Kloster Karmel Heilig Blut Für eine bessere Welt

Die Schwestern des Klosters Karmel Heilig Blut feiern 50. Jubiläum. Sie sind alles andere als weltabgewandt. Täglich verfolgen sie das internationale Geschehen und beten für die Menschen - sei es in Syrien, Afrika oder Deutschland

Von Anna-Sophia Lang, Dachau

Um sechs Uhr morgens beginnt der Tag der Schwestern im Karmel Heilig Blut. Dann beten sie gemeinsam das "Morgenlob". Um sieben Uhr feiern sie die Heilige Messe, von acht bis neun Uhr widmet sich jede einzeln dem stillen Gebet. Die Meditationszeit endet mit einem kleinen, gemeinsamen Gebet zum Heiligen Geist. Schon daran ist zu erkennen: Das Beten ist die Hauptaufgabe der Schwestern. So formuliert es Schwester Katharina, eine der jüngeren Schwestern im Karmel, die aus der ehemaligen DDR kommt. Wofür gebetet wird, darüber ist sie sich mit Schwester Elija und Schwester Enikö einig: "Nicht für uns selbst, sondern für die Menschen." An diesem Wochenende feiern die Schwestern das 50. Jubiläum des Klosters.

Gegründet wurde es 1964. Mutter Maria Theresia wollte neben das ehemalige KZ, "den Ort, der in der ganzen Welt als Inbegriff der Konzentrationslager gilt, den Ort, wo so viel gefrevelt wurde, wo so viele Menschen Unsagbares gelitten haben, nicht zu einer neutralen Gedenkstätte oder gar zu einem Besichtigungsort" erniedrigt wissen. So schrieb sie es in einem ihrer Briefe im Januar 1962 an Kardinal Döpfner, den sie um die Erlaubnis bat, das Kloster gründen zu dürfen.

15 Monate dauerte der Bau, den Architekt Josef Wiedemann leitete. Von September an wohnten die ersten Schwestern bereits im unfertigen Kloster, am 22. November wurde die Klosterkirche schließlich vom ehemaligen KZ-Häftling und Weihbischof Johannes Neuhäusler geweiht. Er hatte auch den Bau der Todesangst Christi Kapelle auf dem Gelände des ehemaligen KZ initiiert, die schon 1960 eingeweiht wurde. Das Kloster ist eines der jüngsten in Deutschland. Die Schwestern arbeiten auch mit der evangelischen Versöhnungskirche zusammen, die sich in unmittelbarer Nähe auf dem Gelände befindet.

Von Anfang an, erzählt Schwester Enikö, waren die Schwestern da, um "für die Menschen" zu beten. Die Menschen, das sind ehemalige KZ-Häftlinge und diejenigen, die im Lager zu Tode gequält wurden. Es sind auch Besucher der Gedenkstätte und andere, die das Gespräch mit den Schwestern aufsuchen. Viele schreiben Briefe und E-Mails oder hinterlassen in der Kirche des Klosters Zettel, auf denen sie ihre Anliegen formulieren. Nöte und Sorgen, Ängste und Zweifel schreiben sie dort auf, erzählen die drei Schwestern, und bitten, dass für sie gebetet wird. "Die Liebe spielt oft auch eine Rolle", erzählt Schwester Elija und lacht. "Dass Paare sich finden, oder mit Kindern gesegnet werden." Schon öfter kamen Leute nach einiger Zeit zu den Schwestern und erzählten, dass "es geklappt hat".

Andere, welche die Schwestern in ihre Gebete einschließen, leben in aller Welt. In der Ukraine und in Syrien, in Nigeria, Israel und Palästina - in Krisengebieten und überall dort, wo Menschen in Not sind. "Es geht uns nicht nur um das, was in der Vergangenheit passiert ist, sondern auch um heutige Konflikte", sagt Schwester Katharina. Jeden Abend pünktlich um 20 Uhr versammeln sich die Schwestern, die wollen, um die Tagesschau zu sehen. Schon davor, beim Abendessen, gibt es eine Tischlesung mit Aktuellem aus der Zeitung.

Priorin Schwester Irmengard, Schwester Enikö, Schwester Katharina und Schwester Elija (von links nach rechts).

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Und die Geschichte des Konzentrationslagers? Es soll "nicht nur Museum, sondern auch Stätte des Gebets sein", sagt Schwester Enikö und greift damit auf die Intention der berühmten Gründerin zurück. Ein einziger Durchgang führt durch eine der ehemaligen Lagermauern. Es ist der Eingang ins Kloster, gegenüber liegt die Klosterkirche. Dort können Besucher der Gedenkstätte beten und das, was sie im ehemaligen KZ gesehen und gefühlt haben "ablegen", wie Schwester Katharina sagt. Viele Menschen kommen dorthin, verharren für einen Moment, schreiben ihr Eindrücke und Bitten auf die ausliegenden Zettel. Auch Schüler sind oft dort. "Viele Gruppen kommen nach dem Besuch zur Andacht ins Kloster", erzählen die Schwestern. Oft sind es internationale Gruppen.

Es hängt stark mit der Nähe zur Gedenkstätte zusammen, dass das Kloster eine besondere Rolle spielt, anders ist. Es ist ein Vorreiter: Der Karmel ist an sich ein strenger und geschlossener Orden, in dem Schweigen und Stille - Kontemplation - eine große Rolle spielen. In den Anfangsjahren führte ein Gitter quer durch die Kirche und den Raum, in dem die Schwestern Gespräche führen und Besuch empfangen. Bei jedem Kontakt befanden sich die Schwestern auf der anderen Seite des Gitters. Doch die Schwestern fühlten sich wegen der Nähe zur Gedenkstätte herausgefordert. Schwester Elija: "Da kann man nicht sagen: Wir beten für euch, aber sitzen hinter dem Gitter und fertig." Schwester Enikö fügt hinzu: "Solche Fragen mussten sich andere Klöster gar nicht stellen."

"Die Intention der Öffnung war schon bei der Gründung da", sagt Schwester Elija und weist damit auf die Absicht der Gründungsmutter Maria Theresia hin. Hinzu kam noch, erzählen die Schwestern, dass das kirchenrechtliche Denken in den siebziger Jahren etwas aufweichte. Klausurvorschriften blieben zwar, "es hat sich aber alles ein bisschen menschlicher gestaltet", formuliert es Schwester Elija. So ließ schließlich die damalige Priorin das Gitter im Besucherraum entfernen. In der Kirche ist es noch immer vorhanden, wird aber bei Gottesdiensten und Andachten geöffnet. Das war damals eine revolutionäre Tat: "Wir waren das erste Karmel, das so etwas getan hat", sagt Schwester Elija. Heute kommen so viele Gruppen und Anfragen, dass die Schwestern sich selbst Grenzen setzen müssen, damit die Kontemplation nicht zu kurz kommt. "Es ist ein buntes Karmelleben", sagt Schwester Katharina.

In der Vergangenheit wurde das Kloster oft als "Sühnekloster" bezeichnet. Sühne, das heißt Buße tun. Aber das grauenvolle Unrecht, das im KZ Dachau begangen wurde, "können wir gar nicht ungeschehen machen", sagt Schwester Katharina: "Nur Gott kann heilen, was da geschehen ist. Und: "Wir sind da, um Gott hinzuhalten, was da an Unheil passiert ist. Wie er das heilt, bleibt sein Geheimnis." In diesen Sätzen manifestiert sich der Glaube der Schwestern. "Dass viele Leute zu uns kommen und uns bitten, für sie zu beten, ist ein Ausdruck von Vertrauen und Glauben", sagt Schwester Elija, "dem Glauben daran, dass das Gebet etwas bewirkt". Sie lassen sich nicht von ihrem Eindruck entmutigen, dass immer weniger Menschen an Gott glauben oder zumindest sich zu ihm öffentlich bekennen. Auch aus diesem Gefühl heraus, leiten sie ihren Auftrag ab: "Gott ist da, wo man ihn einlässt", sagt Schwester Elija. "Deshalb ist es auch unsere Aufgabe, eine Stelle zu sein, wo Gott ankommt."

Die Jubiläumsfeier des Klosters Karmel beginnt am Freitag, 21. November, um 19.30 Uhr mit einer szenischen Lesung zur Geschichte des Klosters. Am Samstag, 22. November, neun Uhr, wird der 50. Weihetag der Kirche mit einem Festgottesdienst gefeiert, anschließend spricht Hans Waldenfels zum Thema "Das Jahr der Orden - was heißt das für uns?". Am Sonntag, 23. November, neun Uhr, findet der große Festgottesdienst mit Reinhard Kardinal Marx in der Klosterkirche statt.