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Warum Karen Breece "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein", die Theatergroteske von KZ-Häftlingen, neu aufführt - und wie sie das Stück inszenieren will.

Von Helmut Zeller

Max Mannheimer, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees (CID), hat sofort nach einer Rolle für sich gefragt - seine und die begeisterte Reaktion anderer ehemaliger KZ-Häftlinge bestätigten Karen Breece in ihren Plänen für ein außergewöhnliches Theaterprojekt. Die Regisseurin bringt im Juli "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein oder Ritter Adolars Brautfahrt und ihr grausiges Ende" auf die Bühne. Hinter dem weitschweifigen Titel im Stil der Gothic Novel verbirgt sich ein Stück, das dem erinnerungspolitischen Diskurs in Dachau eine neue Dimension erschließen könnte. Das Theaterstück wurde von Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau geschrieben und als verdeckte Persiflage auf Hitler aufgeführt - vor den Augen der SS-Mannschaften, die aber die Satire nicht verstanden.

Am 13. Juni 1943 fand im Konzentrationslager Dachau die wohl groteskeste Freilichttheaterpremiere des 20. Jahrhunderts statt. Der Wiener Journalist Rudolf Kalmar hatte das Stück - vordergründig ein Ritterspektakel im Stil der Tiroler Pradler Ritterspiele, bei denen traditionell viele Köpfe rollten - als verdeckte Hitler-Persiflage geschrieben. Den Adolar spielte der große Schauspieler Erwin Geschonneck. Er überlebte das KZ, wurde 1949 von Bertolt Brecht und Helene Weigel in das Berliner Ensemble geholt und später ein gefeierter Defa-Star. Die Häftlinge verstanden, wie Rudolf Kalmar in seinen Erinnerungen schrieb, die Satire auf Hitler und die Nazis, lachten von ganzem Herzen, während die SS-Männer vom Lagerkommandanten abwärts nichts begriffen und verlegen mitlachten. Diese heute fast vergessene Geschichte, von der Karen Breece 2004 erstmals hörte, hat sie nicht mehr losgelassen. Seit Anfang 2011 recherchierte sie mit Hilfe ihres Mannes, des Dachauer Kulturamtsleiters Tobias Schneider, die wissenschaftlichen Quellen und niedergeschriebenen Erinnerungen heute nicht mehr lebender Mitwirkender von damals. 2004 war die Zeit für dieses Stück noch nicht gekommen - weder für die Regisseurin, die gerade aus Burghausen hierher gezogen war, noch für Dachau. Der Wandel zu einem offenen Umgang mit der NS-Geschichte hatte nach den vielen Jahren des Verdrängens und Verschweigens erst begonnen. Und vor allem um diesen Umgang geht es bei der Aufführung des Dachauer Freilichttheaters im Rahmen des diesjährigen Musiksommers.

Das Stück der Häftlinge, ihr Auftritt im Konzentrationslager, wird natürlich nicht eins zu eins rekonstruiert. Das wäre vermessen, wie Karen Breece sagt. "Wir können auch gar nicht wissen, wie es damals war." Zehn Figuren des Stücks besetzt sie mit den Spielern ihres wahrscheinlich 14-köpfigen Ensembles, dazu kommen noch Dachauer Bürger. Aber um die geplante Aufführung liegt noch ein Geheimnis - weil die Regisseurin die erarbeitete Rahmenhandlung sich noch in den Gesprächen mit dem Mitwirkenden entwickeln lassen will. Erzählt wird vom Mut und Widerstand der KZ-Häftlinge, von der Kraft der Kunst und des Geistes, die selbst unter den Bedingungen des Terrors nicht erstickt werden konnten. Erzählt wird aber auch von den Menschen, die heute an diesem Ort Dachau leben - und das sind eben auch die Schauspieler und Bürger, die an der Aufführung mitwirken. Darunter sind auch Laien, die zur Zeit des Konzentrationslagers Kinder waren. In der Auseinandersetzung mit der Entstehungsgeschichte, den Biographien und Erinnerungen an die Aufführung von 1943 stellen sich die Schauspieler ihrem eigenen Umgang mit der Geschichte und formulieren ihre Fragen an sie. Karen Breece geht es - ohne Betroffenheit schüren zu wollen - um die menschliche Seite: Wie gehen die Dachauer heute mit der Vergangenheit um, wie hat sie das Leben in der Stadt geprägt? Diese Frage stellt die Künstlerin aus der Perspektive einer Dachauerin, als die sie sich heute fühlt. Auch andere künstlerische Auseinandersetzungen, etwa Ausstellungen der KVD, waren dem Verhältnis zur NS-Geschichte Dachaus gewidmet. Aber erstmals werden auf der Bühne Dachauer ihre Gefühle und Gedanken dazu ausdrücken. Auch deshalb dürfte das Theaterprojekt zu einem der spannendsten in der Stadt seit langem werden. "Dieses Stück kann nur durch Dachauer und an diesem Ort gespielt werden", meint Karen Breece. Dabei vermeidet die Regisseurin klug den Versuch, einer Theaterproduktion die Autorität eines authentischen Zeugnisses zu geben. Über das Stück als historische Quelle thematisiert sie vor allem das Wie der Erinnerung an die Geschichte.

Das von ihr 2008 gegründete Freilichttheater mit Schauerspielern des Theaters am Stadtwald, der Thoma-Gemeinde und D'Etzahauser Theatra, hat der Stadt schon zwei bemerkenswerte Aufführungen geschenkt: Shakespeares "Romeo und Julia" und 2010 Kleists Komödie "Der zerbroch'ne Krug" mit einer herausragenden Ingrid Zellner als Richter Adam. Zwischenzeitlich hat Karen Breece an der Inszenierung der "Perser" von Johan Simons und an der Theaterinstallation "Dunkelkammer" von Dries Verhoeven an den Münchner Kammerspielen mitgewirkt.

Auch was den Spielort betrifft, geht die Regisseurin neue Wege: "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein" wird auf dem Gelände der historischen Papierfabrik gespielt. Die Wahl des Spielorts ist für Karen Breeze, deren Verständnis von Theater sich im Site-Specific-Theatre bündelt, von entscheidender Bedeutung. Von ihm hängt das ganze Projekt ab - vor allem bei einem zeitgeschichtlichen Stoff. Der Platz vor dem Rathaus wäre nicht geeignet, eine Theateraufführung in der KZ-Gedenkstätte unangemessen. Die Eigenschaften des Orts fließen in das Spiel ein. Das passende Ambiente bietet eigentlich nur ein Ort: die Industriebrache auf dem MD-Areal mit ihren düsteren Fabrikhallen und verlassenen Gebäuden. Aber das soll nicht die einzige Überraschung sein, verspricht die Regisseurin.

"Die Blutnacht auf dem Schreckenstein oder Ritter Adolars Brautfahrt und ihr grausiges Ende" - Ein Theaterstück aus dem Konzentrationslager Dachau. Premiere: Donnerstag, 5. Juli 2012, 20.30 Uhr auf dem MD-Gelände, Ostenstraße 5 in Dachau. Weitere Aufführungen: Freitag, 6. Juli, Sonntag, 8. Juli. Karten zu 12/8 Euro zuzüglich Vorverkaufsgebühr, erhältlich seit 2. Februar bei allen Vorverkaufsstellen von MünchenTicket.