Kräutergarten Dachau Gefährdeter Erinnerungsort

Während die KZ-Gedenkstätte an einem Nutzungskonzept arbeitet, um den historischen Kräutergarten zu erhalten, will die Stadt Dachau dort Asylsuchende unterbringen - zumindest vorübergehend.

Von Helmut Zeller

Schon bisher leben Obdachlose in den Gebäuden des Kräutergartens, die eigentlich Gedenkort werden sollen.

Der "Kräutergarten", ein historisch wichtiger Ort am früheren Konzentrationslager Dachau, rottet seit Jahrzehnten still und leise vor sich hin. Die Zeit drängt: Wenn nicht bald etwas geschieht, werden die Originalbauten aus den dreißiger und vierziger Jahren, etwa die drei Gewächshäuser, zerfallen. Die KZ-Gedenkstätte arbeitet an einem Nutzungskonzept für die Erhaltung des Areals nordöstlich des ehemaligen Lagers als Gedenkort. Doch die Stadt will jetzt nach Informationen der SZ in einem der Gebäude zumindest vorübergehend Asylsuchende unterbringen. Der Verein "Zum Beispiel Dachau" und der Deutsche Alpenverein, die "Am Kräutergarten 4 a" Räume gemietet haben, müssen zum 1. März ausziehen. Der Familien- und Sozialhilfeausschuss des Dachauer Stadtrats hat in nicht öffentlicher Sitzung 270 000 Euro im Haushalt 2014 bereitgestellt: für den Umbau des Hauses.

In dem Beschluss vom 3. Juli ging es aber noch um Obdachlose. Der Hintergrund: Die Zahl der betroffenen Menschen in der Stadt steigt stark an. Im ersten Halbjahr 2013 mussten schon 38 Personen in den städtischen Unterkünften untergebracht werden. Zum Beispiel in dem Gebäudekomplex an der Freisinger Straße, der Platz für 32 Menschen bietet. Diese Obdachlosenunterkunft befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen SS-Schießplatzes. 1941 und 1942 wurden dort mehr als viertausend gefangene Sowjetsoldaten von der SS ermordet. Die Historikerin Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, will die Hinrichtungsstätte bis Mitte 2014 zu einem würdigen Gedenkort ausbauen. In nicht öffentlicher Sitzung sprach sich das Gremium dafür aus, die Obdachlosenunterkunft aufzulösen - sofern es zu Konflikten mit den Besuchern des Gedenkorts kommen sollte. Zwölf Bewohner könnten dann "Am Kräutergarten 4 a", der ehemaligen SS-Lehranstalt, Platz finden. In diesem Gebäude hatte der Müllentsorger Fink seinen Firmensitz. Die Stadt hat das Areal, das seit 1957 in ihrem Besitz ist, in den achtziger Jahren teilweise in ein Gewerbegebiet umgewandelt. Das Wirtschaftsgebäude aus dem Jahr 1939 ist erhalten. Im früheren Verwaltungsgebäude wohnen schon Obdachlose.

Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) erklärte: Es gehe nur darum, dass die Stadt im Fall der Fälle handlungsfähig sei und Obdachlosen rasch eine Unterkunft bieten könne. Außerdem seien die Umbaumaßnahmen reversibel. Es werden demnach Leichttrennwände eingebaut, die jederzeit herausnehmbar sind. Von dem historischen Charakter des Gebäudes ist laut Bürger nach den Umbauten durch die Firma Fink ohnehin nichts mehr geblieben. Das sieht Karl Hönle, Vorsitzender des Zeitgeschichtsvereins "Zum Beispiel Dachau", aber anders: Die wenigen noch original erhaltenen und denkmalgeschützten Gebäude würden unwiederbringlich zerstört, schlug Hönle in einem Mitglieder-Rundbrief Alarm. Hönle fordert, dass die historische Bausubstanz auf dem Areal erhalten bleiben müsse.

Bürgel betont ohnehin: Der Umbau des Areals zu einem Gedenkort habe absolute Priorität. Darauf drängt der OB seit langem. Die Historiker müssten ein Nutzungskonzept vorlegen, damit entsprechende Staatszuschüsse beantragt werden könnten. Gedenkstättenleiterin Hammermann hat schon 500 000 Euro beim Freistaat Bayern für eine Machbarkeitsstudie beantragt. Sie befürchte, sagte sie der SZ, die ganzen Pläne zur Erhaltung des "Kräutergartens", die Sicherung der Gebäude, eine Ausstellung, könnten jetzt obsolet werden. Das sei sehr schade, da auch die Dachauer Bevölkerung inzwischen großes Interesse an dem historischen Ort zeige. Die KZ-Gedenkstätte veranstaltete im Juni 2012 eine Fachtagung mit internationalen Wissenschaftlern. An Führungen durch das Areal nahmen Hunderte von Dachauern teil.

Es war ein Todeskommando, das Hunderte von KZ-Häftlinge nicht überlebten: Vor allem Juden sowie Sinti und Roma, insgesamt ungefähr 1200 Häftlinge, schufteten im Jahr 1941 im "Kräutergarten" des KZ. Auf Weisung Himmlers wurden von 1942 an Priester zu der Zwangsarbeit herangezogen. Auf dem am Ende 150 Hektar großen Areal produzierten die Häftlinge Kräuter im biologischen Anbau. Der Ort ist für die Forschung über Dachau hinaus von großer Bedeutung. Die Kündigung des Mietverhältnisses mit den bisherigen Nutzern begründete die Stadtverwaltung damit, dass die Räume für kommunale Pflichtaufgaben benötigt würden. Der stellvertretende Alpenvereins-Vorsitzende Kurt Allwang bestätigte der SZ: "Da sollen Asylbewerber reinkommen." Bekanntlich muss der Landkreis bis Jahresende noch viele Flüchtlinge aufnehmen.