Kandidaten für Tassilo-Preis Geschichten auf der Gitarre

Michael Wagner hat den renommierten Robert Johnson Guitar Award gewonnen. Mit seiner Band Lem Motlow spielt er Hard Rock, doch er sieht sich in der Tradition des Blues und dessen Virtuosen.

Von Anna Schultes

Michael Wagner stellt mit seiner Hard-Rock-Band Lem Motlow das erste Album im Münchner Club 59:1 vor. Die Schlange vor der Tür ist lang. Bei Konzertbeginn ist der Raum voll bis in die letzte Ecke, es ist düster, eng und heiß. Viele Dachauer Musikerkollegen sind in den Club in der Sonnenstraße gekommen. Die fünf jungen Männer von Lem Motlow bringen auf Anhieb Bewegung in die Menge vor der Bühne. "Man rockt nicht für die Leute, sondern mit ihnen", sagt Wagner kurz vor dem Auftritt.

Dann sieht und hört man, was der 22-Jährige meint. Als er mit seiner E-Gitarre an den Rand der Bühne tritt, blickt er kurz ins Publikum. Die Zuhörer reagieren sofort, klatschen, singen mit, tanzen. Michael Wagner hat sich im vergangenen Jahr den Robert Johnson Guitar Award erspielt und gilt damit als einer der besten Nachwuchsgitarristen in Deutschland. Doch überheblich ist er deswegen nicht. Geht auch nicht, bei der unbändigen Freude daran, mit seiner E-Gitarre auf der Bühne zu rocken. Nun ist er für den Tassilo-Preis der Süddeutschen Zeitung nominiert.

Michael Wagner war 14 Jahre alt, als er Lem Motlow gemeinsam mit Schlagzeuger Julian Schmitzberger und Gitarrist Jakob Betke gründete. Für Wagner bedeutete AC/DC die "Initialzündung". Mit zehn Jahren hörte er die Gruppe das erste Mal im Radio. Kurz darauf fing er an, Gitarre zu spielen. Lem Motlow hat mittlerweile eine beachtliche Fangemeinde. Mit ihrem wilden und instrumental anspruchsvollem Rock'n'Roll besetzen die Musiker unter den jungen Bands in Dachau eine Nische. Neben der Funkband Orange Fizz und der Soulgruppe Lupin gelten sie als das Aushängeschild der Stadt.

2010 hat sich Wagner zum ersten Mal für den Robert Johnson Guitar Award beworben, 2011 hat es dann geklappt. Viel verändert habe der Preis für ihn nicht. Aber musikalisch hätten ihn die damit verbundenen Workshops weitergebracht: "Ich habe viele Musiker kennen gelernt und gute Impulse bekommen. Der Preis ist eine coole Bestätigung für das, was man die letzten Jahre gemacht hat." Mehr sagt er nicht. Im Alltag spart Michael Wagner mit Worten über sich selbst. Er ist nicht schüchtern, auch kein Lakoniker. Er will einfach nicht allzu viel über sich reden. Er spielt lieber Gitarre - und wird im übertragenen Sinn richtig eloquent. Er ist ein Erzähler auf der Gitarre mit rasanten Läufen, sich steigenden Wiederholungen und harten Riffs. Auf der Homepage des Robert Johnson Guitar Award gibt er viele Vorbilder an, wie Michael Landau oder Guthrie Govan. Sie alle verbindet eines: der Blues. Michael Wagner teilte sich den Preis mit André Mertens, einem Gitarristen, der gegensätzlicher nicht sein könnte und wie Jeff Beck ins Lautmalerische geht.

Die Bodenständigkeit ist es, die ein befreundeter Rockliebhaber an Wagner so sehr schätzt. Da er eine wertvolle Gitarrensammlung besitzt, möchte er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Der 64-Jährige begleitet Wagners musikalischen Weg seit vielen Jahren. "Er ist ein Ausnahmegitarrist", sagt er, "und ein sehr feiner Kerl." Das sei in der Branche selten. "Die meisten Musiker, die außergewöhnliche Leistungen bringen, sind auch außergewöhnlich schwierig." Er selbst sammelt seit 45 Jahren Gitarren. Die meisten Stücke, alte Gibson- oder Fender-Gitarren etwa, bleiben aufgrund ihres Werts in der Regel Ausstellungsstücke, die niemand spielt; auch der Sammler selbst nicht. Aber es gibt eine Ausnahme: Michael Wagner. "Bei ihm kommen die Schönheit und Besonderheit der alten Instrumente auf eine ganz wunderbare Art zur Wirkung", findet sein Unterstützer. "Er schafft es, das Beste aus einer Gitarre herauszuholen."

In den vergangenen Monaten hatte die CD für Wagner höchste Priorität. Sein nächstes Ziel: Die Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl - Ende Juni ist die Aufnahmeprüfung. "Dafür muss ich aber erst einmal wieder Noten lernen", sagt er und lacht. "Die braucht beim Rock kein Mensch." Derzeit macht der 22-Jährige ein Volontariat bei einem Gitarrenmagazin.

Als Wagner 17 Jahre alt war, lieh ihm sein Freund für ein Konzert eine Gibson Les Paul, Baujahr 1957. Der 64-Jährige erzählt, wie der junge Mann nach dem Auftritt auf ihn zukam, auf die Knie fiel und sagte: "Jetzt gebe ich dir deine Königin zurück." Das sei ein besonderes Erlebnis gewesen. "Dieser Moment war ganz ohne Pathos, ohne Faxen", erinnert er sich. Wagner habe die Schönheit des Tons der Gitarre gespürt. Jetzt hat der Dachauer mit eben dieser Gibson Les Paul sein Solo in einer Ballade auf dem Album eingespielt. Für seinen Unterstützer eines der besten Solos, das er jemals gehört hat. Der Gitarrensammler hat für die Zukunft des 22-Jährigen einen Wunsch: "Ich hoffe, dass er ein ganz Großer wird." Der 64-Jährige macht eine kurze Pause und verbessert sich. "Ein ganz Großer ist er schon", sagt er dann. Er wünscht ihm, dass sein Talent in der Öffentlichkeit beachtet wird. "Der Michi ist einer, der das verdient hat."

Nominierungsvorschläge können bis Mittwoch, 23. Mai, per Post, Fax oder E-Mail an die Lokalredaktion geschickt werden: Süddeutsche Zeitung Dachau, Färbergasse 4, 85221 Dachau, E-Mail: lkr-dachau@sueddeutsche.de; Fax: 08131/56 85-80. Die Kandidaten werden auf den Kulturseiten vorgestellt.