt zum Gymnasium zustande - seine Tochter Ana ist Teilnehmerin des Praxis-Seminars Kunst und zeigt in der Ausstellung Holzskulpturen. Die Schau ist übrigens die erste im Lehrerhaus. Wenn die Sanierung beendet ist, sollen dort regelmäßig Ausstellungen stattfinden.

Große Vielfalt

Die Vielfalt der gezeigten Werke ist groß. Die Palette umfasst Malerei und Plastiken, Collagen und Fotografien, Graffiti und sogar eine Videoinstallation. Das Spektrum reicht von konventionell bis experimentell. Louisa Gattinger hat die Indersdorfer Klostertürme in Acryl gemalt, die in einem knallbunten, fiktiven Umfeld stehen. Von ihr stammt auch die Installation "Barbieque", zerstückelte Gliedmaßen einer Puppe, die sie mit einer roten Paste auf einem Teller drapiert hat. "Ich will zeigen, wie Frauen als Modepüppchen ausgeschlachtet werden", erklärt die Künstlerin. Lea Seidler zeigt unter dem Titel "Gray Matter" Bleistiftzeichnungen, Hanna Salzberger Linoldrucke mit klassischen Motiven wie dem Dachauer Schloss und der Pfarrkirche Sankt Jakob. "Grimm ist in" nennt Melissa Heiß ihre Fotografien, auf denen sie Märchenmotive inszeniert. Andreas Rieger hat sich mit einem Comic auseinander gesetzt, Tanja Weber machte Nahaufnahmen von Rauchschwaden, die wie bewegte Figuren aussehen.

Dornröschen mit der Spindel ist eines der Märchenmotive, die Melissa Heiß fotografisch in Szene setzt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Im selben Raum (dem mit der pink gestrichenen Wand) hängt das Bild "Idee" von Anja Albrecht, auf dem sie Gesichtskonturen mit Hilfe von Nägeln verdeutlicht. Sarah Wagner und Jennifer Müller haben ein knallbuntes Graffiti an die Wand gesprüht. Es zeigt schmelzende Eiskugeln, die fröhliche und traurige Gesichter haben. Melanie Manzinger hat ein Kleid entworfen, das Clarissa Stegemeyer als Model auf Fotos vorführt. Sehenswürdigkeiten aus dem Landkreis fotografierte Jennifer Stegner für ein Collagenbuch, Marlene Mayer stilisiert auf ihren Bildern Herbst und Winter. Für Filmkunst interessiert sich Florian Feilmeier. In seinem Video "Moving München" zeigt er Szenen aus der Stadt im Zeitraffer. "Viele haben eine Richtung ausgewählt, für die sie auch berufliches Interesse haben", sagt Seminarleiterin Melzl.