73 Jahre nach Kriegsende Sorge um die Zukunft

Die Redner am Gedenktag zur Befreiung des KZ Dachau vor 73 Jahren warnen vor neuem Antisemitismus. Charlotte Knobloch wirbt für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt über alle Nationalitäten und Religionen hinweg

Von Viktoria Großmann, Dachau

Es sind äußerst politische Reden, die in diesem Jahr zur Erinnerung an die Befreiung von Tausenden Häftlingen aus dem Konzentrationslager Dachau gehalten werden. Vor 73 Jahren trafen die amerikanischen Truppen ein. Auch 1945 fiel der 29. April auf einen Sonntag. Die große Sorge, dass all das Leid vergessen wird, dass demokratische und freiheitliche Werte nicht stabil genug sind, dass Toleranz und Mitgefühl zu kurz kommen und gar einiges, was erreicht schien, wieder verlernt wird, zieht sich durch alle Reden, die an diesem Tag in der KZ-Gedenkstätte sowie am ehemaligen "SS-Schießplatz Hebertshausen" gehalten werden.

Aus ganz Europa sind Gäste zu den Gedenkfeiern angereist, die sich in den Trauerzug zum Appellplatz auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau einreihen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Der Antisemitismus ist nicht nur unser Problem, das Problem der Juden. Er ist das Problem der Gesellschaft, in der er herrscht und verbreitet wird", sagt Charlotte Knobloch, Überlebende der Schoah und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, in ihrer Ansprache am jüdischen Mahnmal. Eindringlich ruft sie zu gesellschaftlichem Zusammenhalt "über alle Nationalitäten und Religionen hinweg" auf. Wie Knoblochs Rede stehen viele an diesem Tag unter dem Eindruck etwa des Angriffs auf zwei junge Männer in Berlin, die eine Kippa trugen. Oder auch der Verleihung des größten deutschen Musikpreises "Echo" an Musiker, deren Texte Respektlosigkeit Opfern gegenüber und eine fatale Verharmlosung der Schoah ausdrücken. Der "Echo" wurde nach Protesten und Debatten in der vergangenen Woche abgeschafft.

Zeitzeuge Ernst Grube legt eine rote Nelke am Denkmal für die ermordeten Kriegsgefangenen in Hebertshausen nieder.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

"Erstarkender Nationalismus in vielen Ländern Europas ist auch Ausdruck der Enttäuschung der Bevölkerung, des Gefühls, dass ihre Erwartungen nicht berücksichtigt werden", gibt Jean-Michel Thomas zu bedenken. Der "radikale Islamismus" sei "eine echte Gefahr", sagt der Präsident des Comité International de Dachau. In Frankreich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Anschläge auf Juden. Ende März wurde in Paris die 85 Jahre alte Mireille Knoll getötet, eine Schoah-Überlebende. Der Psychologe Jürgen Müller-Hohagen, der sich mit den Auswirkungen der Verfolgung auf die Nachgeborenen beschäftigt, warnt in seiner Rede am Gedenkort bei Hebertshausen sogar vor einer Situation wie am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Wie Thomas und Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sieht er in fehlendem Mitgefühl eines der grundlegenden Probleme.

Am 29. April 1945 trafen die amerikanischen Truppen im KZ Dachau ein.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Wichtiger, als sich zu fragen, was man damals getan hätte, sagt Hartmann, sei es, sich zu fragen: "Was kann ich heute tun?" Die Fähigkeit zum Einsatz für Demokratie, für Menschenrechte, für die Freiheit, gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus sei eine Haltung, die man entwickeln könne, sagt Hartmann in seiner Rede vor dem ehemaligen Krematorium. "Sie beginnt damit, sich berühren zu lassen." Wir haben eine Wahl, sagt er. "Sie ist risikoloser als sie es für die Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose war. Aber sie ist nicht selbstverständlich."

"Der Antisemitismus ist ein Problem der ganzen Gesellschaft", sagt Charlotte Knobloch am jüdischen Mahnmal.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Alle Redner lösen an diesem Tag einen Anspruch ein, den die beiden jungen Freiwilligendienstleistenden der KZ-Gedenkstätte formulieren: "Jugendliche erwarten hier auch Antworten auf aktuelle politische Fragen." Die bleibt vor allem Ernst Grube nicht schuldig. Der Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau spricht sich im Namen der gesamten Lagergemeinschaft gegen das neue Polizeiaufgabengesetz aus, das die bayerische Regierung verabschieden möchte und das die CSU nach heftigen Protesten im Landtag sowie Demonstrationen nun leicht entschärft hat. Auch Grube kritisiert die umfassenden Möglichkeiten zur Überwachung Einzelner aufgrund bloßer Verdachtsmomente. "Elementare Grundrechte sollen eingeschränkt werden", warnt Grube, der auch zu den wenigen Zeitzeugen der Schoah an diesem Gedenktag gehört. Grube, wie Charlotte Knobloch 1932 in München geboren, hat ebenfalls als Kind die NS-Verfolgung erlebt.

Kultusminister Bernd Sibler (CSU) geht zumindest an diesem Tag auf Grubes Kritik nicht ein. Wie Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann warnt er vor einem erinnerungspolitischen Rückfall. Der Sieg über den Nationalsozialismus, betont er mit einem Zitat des früheren Bundespräsidenten Richard Weizsäcker, sei "eine Befreiung für uns alle" gewesen. Gabriele Hammermann sieht den Konsens zu Erinnerungskultur und Pressefreiheit in Gefahr und fürchtet einen Rückfall in die Zeiten der Fünfziger- und Sechzigerjahre, als Erinnerung an und Wissen über den Holocaust kollektiv verdrängt wurden. Desinteresse und Unwissen bereitet hingegen der 26-jährige Beata Tomczyk Sorge, die für Aktion Sühnezeichen ihren Freiwilligendienst an der Versöhnungskirche leistet. In ihrer Heimatstadt Warschau sei sie täglich am Denkmal für die Aufständischen des Warschauer Ghettos vorbei gegangen. Sie fühle sich im Sinne Max Mannheimers zur Erinnerung verpflichtet.

Die angereisten Zeitzeugen, etwa Jean Samuel aus Frankreich, Volodymyr Dshelali aus der Ukraine, Vladimir Feierabend aus Tschechien, Bernhard Marx oder Agnes Pepp sind bei den Feiern nur Zuhörer. Einige haben in Dachau bereits aus ihrem Leben erzählt. Dshelali etwa erzählte im Januar im Dachauer Rathaus, wie er als Jugendlicher die Nazis sabotierte - er wurde erwischt, musste Zwangsarbeit leisten und Lagerhaft ertragen. Schüler aus Augsburg und Straubing erinnern am jüdischen Mahnmal an Thekla Stoll. Aus Nördlingen war sie in den Zwanzigerjahren in die USA ausgewandert, kehrte jedoch wegen ihrer kranken Mutter Ende der Dreißigerjahre zurück. Thekla Stoll wurde deportiert, ihre Spur verliert sich 1943. Erhalten sind Gedichte, in denen sie die Deportationen der Menschen beschreibt: "Ihr Ziel ist Stacheldraht."