Lesung in der KZ-Gedenkstätte Ein vergessener Fernsehstar

Mit den Mitteln des Show-Business klärte Fritz Benscher nach dem Krieg die Deutschen über die Verbrechen der Nationalsozialisten auf. Er hatte selbst mehrere Konzentrationslager überlebt. Die Hamburger Wissenschaftlerin Beate Meyer erforscht sein Leben

Von Thomas Altvater, Dachau

Müsste man Fritz Benscher, einen der größten Entertainer der Nachkriegszeit, beschreiben, dann am besten mit einem Zitat, das von ihm selbst stammt: "Mein Vater hatte etwas gegen das Theater, deshalb ging ich hin. Ich wollte etwas Wallung in das ruhige Familienleben bringen." Im Laufe seines Lebens brachte Benscher nicht nur Unruhe in die eigene Familie. Er schaffte es auch immer wieder, in Rundfunk und Fernsehen zu provozieren und humorvoll auf seine eigene Geschichte aufmerksam zu machen, an der er am Ende zerbrach. Dies zeigt eine differenzierte Studie der Wissenschaftlerin Beate Meyer vom Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden, die sie nun im Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau vorstellte. Benscher war von den Nationalsozialisten unter anderem im Dachauer Außenlager Kaufering gefangen gehalten worden.

Fritz Benscher war Jude. Geboren 1904 in Hamburg, sollte er nach einer Lehre in den Ledergroßhandel seines Vaters einsteigen. Doch Benscher bemerkte früh sein Talent zur Schauspielerei und Unterhaltung, und engagierte sich in verschiedenen Theatern. Als die Nazis im Jahre 1933 die Macht ergriffen, flohen seine Eltern. Benscher übernahm einige Jahre später die väterlichen Firma, die jedoch nach kurzer Zeit arisiert wurde. Benscher schulte zum Tischler um. Und zimmerte Särge für die ersten Opfer des Holocausts. Im Juni 1943 wurde er, damals 39 Jahre alt, in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort hatte er Glück im Unglück. Er konnte sich einer Gruppe sogenannter Freizeitgestalter anschließen, die von den SS-Wachen zuerst verboten, dann geduldet und später sogar erwünscht waren. Dem schlimmen Alltag im Lager entzog er sich so ein wenig. Doch bereits ein Jahr später wurde er in einem der ersten Transporte ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und von dort später in eines der Außenlager des KZ Dachau, nach Kaufering.

Die Recherche über Fritz Benschers Leben und Wirken war für Beate Meyer eine Herausforderung: "Obwohl er so bekannt war, gibt es keine gute Quellenlage", erzählt sie. Ihren Vortrag im Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte untermalt sie immer wieder mit Radio- und Fernsehmitschnitten aus der Zeit Benschers.

(Foto: Niels P. Joergensen)

In Kaufering schlief er mit den anderen Häftlingen in Erdhütten. Das Stroh, das ihnen als Bett diente, mussten sie bereits nach wenigen Tagen entsorgen, wegen des vielen Ungeziefers. Fortan lagen sie auf dem nackten, feuchten Boden. Oft standen Benscher und die anderen Häftlinge noch vor Tagesanbruch stundenlang auf dem Appellplatz.

Dennoch: Seine Leidenschaft, andere Menschen zu unterhalten, konnte er auch in Kaufering nicht verbergen. "Er hat dort, so heißt es, einen oder mehrere bunte Abende für die Häftlinge organisiert", erzählt Meyer. Auch sein spielerischer Umgang mit Zahlen, Namen und Daten wird in den Akten, die Meyer in ihrer Studie ausgewertet hat, deutlich. Im KZ Dachau gab er an, 1909 geboren zu sein. Im Eintrag in das Häftlingsbuch in Kaufering steht, er sei erst im Jahre 1919 zur Welt gekommen. Auch, wie er nach seiner Befreiung 1945 zum Radio München kam, gibt es verschiedene Überlieferungen. Über all dem steht das Talent Benschers zur Vielseitigkeit, zur Verwirrung und Provokation.

Benscher wollte, als Links-Eingestellter und KZ-Überlebender, stets auf sein Schicksal aufmerksam machen. Er war einer der wenigen, die dies zu Konrad Adenauers Zeiten öffentlich ansprachen. "Dabei tat er das nie als Überlebender des Holocausts, sondern immer als eine Art Erzähler, mit einer gewissen Distanz", erklärt Meyer. Beim Radio München, dem Vorläufer des Bayerischen Rundfunks, hatte er dafür schließlich die richtige Plattform. Er verschrieb sich der sogenannten Reeducation, der demokratischen Bildungsarbeit durch die Alliierten. Der Sender war dabei "Benschers Schutzraum", wie Meyer betont. Oft stieß Benscher mit seinen Aussagen auf Widerstand. Redeverbote und Klagen prägten sein Berufsleben, was ihn sehr belastete. Die Jahre im Konzentrationslager verfolgten ihn. Benscher litt an Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Kopfschmerzen. 1957 brach Benscher zusammen, er erlitt einen Herzinfarkt. Während seines Aufenthalts in einem Hamburger Sanatorium, schrieb seine Frau weiter an Benschers Manuskripten. Er wollte im Geschäft bleiben. Kurz nachdem er genesen war, begann Benscher das damals beliebte "Tick-Tack-Quiz" zu moderieren, und schaffte es damit sogar ins Hauptprogramm der ARD. Seine lockere, schlagfertige Art machte ihn schnell zu einem Publikumsliebling. Doch seine jüdische Herkunft blieb einigen Zusehern nicht verborgen. Benscher erhielt bis zu seinem Tod viele antisemitische und rassistische Zuschriften. 1970 starb Benscher an einem zweiten Herzinfarkt.

Fritz Benscher überlebte den Holocaust und machte nach dem Krieg als Rundfunk- und Fernsehstar Karriere.

(Foto: Privat)

Nach seinem Tod geriet Fritz Benscher in Vergessenheit. Durch Zufall stieß Meyer in den Neunzigerjahren auf Benscher und sein Schaffen in der Nachkriegszeit. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in München inspirierte sie schließlich, die Biografie des KZ-Überlebenden und Fernsehstars Fritz Benscher zu schreiben.

Das Buch "Fritz Benscher - Ein Holocaust-Überlebender als Rundfunk- und Fernsehstar in der Bundesrepublik" ist im Wallstein-Verlag erschienen und für 24,90 Euro erhältlich.