Künstlerpartnerschaft Wandgemälde für Musikfestival in Oświęcim

Der Künstler, Heiko Klohn aus Dachau, enthüllt das Zappa-Porträt am Samstag persönlich.

Von Wolfgang Eitler, Dachau/ Oświęcim

Man darf davon ausgehen, dass der Künstler Heiko Klohn noch viele Jahre zeichnen wird. Man darf hinzufügen, dass diese Nachricht zu den - kulturpolitisch gesehen - wichtigen in Dachau zählt, da eine qualitativ hochwertige Ausstellung ohne den 62-Jährigen nicht denkbar ist. Allerdings erwägt Klohn, sich mit 65 in den Ruhestand als frei schaffender Künstler zu versetzen. Womöglich würde er den Gedanken konsequent realisieren, wenn er sich nicht selbst einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Er hat kürzlich im Fachhandel online 40 Bleistifte bestellen wollen. Tatsächlich druckt er auf der Tastatur eine Null zu viel. Jetzt muss er 400 Stifte abarbeiten, was sogar bei Klohns künstlerischem Ausstoß Jahre beanspruchen dürfte.

Der Umstand, dass er sich quasi selbst eine Falle gestellt hat, führt mitten hinein in sein Werk der vergangenen 40 Jahre. Denn der permanente, alltägliche Widerspruch ist sein manchmal offensichtliches, manchmal auch hintergründiges Thema: Da denkt man ans Aufhören und ebnet irgendwie unfreiwillig den Weg ins Gegenteil. Da versucht man sich zu konzentrieren, und lässt sich von einer einzigen Fliege im Raum stören. Da soll eine Frau erotisch wirken, aber die Bewegung erstarrt plötzlich. Oder der Künstler lässt im Akt eben all die Details der Nacktheit weg.

Kunststudenten aus Krakau haben das Zappa-Porträt von Heiko Klohn realisiert.

(Foto: Heiko Klohn)

Und mitten in die Überlegungen hinein, sich eine Atempause zu gönnen, kommt ein Auftrag aus Oświęcim daher, den Klohn selbst so beschreibt: "Das erste Mal werde ich vor einem meiner Bilder stehen, das viel größer ist als ich selbst." Stimmt. An diesem Samstag enthüllt er offiziell ein Wandgemälde an einem öffentlichen Gebäude in Oświęcim, das nach seinem Entwurf entstand. Weil die Arbeit erst knapp vor Schluss fertig wurde, muss Klohn seine Flugangst überwinden. Mit dem Auto würde er die Strecke von mindestens neun Stunden nicht mehr entspannt schaffen.

Eric Clapton war auch schon da

Solche Widersprüchlichkeiten der Gefühle hat Klohn in dem Wandgemälde manifestiert. Es zeigt Frank Zappa, der heftig brüllt: "Life." Der Ausruf passt zum Anlass. Denn in Oświęcim findet jedes Jahr ein große Festival der Pop und Rockmusik mit teils internationalen Bands statt. Eric Clapton war schon da, Sting, Chris de Burgh und auch Queen. Über den überragenden Einfluss des Musikers und Komponisten Zappa nicht nur auf die Rockmusik braucht man nicht mehr viel Worte zu verlieren.

Indem Heiko Klohn ihn "Life" brüllen lässt, erhebt er den Musiker darüber hinaus zur kritischen Instanz über solche Konzerte, die sich meist als gesellige Events entpuppen. Wer Zappa jemals gehört hat, wie Klohn in den Siebzigerjahren, weiß, welche Ausdauer und Konzentration der Künstler mit den ausgefeilt kabarettistischen Kompositionen und langen Gitarrensolis dem Publikum abverlangte. Das Wandgemälde ist eine Variation von Klohns Zappa-Porträts. Die Idee dazu ist dem Künstler vor vielen Jahren auf einer Vernissage gekommen, als er eine Mutter beobachtete, die ihr schreiendes Kind anbrüllte und dabei "Ruhe" rief. Widersprüchlicher geht es nicht.

Heiko Klohn ist 62, mit 65, überlegt er, sich in den Ruhestand zu versetzen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Solche Paradoxa hat der Philosoph Paul Watzlawick in seiner berühmten Studie "Anleitung zum Unglücklichsein" erörtert. "Lass Dir nichts befehlen!" Die Aufforderung ist genau so absurd, wie der brüllende Ruf nach Ruhe oder nach Leben. Wir stehen uns ständig selbst im Weg. Heiko Klohn kennt Watzlawick. Er muss lachen. Sein gesamtes Werk lässt sich als eine satirische, sarkastische, auch melancholische und manchmal gelassene Studie über die Kommunikation mit sich selbst und mit anderen verstehen. Paul Watzlawick erzählt von einem Mann, der in die Hände klatscht. Er wird nach den Gründen gefragt. Er sagt, um Elefanten zu vertreiben. Aber es sind keine zu sehen. "Eben", sagt Mann. Eines von Klohns zentralen Motiven ist eine Giraffe, deren Hals sich eine Treppe hinunter schlängelt. Geht doch gar nicht. In der Zeichnung schon. In den vergangenen 40 Jahren ist sie zu Klohns Sinn- und Schlüsselbild geworden. Er hat die Giraffe für Oświęcim vorgeschlagen. Aber Zappa war dem Dachauer Partner-Landkreis eindeutig lieber.

Eine besondere Ehre

Klohn freut sich trotz Flugangst auf die Reise, auch wenn er als Zappa-Fan ein Konzert der Scorpions besuchen muss, weil er dafür eine Karte geschenkt bekommen hat. Auf der anderen Seite weiß er um die Bedeutung des Wandgemäldes. Jedes Jahr wählen Stadt und Landkreis in Polen einen internationalen Künstler für das Festival aus. Dieses Mal wollten sie Heiko Klohn, weil ihm der jahrzehntelange Austausch von polnischen und Dachauer Künstlern zu verdanken ist. 1989 initiierten ihn Bruno Schachtner und Heinz Eder. Klohn hat ihn gemeinsam mit dem polnischen Kollegen Paweł Warchoł fortgeführt. Erst durch diesen Austausch ist die Basis für die Partnerschaft zwischen Dachau und Oświęcim geschaffen worden. Insofern soll Klohn mit dem Wandgemälde besonders geehrt werden. Der Glückwunsch ist also erlaubt. Der Landkreis Dachau hat ihm ein Honorar von 3000 Euro für den Entwurf überwiesen. 5000 Euro erhielten Studenten der Krakauer Kunstakademie, die das Wandgemälde nach der Vorlage malten. Am Samstag ist der Landkreis gleich dreifach vertreten. Die offizielle Delegation führt Landrat Stefan Löwl (CSU) an. Der Kreisjugendring befindet sich im Jugendaustausch an Ort und Stelle. Jedes Jahr bietet der Personalrat des Landratsamts eine private Reise für Mitarbeiter an. Sie führt gerade durch das südliche Polen und am Samstag direkt nach Oświęcim.

Man darf also gespannt sein, mit welchen Glücksgefühlen Heiko Klohn von der Reise zurückgekehrt. Vermutlich ist er nur dann vollends zufrieden, wenn er weiß, ob sein Freund Paweł Warchoł eine Gegeneinladung aus Dachau bekommt. Guten Flug!