Karlsfeld Eklat im Bürgerhaus

Dachaus Oberbürgermeister Bürgel äußert auf dem Forum in Karlsfeld Zweifel am Sinn des landkreisweiten Projekts "Dorf und Metropole" und bringt damit die Teilnehmer gegen sich auf.

Von Gregor Schiegl

- Dachaus Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) hat das Projekt "Dorf und Metropole" scharf attackiert und damit einen Eklat ausgelöst. Bei der Auftaktveranstaltung zur dritten Runde der Bürgerforen, die Leitlinien darüber erarbeiten sollen, wie der Landkreis mit dem Siedlungsdruck aus München umgeht und welche Gebiete im Landkreis wie stark wachsen sollen, sagte Bürgel am Mittwochabend im Karlsfelder Bürgerhaus: "Mir ist das hier viel zu oberflächlich. Es reicht nicht, nur zu sagen, wir hätten gerne 0,5 oder ein Prozent Wachstum", das Thema sei viel komplexer. Und - die Ergebnisse der Arbeitsgruppen ignorierend - fragte er den Moderator Holger Magel in seiner Eigenschaft als Siedlungsexperte: "Wie sollen wir bitte Wachstum steuern?"

Vertreter des Bündnisses für Karlsfeld reagierten empört. Bündnis-Sprecher Adrian Heim sprach von einer "Bürgerschelte" des OB, die "einfach unglaublich" sei, "das war voll daneben". Die Fraktionsvorsitzende Mechthild Hofner nannte Bürgels Einlassungen "den absoluten Hammer". Sie geriet mit dem OB danach kurz aneinander, als sie forderte, Bayern solle mehr in strukturschwache Regionen investieren. "Es sollte die Intention der Politik sein, den Boom in München nicht über das Jahr 2025 hinaus fortzusetzen", fordert sie.

Bürgel konterte prompt, es sei ein Trugschluss zu glauben, "dass wir es steuern können, dass die Menschen in die ungefragten Regionen gehen". München sei auf die nächsten Jahre "das Wirtschaftszentrum Nummer eins". Und so lange es Nachfrage nach Arbeitsplätzen gibt, werde es auch weiter Zuzug in den Landkreis geben. Als Bürgel die Veranstaltung bereits verlassen hatte, ließ Moderator Magel vom OB ausrichten, ihm sei seine Bemerkung zu dem Projekt "nur so herausgerutscht". Hinter Bürgels Kritik steht die ernsthafte Sorge, dass der Landkreis von dem Siedlungsdruck schlichtweg überrollt werden könnte und den Kommunalpolitikern dabei kaum noch Gestaltungsspielräume blieben. Die 43 000-Einwohner-Stadt Dachau habe das Potenzial, bis zu 50 000 Menschen aufzunehmen, sagte Bürgel. "Aber selbst wenn wir jetzt den Deckel draufhalten, werden wir allein mit dem bestehenden Baurecht in den Baulücken auf 47 000 Einwohner kommen." Dachau ist eine der am schnellsten wachsenden Kommunen im Landkreis. In den vergangenen Jahren legte sie um 10,1 Prozent zu.

Bei Karlsfeld verhält es sich genau umgekehrt. Die Gemeinde wuchs von 2001 bis 2011 nur um 1,9 Prozent. Mit dem großen Neubaugebiet am Prinzenpark und der Neuen Mitte wird die Gemeinde in den nächsten Jahren voraussichtlich den Sprung von 18 000 auf 20 000 Einwohner schaffen. "Aber danach ist erstmal Ruhe", sagte Karlsfelds Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU). "Wir müssen auch die Nachfolgekosten in der Infrastruktur sehen, im Sportverein und in der Kinderbetreuung." Gleichzeitig warnte er vor Forderungen nach einem Siedlungsstopp: "Wenn wir gar nichts tun, werden die ohnehin schon hohen Grundstückspreise und Mieten exorbitant explodieren." Ausgleichen kann die Gemeinde das nicht: "Wir haben keine Flächen für sozialen Wohnungsbau."

Kritik an der Veranstaltung kam auch von einigen Teilnehmern. Sie monierten, dass die Bürgermeister das Bürgerforum als Bühne missbrauchten. Dabei gibt es im Projekt "Zwischen Dorf und Metropole" auch die Mandatsträgerkonferenzen, die als politisches Pendant zu den Bürgerforen fungieren. Als Bürgel und Kolbe bei der Vorstellung nach zwanzig Minuten immer noch diskutierten - allerdings auf ausdrücklichen Wunsch des Moderators -, rief ein Teilnehmer entnervt: "Können wir jetzt endlich mit den Ergebnissen der Arbeitsgruppen weitermachen?"

Trotz der atmosphärischen Störungen und der geringen Teilnehmerzahl - nur 40 Bürger wollten sich mit dem Leitbild für den "Teilraum 1" Dachau und Karlsfeld beschäftigen - lobte Magel das "sehr gute Ergebnis". Einhellig bestätigten die Arbeitsgruppen, dass eine weitere Verstädterung Dachaus und Karlsfelds abgebremst werden sollte und neuer Wohnraum bevorzugt entlang der S2 und der künftigen S22 nach Altomünster entstehen sollte. Das radial auf München ausgerichtete Verkehrsnetz solle zudem mit leistungsfähigen Tangentialverbindungen ergänzt werden, auch im Personennahverkehr. Dies ist besonders für Karlsfeld wichtig: Die Pendlerströme Richtung München führen durch den Flaschenhals in Karlsfeld. Schon heute rollen bis zu 40 000 Fahrzeuge am Tag über die vierspurige Münchner Straße. Wichtig war den Teilnehmern auch eine stärkere Kooperation der Landkreisgemeinden, nicht zuletzt bei der Ausweisung gemeindeübergreifender Gewerbegebiete. Gefordert wurde auch ein Schutz des Grünzugs zwischen Karlsfeld und Dachau vor weiterer Verbauung. Gestern Abend diskutierten die Bürger der S-Bahn-Gemeinden über die Zukunft ihrer Gemeinden.