Jazz in allen Gassen Ein heißes Pflaster

Auch wenn "Jazz in allen Gassen" seinem Namen nicht immer gerecht wird, hat sich die Veranstaltung längst zum Fixpunkt im Kulturleben der Stadt entwickelt. Am Freitag gab es mit 13 000 Besuchern wieder einen neuen Rekord.

Von Anna Schultes

"Tausend Farben, tausend Farben, wir malen die Welt bunt an", tönt es über den Rathausplatz. Die Liedzeilen der Band Benito & Kestin bringen die Atmosphäre, die beim Auftakt des Dachauer Musiksommers 2014 herrscht, auf den Punkt. Die Altstadt erscheint an diesem Abend in vielen Farben. Die Besucher schlendern durch die Gassen, sammeln Klangeindrücke, genießen das besondere Flair der Plätze, sitzen entspannt beieinander oder tanzen zur Musik. 13 000 Menschen haben am Freitagabend bei "Jazz in allen Gassen" ein friedliches Fest gefeiert - und Kulturamtsleiter Tobias Schneider ist sehr zufrieden, dass er vermelden kann: "Das ist Besucherrekord."

Dass die zehnte Ausgabe des Musikfests eine besondere ist, spürt Schneider, als er zwischen den sieben Spielorten der acht Bands hin und her spaziert. Viele begeisterte Menschen sprechen ihn an, ein Besucher sagt ihm, das Fest sei für ihn zum wichtigsten in der Altstadt geworden. An diesem Abend passt alles zusammen, was nicht zuletzt an den sommerlichen Temperaturen liegt. Je später es wird, desto voller werden die Straßen. Jazz in allen Gassen hat sich zum Fixpunkt im Kulturleben der Stadt entwickelt, der die Dachauer ebenso wie Menschen von außerhalb anzieht. Beinahe jedes Jahr kommen mehr Besucher.

Dass Alt und Jung gemeinsam feiern, gefällt der 25-jährigen Anja besonders. Die Münchnerin sitzt gegen 22.30 Uhr zusammen mit ihren Freunden auf dem Rathausplatz. Hier treffen sich vor allem die jungen Besucher. Als kurz darauf Benito & Kestin die Bühne betreten, kommt Bewegung in die Menge. Junge Frauen drängen sich ganz nach vorne, schnell füllt sich der Platz bis zur Renaissancekirche Sankt Jakob. Die Band ist bekannt in Dachau, Sänger Bene Schöller kommt ursprünglich aus dem Landkreis. "Wir machen keinen Jazz, aber wir hoffen, dass Hip-Hop und Pop auch okay sind", sagt er. Die Antwort: Kreischen im Chor.

Jazz oder kein Jazz, das ist auch diesmal wieder Thema. Ob das Fest seinem Namen gerecht wird, sorgt regelmäßig für Diskussionen unter Veranstaltern und Besuchern. Anhänger des Free Jazz kommen hier nicht auf ihre Kosten, doch würde diese Nische auch nicht dem Konzept der Stadt entsprechen, ein breites Publikum anzuziehen. Aber es gibt sie, die Bühnen für den Jazz. Am Pfarrplatz zum Beispiel. Dort bieten traditionell die Amper Stompers ein breites Repertoire vom klassischen New-Orleans-Jazz bis zum Swing. Oder im idyllischen Hof des Café Gramsci, wo das junge Sextett Storycity einen stimmungsvollen Abend garantiert. Die Musiker um den Trompeter Maximilian Wittmann überzeugen durch die Präzision an ihren Instrumenten und die pure Freude am Spiel.

Abseits der offiziellen Bühnen ist auf dem Schlossberg ein weiteres Ereignis geboten. Karin-Renate Oschmann, Vorsitzende des Fördervereins Dachauer Wasserturm, ist es wichtig, dass auch dieser Kulturort eingebunden wird. Deshalb haben sie und ihr Team zur Rocknacht mit Boxhead geladen. Im klangvollen Gewölbebogen am Fuße des Turms spielen und interpretieren die fünf Musiker Klassiker von Jimi Hendrix, Deep Purple oder Uriah Heep. Dass der Ursprung der Band in die mehr als ein Jahrzehnt zurückliegende Schulzeit am Dachauer Josef-Effner-Gymnasium zurückreicht, lässt sich am Publikum ausmachen. Viele ehemalige Mitschüler finden sich auch heute noch vor der Bühne ein. "Try to set the Night on Fire", singt Mikey Wenzel in alter Doors-Manier. Der Versuch gelingt.

Auch als die Musiker in der Altstadt gegen Mitternacht ihre Instrumente einpacken, bleiben die Menschen noch bis in die Nacht auf den Plätzen sitzen. Die Jungen ziehen weiter in die Roxibar. Alles bleibt ruhig, die Polizei meldet keine Zwischenfälle. Bestätigt von den Stimmen der Besucher, zieht Tobias Schneider am nächsten Tag entspannt ein Fazit: "Das war das schönste Jazz in allen Gassen." Er sieht den Abend als eine Art Stimmungsbarometer für den Sommer in der Stadt. Wenn das so ist, kann der Sommer ja nur gut werden.