KZ-Gedenkstätte Dachauer Befreiungsfeier gegen die "braune Renaissance"

Vor 72 Jahren wurde das KZ Dachau befreit - eine Feier in der Gedenkstätte erinnert daran.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Vor 72 Jahren wurde das KZ Dachau befreit. Bei der Gedenkfeier sind die Redner dieses Jahr politisch wie selten.

Von Walter Gierlich, Robert Stocker und Helmut Zeller, Dachau

Mehrere Hundert Teilnehmer sind am Sonntag in die KZ-Gedenkstätte Dachau gekommen, um den 72. Jahrestag der Befreiung des Lagers zu begehen. Von 1933 bis zum 1945 erlitten mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa den Terror der SS, 41 500 überlebten die Qualen nicht oder wurden ermordet.

Besonders erinnerten in diesem Jahr alle Redner an den im vergangenen Herbst verstorbenen Max Mannheimer, den Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann als "einen der wichtigsten Mahner und Versöhner" bezeichnete. Er habe den Lernort geprägt wie kaum ein anderer.

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Selten spielte die aktuelle Politik eine so große Rolle in den Reden bei den Befreiungsfeiern wie in diesem Jahr: Verantwortlich dafür ist "die braune Renaissance", wie Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, das Wiederaufflammen "von radikalem, aggressivem Nationalismus" nannte. Auch Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, mahnte, "die Entwicklungen am rechten Rand nicht auf die leichte Schulter zu nehmen".

Jean-Michel Thomas, der Präsident des Comité International de Dachau, empörte sich darüber, dass ein AfD-Politiker das Holocaust-Mahnmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet und der türkische Präsident Bundeskanzlerin Angela Merkel Nazimethoden vorgeworfen hat. Der Holocaust-Überlebende Ernst Grube kritisierte, dass Schutz und Asyl für Flüchtlinge "nach politischen Vorgaben und Kalkül gehandhabt" würden. Er ging mit der deutschen Abschiebepraxis hart ins Gericht: "Ich protestiere an diesem Ort gegen diese menschenunwürdige Politik, gegen Abschiebungen in Elend, erneute Verfolgung, in Terror und Krieg."

Seit gut drei Jahrzehnten beschließt eine Veranstaltung am Schießplatz Herbertshausen den Gedenktag - hier wurden mehr als 4000 sowjetische Soldaten ermordet. Nur 816 von ihnen sind bislang namentlich bekannt. Der Historiker Jürgen Zarusky mahnte in seiner Rede mehr finanzielle Mittel an, um "ein ordentliches Forschungsprojekt zur Ermittlung der Namen der unbekannten Opfer dieser Mordstätte auf den Weg zu bringen".

Erinnerung an den Todesmarsch der Häftlinge

Schon am Samstag sprach Abba Naor über seine Erfahrungen. Der 89-Jährige Holocaust-Überlebende ist als Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees (CID) der Nachfolger Max Mannheimers, er will den Besuchern einen Eindruck von den Evakuierungsmärschen vermitteln. Naor war einer von Tausenden von Häftlingen, die die SS ein paar Tage vor der Befreiung in Richtung Alpen trieb. Er marschiert zum Lager hinaus, 17 Jahre alt, halb verhungert, frierend, verlaust, als ihm ein anderer Häftling seinen kostbarsten Schatz vom Kopf reißt: eine Mütze. Durch Wälder, über schmale Straßen, durch viele Ortschaften führt der Todesmarsch nach Bad Tölz.

Am Ende der Kolonne ausgemergelter, erschöpfter Männer sind immer wieder Schüsse zu hören. Die SS erschießt jeden, der nicht mehr die Kraft hat, weiterzugehen. Mindest tausend Häftlinge sterben. Naor, ein Junge aus dem litauischen Kaunas, hat nichts zu essen, er rupft Gras aus dem Boden und kaut es.

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Dann, an einem Waldrand bei Waakirchen, der Morgen der Befreiung. Die Häftlinge erwachen unter einer Decke aus Schnee, viele stehen nicht mehr auf, sie sind in der Nacht erfroren. Zwei Stunden später sind amerikanische Soldaten da. Es ist der 2. Mai 1945, der 17-jährige Naor hat überlebt: das Ghetto Kaunas, das KZ Stutthof, Dachau und zwei seiner Außenlager.

Naor sprach über seine Erfahrungen - und über den schwierigen Umgang der Deutschen mit der NS-Vergangenheit und dem Massenmord an den europäischen Juden. Erst im Jahr 2001 wurde das Todesmarsch-Denkmal in der Dachauer Gedenkstätte aufgestellt. Im oberbayerischen Gauting wurde das Denkmal bereits 1989 errichtet, an anderen Orten entlang der Strecke des Todesmarsches dauerte es dagegen gar bis 2009.