Landkreis Dachau Boom der Seelenärzte

Die Praxen der Psychotherapeuten sind brechend voll - obwohl ihre Zahl sprunghaft gestiegen ist und der Landkreis rechnerisch überversorgt ist.

Von Sophie Burfeind

Von Sophie Burfeind In der Ecke steht ein großes, rotes Sofa, auf dem plüschige Teddybären und Kuschelhasen sitzen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Kindern. Wie ein gemütliches Spielzimmer sieht es aus in Bettina Naumanns Praxis. Doch die Kinder und Jugendlichen kommen nicht zum Vergnügen her, sondern mit psychischen Problemen. Um über Sorgen und Ängste zu sprechen. Im Juni 2011 eröffnete die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin ihre Praxis in Dachau - nach wenigen Wochen war sie ausgebucht. Bis zu einem halben Jahr müssen ihre Patienten warten, um einen Termin bei ihr zu bekommen. Bettina Naumann ist die letzte der insgesamt 77 Psychotherapeuten, die sich im Landkreis Dachau niedergelassen haben. Einige Kilometer Luftlinie entfernt befindet sich die Praxis von Michael Raisch. Er ist einer der ersten Psychotherapeuten in Dachau, der sich 1996 im Landkreis niederließ. Raisch ist für Erwachsene zuständig. Als sich die Zahl seiner Kollegen von 1999 an innerhalb weniger Jahre verzehnfachte, hatte er Angst um seine Existenz: "Aber die Befürchtung, unsere Türen schließen zu müssen, hat sich nie bewahrheitet. Wir haben alle lange Wartezeiten und Wartelisten." Trotz der vermeintlich hohen Therapeutendichte sind die Praxen im Landkreis voll. Übervoll sogar, denn im Schnitt muss ein Patient im Landkreis 9,5 Wochen auf ein psychotherapeutisches Erstgespräch warten. Lange Wartezeiten für einen Planungsbereich, der mit seinen 77 Psychotherapeuten für 136 801 Einwohner auf dem Papier mit 576,2 Prozent überversorgt ist. Die rechnerische Überversorgung, wie sie Dachau vom Gemeinsamen Bundesausschuss, der für die psychotherapeutische Bedarfsplanung zuständig ist, zugeschrieben wird, hat jedoch nichts mit dem realen Bedarf zu tun. Darin sind sich zumindest Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), die Psychotherapeutenkammer (PTK) und die befragten Dachauer Psychotherapeuten einig. Um den explosionsartigen Anstieg der Psychotherapeuten verstehen zu können, muss man genau 13 Jahre zurück blicken. In das Jahr 1999: Im September wurde damals bundesweit das sogenannte Psychotherapeutengesetz verabschiedet. Die zu dem Zeitpunkt niedergelassenen Psychotherapeuten wurden dabei gezählt und als Soll für eine hundertprozentige Versorgung angenommen. Bezirke mit vielen Psychotherapeuten wurden für Neuzulassungen gesperrt. Die Landeshauptstadt München war einer dieser Bereiche. Dachau konnte im Jahr 1999 nur wenige Psychotherapeuten aufweisen und blieb als einer der letzten Planungsbereiche offen für Neuzulassungen: Also eröffneten viele, die sich in München nicht mehr niederlassen konnten, im Landkreis (vor allem in Dachau und Karlsfeld) ihre Praxis. Die rasante Zunahme innerhalb weniger Jahre hat damit schlicht und ergreifend einen formalen Grund. Die Psyche ist ein Dauerthema in den Medien, ständig ist von Burn-Out und Depressionen die Rede, von einer immer kranker werdenden Gesellschaft, mit einer "gigantischen Seelenheilindustrie" (Welt am Sonntag). Dabei gibt es bundesweit keine repräsentativen Studien, ob psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sowie bei Erwachsenen tatsächlich zugenommen haben, lediglich Eindrücke und Erfahrungswerte. Sicher ist nur, dass die Anzahl der Behandlungsfälle deutlich zugenommen hat, wie im "Gesundheitsreport Bayern" (2011) vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit dokumentiert wird. Der Studie zufolge leiden heute etwa vier Millionen Menschen in Bayern an psychischen Erkrankungen. Bezogen auf die gesamte Lebenszeit ist schätzungsweise die Hälfte der Bevölkerung betroffen; Frauen sind anfälliger als Männer. Dennoch geht die Mehrzahl der Fachärzte laut Gesundheitsreport Bayern davon aus, "dass die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt zugenommen haben und häufig auch zu psychischen Erkrankungen beitragen". Auch von Seiten der AOK, der größten Krankenkasse im Landkreis, wird dies als Erfahrungswert bestätigt. Insbesondere Mobbing am Arbeitsplatz oder Burn-Out durch Überlastung seien zunehmend Gründe, sich in eine psychotherapeutische Praxis zu begeben, lautet die Auskunft von Walter Kett, Assistent der Geschäftsleitung der AOK in München. "Wir haben den Eindruck, dass sich der Strukturwandel im Ballungsraum München besonders bemerkbar macht - besonders im Bereich Schule, Beruf und Beziehung nehmen die Fälle zu." Der Schulalltag scheint nämlich ebenso stressig zu sein wie das Berufsleben. Ist doch nach dem bundesweit durchgeführten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS) des Robert-Koch-Instituts "davon auszugehen, dass Kinder und Jugendliche psychische Probleme in ähnlicher Größenordnung wie Erwachsene aufweisen". Darin zu lesen ist außerdem, dass die psychischen Auffälligkeiten in der Grundschule zunehmen. Bettina Naumann macht dieselbe Beobachtung: "Wenn man den Eltern glaubt, werden heute in der dritten Klasse schon Sachen verlangt, die früher in der vierten oder fünften Klasse dran kamen." Außerdem verstärke sich speziell durch das G8 der Druck in der Schule. Der KIGGS-Studie zufolge sind Kinder aus benachteiligten Familien allgemein "häufiger betroffen als Kinder aus Familien mit hohem Sozialstatus. Auch Kinder mit Migrationshintergrund sind häufiger auffällig". "Das kann an der kulturellen Historie, an Integrationsproblemen und an der Schichtzugehörigkeit liegen", erklärt Heike Hölling, Leiterin der KIGGS-Studie Welle 1. "Bei allen Kindern ist festzustellen: es gibt einen Zusammenhang zwischen Bildungsstatus der Familie und Häufigkeit von psychischen Auffälligkeiten bei Kindern." Gefährdete Kinder zeigten öfter Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), antisoziales Verhalten oder hätten Probleme mit Gleichaltrigen. Obwohl Kinder und Jugendliche offenbar einen ähnlich hohen Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung wie Erwachsene haben, gibt es im Landkreis nur eineinhalb niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Dass die meisten der jungen Patienten wegen der Schule nur Nachmittagstermine wahrnehmen können, verlängert die Wartezeiten zusätzlich. Hinzu komme, dass Schulen die Eltern bei Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder schneller drängten, zu handeln. "Es bildet sich das Bewusstsein, dass die zu behandelnden Probleme umso weniger gravierend sind, desto eher man eingreift," sagt Naumann. Das bemerkt auch Michael Raisch: Die lange Zeit verbreitete Ansicht, dass eine Psychotherapie Ausdruck maßloser Schande und Schwäche sei, weiche einem reflektierteren Umgang mit der eigenen Psyche. Das merke er insbesondere daran, dass vermehrt ältere Menschen zu ihm kommen: "Die haben früher gesagt: Ich bin doch nicht verrückt!" Ungefähr drei Monate muss man bei ihm auf einem Termin warten. Die langen Wartezeiten sind nicht nur eine Belastung für den Betroffenen: "Die Leute kommen aus einer Notsituation heraus, manche sind selbstmordgefährdet. Dann zu sagen, Sie müssen drei Monate warten - da blutet mir das Herz." Als "Trend" würde Raisch die zunehmende Nachfrage an Psychotherapien daher nicht bezeichnen. Wobei ein Therapeut auch weniger schwere Fälle behandeln müsse, "sieben Stunden am Tag nur schwere Fälle zu behandeln, wäre überfordernd. Dann wäre ich selbst bald bei einem Therapeuten." Fazit: Die Nachfrage und die gesellschaftliche Akzeptanz psychotherapeutischen Behandlung steigt. Dennoch schreckten viele behandlungsbedürftige Menschen vor einer Therapie zurück, wie von Psychotherapeutenseite erzählt wird: "Eine Psychotherapie innerhalb der letzten fünf Jahre kann ein Ausschlusskriterium für viele Versicherungen sein, etwa für eine Berufsunfähigkeitsversicherung oder Lebensversicherung. Auch bei der Verbeamtung." Wie lang die Warteliste von Patienten ohne diese Hindernisse wäre, mag man sich lieber nicht ausmalen.

Probleme im Beruf und in der Schule machen immer mehr Menschen seelisch krank. Die Psychotherapeutin Bettina Naumann und ihre Kollegen erleben einen Ansturm von Patienten.

(Foto: DAH)