Jazz e.V. Dachau Kurz und kraftvoll

Bringen den Abend auf den Punkt: Christian Lillinger, Philipp Gropper und Ronny Graupe (von links).

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In einer Stunde bringt das Trio Gropper, Graupe und Lillinger einen grandiosen Jazzabend auf den Punkt

Von Andreas Pernpeintner, Dachau

Ein Set, etwa 60 Minuten, eine Zugabe - das ist das ganze Konzert des Trios "Gropper/Graupe/Lillinger" beim Dachauer Jazz e.V. in der Kulturschranne. Das erscheint kurz, ist aber genau richtig konzipiert. Hinsichtlich seiner fulminanten musikalischen Dramaturgie ist dieser Jazzabend ideal auf den Punkt gebracht.

Wenn drei Jazzmusiker (Philipp Gropper am Saxofon, Ronny Graupe an der E-Gitarre, Christian Lillinger am Schlagzeug) in freier Improvisation ein durchgängiges Opus von der Länge einer Bruckner-Symphonie gestalten, ist es durchaus folgerichtig, dass als Ergebnis eine prozessorale Darbietung mit fließenden Übergängen zwischen den Klangbildern entsteht. Dabei spielt ein bestimmtes musikalisches Parameter an diesem Abend eine erstaunlich kleine Rolle: die Melodik (sie dient meistens nur als Dekonstruktionsmaterial). Das wiederum führt zu einem interessanten Binnengefüge dieses Trios, denn es ist tatsächlich Schlagzeuger Christian Lillinger, der in den Vordergrund tritt. Klanglich ist sein Spiel ausgesprochen trocken, dabei aber ungemein expressiv. Was Lillinger hier vollführt, ist in jeder Sekunde virtuos, ständig bewegt, meistens von einer enormen Ereignisdichte. Das wirbelt, das pulsiert, kleine Showelemente inklusive. Großartig.

Gropper und Graupe liefern dazu das Fundament. Ein schillerndes Fundament, denn in den Spielarten, die es hier zu bewundern gibt, ist es ungemein farbig. Graupes Gitarre freilich klingt anfangs sehr zurückhaltend; ihr Fehlen bemerkt man zunächst, als er zwischendurch absetzen und eine Saite justieren muss. Seine Momente werden noch kommen. Groppers Saxofonspiel aber beinhaltet von Beginn an nicht nur Mitwirkung an der grundieren Farbfläche. Schrill überblasene Spitzentöne und perkussives Schnattern (Ken bestritt mit diesem Effekt im früheren Café Teufelhart gefühlt ganze Konzertabende) lassen das Saxofon immer wieder deutlich hervortreten.

Dann setzt die Gitarre mit einer repetierenden, markanten Ostinatofigur ein. Unablässig wiederholt, schraubt Graupe die Figur immer höher und höher. Gropper und Lillinger schwenken ein und gemeinsam erschaffen sie eine immense Verdichtung des Klanges - bis er sich in einer heftigen Eruption entlädt und die Feuersäule unter derben, donnernden Trommelschlägen zusammenfällt. Dieser Zwischenhöhepunkt ist in seiner Wirkung grandios und markiert gewissermaßen den Schluss des ersten Aktes. Nach diesem Erreichen eines kollektiven Fortissimos und dessen Einsturz nämlich setzt etwas Neues ein: Eine Steigerung, die - wie man am Ende wissen wird - bis zum Finale reichen wird. Und hierbei sind Gropper und Graupe die entscheidenden Akteure, denn was Lillinger auf dem Schlagzeug vollführt, ist ja kaum noch intensivierungsfähig. Die Gitarre wird klanglich härter, verzerrter, die Klangflächen werden monumentaler, die harmonische Dissonanz dieser Flächen wird schärfer.

Auf diese Weise stellen Gropper und Graupe Lillingers agiler Perkussivität eine laute und doch ruhig kreisende, fast hypnotische Kraft gegenüber - so lange, bis sie zum tatsächlich endgültigen Höhepunkt selbst immer bewegter spielen und am Ende solistisch virtuos zu Lillinger aufschließen. In diesem Moment haben die beiden Pole, Lillinger und Gropper/Graupe, einander erreicht. Lillinger lässt die Sticks fallen. Aus. Perfekt.